Bauers Depeschen


Donnerstag, 22. Dezember 2016, 1717. Depesche


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KARTEN ZU WEIHNACHTEN?

FLANEURSALON IM GUSTAV-SIEGLE-HAUS

Im Gustav-Siegle-Haus gibt es im 1. Stock einen kleinen, feinen Saal, der in Vergessenheit geraten ist. Schöne Bühne, Platz für 150 Gäste. Vor mehr als 15 Jahren hab ich dort mal eine Veranstaltung gemacht - und mich jetzt daran erinnert. Am 20. Februar 2017 machen wir in dieser Kronleuchter-Kulisse, mitten im Leonhardsviertel, einen Flaneursalon - mit Stefan Hiss, Marie Louise & Zura Dzagnidze; durch den Abend führt Timo Brunke. Vielleicht taugt ja eine Karte als kleines Weihnachtsgeschenk - der Vorverkauf hat begonnen: online: KARTEN FÜRS SIEGLEHAUS - Telefon: 0711/2 555 555



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



FILZPANTOFFELN

Selten habe ich vergessen, den Weihnachtsmarkt zu besuchen. Meistens gehe ich kurz vor Schluss, die Liedzeile „Macht hoch die Tür, das Tor macht weit . . .“ gilt ja bis Heiligabend. Was ich auf dem Weihnachtsmarkt zu suchen habe, ist leicht zu beantworten: Dinge, die die Welt nicht braucht. Ich leide an der Sucht, unnützes Zeugs und hässliche Souvenirs zu kaufen. Kaffeetassen, aus denen man nicht trinken kann, ohne dass einem bei ihrem Anblick schlecht wird. Schreibstifte, die eine Einweisung ihres Besitzers in die Geschlossene rechtfertigen. Und mit feinem Gespür für das Gesamtkunstwerk besitze ich Kapuzenjacken, die man guten Gewissens ausschließlich in der Geschlossenen tragen kann.

Neulich auf dem Weihnachtsmarkt machte ich mir Notizen mit einem Füllfederhalter der Marke Harley­Davidson. Dieses Monstrum habe ich mir einst im Schreibwarengeschäft Bublitz in der Bolzstraße besorgt; leider musste dieser Laden später einer Bar weichen. Der Harley-Füller spiegelt mein konsequentes Leben: Sein Design erinnert an einen Motorkolben, ich bin Fußgänger.

In den vergangenen Jahren habe ich mir auf dem Weihnachtsmarkt unter anderem einen kleinen VW-Bus, einen daumengroßen Schutzengel und zwei Paar Filzpantoffeln gegönnt. Filzpantoffeln an den Füßen sind lächerlicher als alles, was ein nackter Mann vorzeigen kann. Doch geben sie mir die Illusion, gut gewärmte Füße könnten etwas Blut bergauf Richtung Hirn pumpen. Wozu ich zwei Paar Filzpantoffeln von derselben Sorte habe, können nur lebensfremde Dummköpfe fragen: Weil ich mindestens eins der zwei Paare in meiner Wohnung nie finde. Es wäre verdammt stillos, deshalb meine Füße unterm Schreibtisch in eines meiner sechs Paar Badelatschen aus dem Drogeriemarkt zu stecken. Wenn du mit Billig-Badelatschen und einer Kapuzenjacke mit dem Aufdruck „Punk Rebel“ am Schreibtisch sitzt, bist du erledigt. „Punk Rebel“-Kapuzenjacken kombiniert mit Filzpantoffeln vom Weihnachtsmarkt dagegen haben Klasse. Sind entschieden hipper als die weißroten, an den zweitklassigen VfB erinnernden Weihnachtsmannmützen auf den Köpfen weinverglühter Typen, die den Weihnachtsmarkt karnevalisieren.

