Bauers Depeschen


Samstag, 15. Oktober 2016, 1688. Depesche


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FLANEURSALON LIVE

> Donnerstag, 3. November: Flaneursalon im Esslinger Kabarett der Galgenstricke: mit Loisach Marci, Anja Binder und Rolf Miller.

> Sonntag, 11. Dezember: Flaneursalon in der Rosenau mit der Kabarettistin Christine Prayon und den Musikern Steve Bimamisa & Thabile, Toba Borke & Pheel. Beginn: 19 Uhr!

> 31. Dezember: 2 x Silvester-Flaneursalon im Theaterhaus: mit Stefan Hiss, Eva Leticia Padilla, Rolf Miller und Michael Gaedt. 1. Show um 19.15 Uhr, 2. Show um 21:15 Uhr. Der Vorverkauf hat bereits begonnen.



Die aktuelle StN-Kolumne:



GLUCKEN UND GOCKEL

Es gibt im Moment keinen Anlass, seine Bob-Dylan-Platten ins Hörbuchregal umzuräumen und noch weniger Grund, sich mit dem Nobelpreisspott von Kritikern auseinanderzusetzen: Bildschirm-Clowns, die angesichts der Präsenz jedes ehrbaren Gurkenhobelverkäufers vor Neid erblassen müssten. Sei’s drum. Der Furz der Arroganz is blowin’ in the wind.

Und schon bin ich in den Wolken. Seit geraumer Zeit lese ich im Internet die Werbung, das neue Hochhaus „Cloud No 7“ sei „Stuttgarts neues Wahrzeichen“. Und damit sagen die Reklamefuzzis die Wahrheit: Dieser Klotz symbolisiert die Wohnungspolitik unserer Zeit. Eine­Krankenschwester müsste für den Kauf eines einzigen Quadratmeters in der Wolke 7 hinter dem schönen Einkaufszentrum Müllaneo ihr Jahresgehalt investieren.

Jetzt bloß keinen Sozialneid, so sieht nun mal das Immobiliengeschacher dieser Stadt aus: Gebaut wird fast nur noch von Reichen für Reiche. Und wenn wie im Fall des neuen Luxuskastens der Investor mit Vornamen Tobias heißt, nennt ihn der Finanzbürgermeister Föll von der CDU öffentlich den „lieben Tobi“. Was da sonst noch alles zwischen Politikern und Geschäftspartnern in der Öffentlichkeit läuft, spielt keine Rolle: Da halte ich mich an das alte Milieugesetz der Diskretion.

Lustig ist wieder mal die im Marketinggeschäft übliche Protzerei. Weithin sichtbar ist am Hochhaus Wolke Nr. 7 die Reklame zu lesen: „Living above the clouds“ (Leben über den Wolken). Da der Bau an der Wolframstraße gerade mal 16 Stockwerke hat, kann das nur heißen: In diesem Laden fällt einem schon extrem nahe über der Erde der Himmel auf den Kopf. Das hinderte den Bauherren allerdings nicht, von einem „Lebensgefühl wie in New York“ zu schwafeln. Was soll’s. In Städten wie New York taugen 16 Stockwerke für Hundehütten mit betreuten Promi-Kötern.

Wenn man laut Werbung in einem sechzehnstöckigen Gebäude generell „über den Wolken“ lebt, kann es dafür nur zwei Gründe geben: Entweder sind die Etagen unter dem Penthouse unbewohnt – oder aber die Wolken geistiger Umnachtung hüllen auch schon das Erdgeschoss ein.

Was bedeutet denn schon „hoch“? Die vier alten, von Helmuth Conradi in den fünfziger Jahren erbauten Eisenbahnerhochhäuser am Nordbahnhof haben elf bis 15 Stockwerke und bieten eine atemraubende Aussicht. Diese Bauten wurden einst für Normalverdiener ohne Gedöns provinzieller Aufschneider hochgezogen. Geradezu rührend ist es, einen Hochbunker für Betonspekulanten mit dem Titel „Cloud Nr 7“ zu verniedlichen – als stecke hinter dieser Viagranummer ein Akt erotischer Poesie.

