Bauers Depeschen


Montag, 19. Dezember 2016, 1715. Depesche


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FLANEURSALON IM GUSTAV-SIEGLE-HAUS

Im Gustav-Siegle-Haus gibt es im 1. Stock einen kleinen, feinen Saal, der in Vergessenheit geraten ist. Schöne Bühne, Platz für 150 Gäste. Vor mehr als 15 Jahren hab ich dort mal eine Veranstaltung gemacht - und mich jetzt daran erinnert. Am 20. Februar 2017 machen wir in dieser Kronleuchter-Kulisse, mitten im Leonhardsviertel, einen Flaneursalon - mit Stefan Hiss, Marie Louise & Zura Dzagnidze; durch den Abend führt Timo Brunke. Vielleicht taugt ja eine Karte als kleines Weihnachtsgeschenk - der Vorverkauf hat begonnen: online: KARTEN FÜRS SIEGLEHAUS - Telefon: 0711/2 555 555



Die aktuelle StN-Kolumne:



KOFFER UND SCHIRM

Wenn der Zirkus auf dem Cannstatter Wasen gastiert, steht das Zelt ziemlich dicht am Ufer. Wer nicht mit dem Auto auf den Parkplatz fährt, sondern über dem Neckar an der Haltestelle Mercedesstraße aus der Straßenbahn steigt, sieht ein erregendes Spiel der Lichter zu Land, in der Luft und auf dem Wasser. Endlich mal Lichter der Großstadt, lustigerweise weit draußen in der Stuttgarter Prärie.

Und noch bevor er im Vorzelt des Weltweihnachtscircus den Duft der großen, weiten Welt riecht, ahnt der Besucher beim Blick von der Brücke, was Zirkus bedeutet: Alles im Fluss, alles in Bewegung. Deshalb gehe ich in den Zirkus: an einen Ort, wo es keine sichtbaren Grenzen gibt, keine zwischen Nationen und keine zwischen angeblich so verschiedenen Kulturen. Es sind ja bei näherem Hinsehen nicht die Kulturen, die verschieden sind, sondern die Zivilisationen. Der Umgang mit den Errungenschaften der Kulturen hingegen öffnet uns den Weg zu den Gemeinsamkeiten der Menschen. Die Brücken dafür bauen seit jeher Künste aller Art.

Wer schon kommt im Weltweihnachtscircus auf die Idee, Menschen in der Manege als Vertreter einer „Nation“ zu sehen, als ginge es um einen Wettbewerb zwischen Ländern. Der Zirkus ist keine sportliche Weltmeisterschaft und keine Messe. Im Zirkus habe ich gelernt, meinen sogenannten Geschmack nicht so wichtig zu nehmen. Viele Dinge kommen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zusammen – und die Nummern, die nicht unbedingt meinem Geschmack entsprechen, ergänzen die anderen, die mich mehr ansprechen, zu einem großen Ganzen.

Der Weltweihnachtscircus zeigt in diesem Winter erneut eine gut durchdachte Mischung mit der Höchstleistungsakrobatik des Sensationsentertainments und der Poesie des kleinen Varietés. So kommt einem das Wesen des guten Zirkus nahe: Noch steckt einem der lebensgefährliche Akt ohne Netz des fliegenden Trapezartisten Alex Michael in den Knochen, da fühlt man sich schon an die Komödianten der Straße und die alten Schaubuden des Rummelplatzes erinnert: Olivier Taquin & Olivier Bonjour als Les Frères Taquin präsentieren uns mit ihrer Pantomimen-Nummer den ewigen Kampf zwischen der Maschine und ihrem Erfinder, dem fortschrittsgläubigen Menschen. Man fragt sich zuvor, was für Superhirne sich die unglaubliche Seil- und Sprung-Choreografie der chinesischen Truppe Lassos ausdenken – und kommt später ums Verrecken nicht dahinter, warum hinter dem russischen Clown Pavel Boyarinov ein Spielzeugelefant herläuft, als sei es ein echter, nur etwas zu klein geratener Dickhäuter. Dieser Clown aus der alten Schule zieht mit einem großen Lederkoffer und einem alten Regenschirm durch die Manege und weckt damit das Reisefieber: Es ist Zeit, seine Sachen zu packen und mit einem Regenschirm in der Hand gegen die Barbarenarmeen dieser Welt zu kämpfen. Zwischen all diesen Ereignissen wirkt der neue Conférencier Martin Bukovsek aus Stuttgart übrigens wie eine schwäbische Quotenfigur aus dem Vorabendprogramm; vielleicht aber gehört auch der Folkloresound eines Laienorgans zur zirzensischen Weltbühne.