Es ist Zufall, dass ich den Stuttgarter Weihnachtsmarkt einen Tag nach dem Sattelschlepper-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche besuche. Ein Polizist vor dem Rathaus sagt mir, es seien weniger Menschen gekommen als in den Tagen zuvor. Vor meinem Weihnachtsmarktausflug hat mir einer meiner letzten Freunde, ein Musiker, geraten, Engel von Wendt & Kühn zu suchen: Engel von Wendt & Kühn seien das Größte. 2015 hat die Holzfiguren-Firma aus dem Erzgebirge ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Weltberühmt sind ihre Musiker-Engel: Schlagzeuger, Bläser, Harfenisten. Mit ­diesen Engeln kannst du ein ganzes Orchester zusammenstellen. Vor der Stiftskirche spielen Kinder mit Blockflöten „Es ist ein Ros’ entsprungen“. Musikanten von Wendt & Kühn finde ich leider nirgendwo. Das ist bitter. Ohne Beute kann ich nicht nach Hause gehen, und ein drittes Paar Filzpantoffeln erschiene mir angesichts der allgemeinen Weltlage etwas dekadent.

Engel anderer Marken als Wendt & Kühn kommen an diesem Tag nicht infrage, und holzgeschnitzte Kamele, Lamas und Löwen kann ich moralisch nicht verantworten: Stünden sie unter meinem Filzpantoffel, wären sie ein Schlag ins Gesicht unseres humanistisch geprägten Gemeinderats, der neulich ein „Wildtierverbot“ für Zirkusse in der Stadt verhängt hat.

Ich bleibe am Stand einer Töpferei hängen. Ihre Tassen passen nicht in mein häusliches Repertoire: nicht hässlich genug. Dann entdecke ich einen „Knoblauchtopf“, eine mir bis dahin unbekannte Errungenschaft der Evolution. Handarbeit, ein formvollendetes Werk mit Deckel und Löchern, kleiner als ein Nachttopf, nicht teurer als ein Zwiebeltopf mit etwas mehr Löchern.

Dazu muss man wissen: Ich bin der einzige Mensch, den ich kenne, der nicht kochen kann – und es im Gegensatz zu vielen anderen mit ähnlicher Behinderung auch nicht tut. Jedoch entspricht es meinem Verständnis von der globalen Weihnachtsmarktwirtschaft, dass ein Mann, der niemals kocht, einen Knoblauchtopf mit Löchern besitzen muss.

Die Frage, wozu ich einen Knoblauchtopf brauche, schreit nicht unbedingt nach einer Antwort. Doch liefere ich eine: Ich werde in diesem Gefäß meine Gesinnung lagern. So bleibt sie geschützt. Die Löcher im Topf und der Deckel zum Öffnen werden verhindern, dass meine Gesinnung zu faulen beginnt wie eine Knoblauchknolle, die keine frische Luft bekommt. Wenn ich die Gesinnung brauche, ist sie relativ frisch und genießbar, auch wenn sie für den einen oder anderen befremdlich riecht.

Im Lauf meines Lebens habe ich gemerkt, dass viele Gesinnungen, die ungelüftet in Köpfen lagen wie in Töpfen ohne Luftlöcher, zu gären und zu stinken beginnen. Dann suchen sie sich, kurz bevor der Schädel explodieren könnte, einen Ausgang und dringen nicht nur durch aufgerissene Mäuler in die ohnehin zerstörte Umwelt ein. Meist landet das Gift aus den Köpfen in den sozialen Netzwerken, vorzugsweise wenn die Gesinnungsträger gegen Menschen hetzen, die sie nicht kennen und von denen sie nichts wissen. Die Auslöser dieser Giftangriffe nennen sich gern „Andersdenkende“, wohl um den Eindruck zu erwecken, sie hätten schon mal über ein anderes Denken als ihr eigenes nachgedacht.

Nach meinem Weihnachtsmarktbesuch bekam ich im Fernsehen mit, wie der Frankfurter Philosoph Thomas Metzinger in einem Interview sagte, der heute herrschende und verbreitete Hass erinnere ihn an eine alte Weisheit: Man trinkt einen Becher Gift und hofft, dass der andere davon stirbt.

Damit, denkt der Filzpantoffelheld, ist alles gesagt.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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