Angeblich hat man das neue, 60 Meter hohe Haus nach dem Bauareal Nummer sieben hinter dem Bahnhof benannt. Tatsache ist, ich habe es früher schon mal erwähnt: Im Englischen existiert der Begriff „Cloud Nr. Seven“ überhaupt nicht. Da gibt es zur Beschreibung liebesbedingter Sehnsuchtsschwellungen lediglich den „seventh heaven“, den siebten Himmel. Will man jedoch von diesen Gefühlswallungen ähnlich wie bei uns erzählen, heißt es im Englischen immer nur: „cloud nine“, Wolke neun. Bekannte Liebeslieder mit dem Titel „Cloud Nine“ gibt es etwa von The Temptations und George Harrison.

Wer seine Höhensucht mal ohne einen Haufen Geld ausleben will, dem empfehle ich einen Restaurantbesuch in einem der drei Wohnblöcke im Asemwald; diese stolzen Brummer haben bis zu 23 Stockwerke und sind bis zu 70 Meter hoch. Besagtes Lokal findet sich in der Siedlung mit dem wunderbaren Namen Hannibal im 20. Stock des Gebäudes Asemwald 54, trägt den einzigartigen Namen Bella Vista Sky Restaurant und bietet umwerfenden Weitblick auf den Flughafen, die Filder und die Schwäbische Alb. Erst diese Woche habe ich mir an diesem Himmelfahrtsort mit befreundeten Wolkenschiebern ein Mittagsmahl gegönnt. Auf demselben Stockwerk gibt es übrigens ein öffentliches Schwimmbad mit Sauna. Bei solchen Aussichten ist „Stuttgarts neues Wahrzeichen“ im Europaviertel für Durchschnittsmenschen vergleichsweise so attraktiv wie ein Hochsicherheitstrakt für Lebenslängliche. Und falls im Asemwald gerade mal eine Immobilie frei sein sollte, bekommst du eine Vierzimmerwohnung schon für eine schlappe halbe Million. Für diese Summe, falls ich sie hätte, bekäme ich in den Obergeschossen des Nummersiebenturms gerade mal Platz für meinen Hutständer. Meine Stiefel müsste ich in den Schließfächern des Hauptbahnhofs unterbringen.

Wir sehen: Mitten in der Wohnungsnot macht der soziale Wohnungsbau der Stadt gewaltige Fortschritte. Weil ihn aber niemand bemerkt, will die Stadt demnächst eine Internationale Bauausstellung auf die Beine stellen. Bescheiden, wie unsere Plattenbau-Politiker sind, reden sie schon mal vom Bezug zur Weißenhofsiedlung und der revolutionären Werkbund-Ausstellung „Wohnen“ von 1927.

Jeder, der sich ernsthaft für die Sache interessiert, sollte sich rasch mit dem politischen und kulturellen Klima im Stuttgart der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts auseinandersetzten. Damals, in einer relativ liberalen Stadt mit radikalen Geistern, war einiges möglich – gegen die Konservativen und Reaktionäre. Der große Künstler Kurt Schwitters hat 1927 in seinem Aufsatz „Komplimente für den Weißenhof“ geschrieben: „ … die Behörden in Stuttgart und Württemberg kommen mir vor, als wären sie Hühnerglucken, die falsche Eier ausgebrütet haben, und nun stehen sie am Ufer des Teichs und sehen mit Stolz und mit Grauen, wie die Entenkücklein, die sie aber doch für ihre Kinder ansehen, weit hinaus auf die Wasserfläche schwimmen, wo sie ihnen nicht folgen können.“

Heute bedrohen Abriss- und Mietwahnsinn als Folge der Profitmaximierung den gesellschaftlichen Frieden und fördern damit den Rechtsruck. Schwer zu glauben, dass die Glucken und Gockel aus der Politik hundert Jahre nach dem Bau der Weißenhofsiedlung radikalen Gedanken zur Umkehr folgen könnten – sofern die überhaupt jemand denkt. Nur eins steht fest: Reichlich Wind werden sie wieder machen.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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