Damit sind wir schon mitten in den großen erotischen Momenten, der vielleicht schwierigsten emotionalen Überzeugungskunst in der Manege. Varieté ohne Sinnlichkeit wäre lausiges Cabaret. Und von meinem unerheblichen Geschmack ausgehend, wage ich zu behaupten: Wäre Heinrich Manns Professor Unrat nicht im Hafen-Varieté Der Blaue Engel, sondern im Weltweihnachtscircus gelandet, hätte er sich statt in die Sängerin Lola Lola in die Luftakrobatin Shirley Larible verliebt. Diese Frau präsentiert ihr Strapaten-Solo mit so viel tänzerischer Eleganz, Poesie und Rhythmus, dass man selbst in der hintersten Reihe spürt, welches Gewicht, welche Kraft hart erarbeitete Leichtigkeit besitzt.

Ähnlich erotisch-ungekünstelt wirkt die originelle Mischung aus Jonglage und Tango von Menno und Emily van Dyke, während Valentina Kulkovas Amazonen mit ihrem Husarenritt eine befreiende Zügellosigkeit lostreten. Der Zirkusregisseur Patrick Rosseel hat diese kontrastreichen Nummern dramaturgisch clever zusammengestellt, wobei in diesem Jahr die erstklassige Lichtregie auffällt. Da entstehen eigene Bilder. Das Licht in Shows wird ja bis heute unterschätzt und zu wenig bewusst wahrgenommen. Dabei ist es so prägend wie der famose Sound des Orchesters unter der Leitung von Markus Jaichner. In einem Zirkus kommt also eine Menge zusammen, und es ist erstaunlich, wie sich dieses uralte Marktplatz-Genre in die Gegenwart hineinspielt, ohne die alten Reize zu verlieren.

Auch einige Tiernummern sind in diesem Winter wieder im Programm: Wir erleben wunderbare Seelöwen, Hunde, Kamele, Lamas und wie immer die Pferde des Circus Knie, dessen Akteure – wie Maycol Errani – als virtuose Universalartisten auftreten, alle zu Hause in verschiedenen Disziplinen, als wäre alles nur ein Spiel. Bekanntlich hat der Gemeinderat von 2019 an Wildtiere in der Manege verboten. Diese Übung fällt den mutigen Herrschaften leichter, als beispielsweise ein Fahrverbot gegen die Giftattacken auf Menschen durch zu viele Autos durchzusetzen. Da es für mich zurzeit in der Politik wichtigere Dinge gibt als den Kampf gegen Zirkustiere, grüße ich alle Pferde, Seelöwen und ähnliche wilde Hunde solidarisch in der Manege. Ich weiß nicht, wie hart ein Job als professionelles Zirkuslama oder auch nur als gehätschelter Hauspudel ist, und wünsche mir eher mehr Aktionen gegen die Auswüchse in der menschlichen Arbeits- und Wohnwelt hierzulande. Konsequenterweise müssten jetzt auch sofort weite Bereiche des Wilhelma-Zoos geschlossen werden.

Damit zurück zu den Artisten unter der Zirkuskuppel: Ebenso wenig wie das Tier­leben kann ich beurteilen, wie hart junge Männer und Frauen trainieren müssen, ehe sie irgendwo in einem fremden Land von der Russischen Schaukel zu einem fünffachen Salto ansetzen und mit dieser Himmelfahrtsnummer um die Welt fliegen. Dafür gilt ihnen mein aufrichtiger Respekt: Lang lebe der Zirkus, mit allem Drum und Dran!



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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