Bauers Depeschen


Dienstag, 06. Dezember 2016, 1710. Depesche


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KLEINE KOLUMNENPAUSE.



ALLES LIVE - FLANEURSALON IM SIEGLEHAUS

Nach dem sehr stimmungsvollen Schmuddel-Bankett am Sonntag im Sieglehaus steigt an diesem Mittwoch und Donnerstag "Die Nacht der Lieder" im Theaterhaus. Ausverkauft.

Für den Flaneursalon am kommenden Sonntag in der Rosenau gibt es bestenfalls noch Restkarten an der Abendkasse.

Am Montag, 20. Februar 2017, ist der Flaneursalon im Gustav-Siegle-Haus: Die Wiederentdeckung des Kleinen Saals. Schöne Kronleuchter-Kulisse. Mit Stefan Hiss, Marie Louise & Zura Dzagnidze. Durch den Abend führt Timo Brunke. Der Vorverkauf ist bereits eröffnet: EASY TICKET - und telefonisch 07 11/ 2 555 555.

Bereits am Donnerstag, 9. Februar, sind wir wieder im Kabarett der Galgenstricke Esslingen. Mit Zam Helga, Ella Estrella Tischa und Timo Brunke.



Der Klick zum

LIED DES TAGES



Eine kleine Erinnerung:



DER HOCHSEILAKROBAT

Immer wenn Artisten in der Stadt sind, wie zurzeit im famosen Weltweihnachtscircus auf dem Cannstatter Wasen, erinnere ich mich an eine kleine Geschichte aus meiner Kindheit. Heute bin ich mir sicher, dass dieses Ereignis meine Liebe zu Zirkus- und anderen bunten Shows geprägt hat.

Eines Tages, ich war sechs und noch nicht in der Schule, kam eine Akrobatentruppe in unser Dorf. In unserem katholischen Dorf gab es einen offiziellen Marktplatz; das Wort Marktplatz war nur eine großspurige Bezeichnung für ein Nichts aus etwas Wiese und Asphalt.

Ich hatte gehört, Motorradfahrer würden über diesem Platz, auf dem es nie einen Markt gab, auf Hochseilen fahren, höher als der Turm der katholischen Kirche, in der sich die Kinder des Kindergartens beim Beten die Knie wundscheuern mussten.

Akrobaten galten bei uns damals als zwielichtige Kerle, ähnlich gefährlich wie die „Zigeuner“, die manchmal mit ihren Wohnwagen an unserem kleinen Fluss lagerten. Vor der Ankunft der Artisten hatte man allen Christen im Dorf geraten, die Wäsche von den Seilen zu nehmen und Geld, Schmuck und unverheiratete Frauen wegzuschließen. Ich verstand die Aufregung nicht. Ich war klein und hungrig auf die Welt, und Hochseilartisten waren für mich, auch wenn ich nie zuvor welche gesehen hatte, Boten aus der großen Welt. Vermutlich kamen sie aus Amerika wie die schwarzen Soldaten in der Kreisstadt.

Irgendwie schaffte ich es, aus dem Haus zu schleichen und trotz des Verbots meiner protestantischen Eltern die Vorstellung am frühen Abend zu besuchen. Was die Artisten im Einzelnen vorführten, weiß ich heute nicht mehr. Nur einige verschwommene Bilder habe ich noch im Kopf. Es war ja buchstäblich unbeschreiblich, wenn Männer samt Frauen mit Motorrädern das halbe Dorf in der Luft auf Drahtseilen überquerten. Und ich war noch nicht so verdorben, mir einen Absturz zu wünschen.

Wie gesagt, exakte Bilder von diesem Ereignis habe ich nicht mehr vor Augen, allerdings kann ich mich an die langen Balancierstangen der Artisten erinnern, und wenn ich daran denke, ärgere ich mich bis heute, dass ich nur für ein paar Jahre Fußballtorwart und nicht Akrobat geworden bin - wenigstens parterre.

Nachdem ich die Luftschau gesehen hatte, ließ sie mich nicht mehr los. Es musste auch für mich eine Möglichkeit geben, auf einem Seil zu fahren. Ungerecht war, dass ich kein Motorrad besaß, auch wenn es seinerzeit nicht üblich war, dass kleine Jungs Motorräder hatten. Nur einige der älteren Kinder hatten eine Kreidler Florett. Ernesto Guevara, der am selben Tag Geburtstag hat wie ich, fuhr schon als junger Kerl Motorrad und wurde deshalb Revolutionär. Aber davon erfuhr ich erst später.

Ich besaß einen Roller. Mein Tretroller war anders gebaut als später die Dinger, die man City-Roller oder Kickboard nannte. Er hatte zwei mit Luft aufgepumpte Gummireifen und stand oft gelangweilt und verstaubt in unserem Schuppen neben dem Werkzeug, den Gartengeräten und den Gummistiefeln herum, weil zumindest einer der Reifen einen Platten hatte und keiner Zeit, ihn zu reparieren. Ich schon gar nicht.

Am Morgen nach der Vorstellung der Motorrad-Akrobaten auf ihren Hochseilen kam mir eine Idee. Schnurstracks marschierte ich zum Schuppen. Es muss ein Zeichen des Himmels gewesen sein, dass beide Rollerreifen an diesem Tag platt war. Ich schleppte den Roller aus dem Schuppen, holte etwas Werkzeug und begann, die Gummireifen von den Felgen zu lösen. Das war eine Schweinearbeit. Man brauchte einen großen Schraubenzieher, um ihn zwischen Felge, Schlauch und Mantel zu schieben. Dass dabei die Reifen an diesem Tag vollends kaputt gingen, war klar. Und womöglich Zweck der Übung.

Es dauerte gut zwei Stunden, bis ich beide Reifen runter hatte und die Felgen freilagen. Jetzt brauchte ich noch ein Seil. Ich klaute meiner Mutter eine Wäscheleine und spannte sie zwischen den Pfosten eines Zauns und das Eisentor auf dem Wäscheplatz neben dem benachbarten Güterbahnhof. Damals gab es noch einen Güterbahnhof für die Waren der örtlichen Matratzenfabrik. Meine Leine hing nicht ganz so hoch wie die der Motorradakrobaten über dem Marktplatz, ungefähr achtzig Zentimeter über dem Erdboden.

Als ich das Seil gut verknotet und gespannt hatte, stellte ich den Roller mit den nackten Felgen auf die Wäscheleine. Jetzt musste ich nur noch das Trittbrett erreichen. Ich hielt den Roller mit beiden Händen am Lenker fest und hüpfte aus dem Stand mit beiden Füßen auf das Trittbrett. Das war zweifellos Akrobatik, diesen Sprung beherrschte nicht jeder, und an diesem Tag hätte ich beinahe den Himmel gestreift.

Dann allerdings unterlief mir ein Fehler, der meinen Traum von einer Karriere als Hochseilartist jäh beendete: Ich hatte bei meiner Luftnummer, daran sollte ich im spätere Leben noch oft denken, die Balancierstange vergessen.

Als ich neben meinem Roller auf der Schnauze lag, roch ich das Gras unter der Wäschestange, und ich beschloss, noch einmal von vorn anzufangen. Ich holte die Gummistiefel aus dem Schuppen und wurde Cowboy.

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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