Bauers Depeschen


Dienstag, 11. Oktober 2016, 1686. Depesche


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Die aktuelle StN-Kolumne:



WIE AUF DER BRATPFANNE

Im Westen der Stadt bin ich von toten Dichtern und Schriftstellern umzingelt, was nicht gut sein kann für einen Zeitungsfritzen. Eigentlich müsste er vor Neid erblassen, seinen läppischen Laptop auf die Straße werfen oder wenigstens halb nackt aus dem Fenster springen wie der Schriftsteller Nikolaus Lenau. Selbstverständlich ist es taktlos, über ein solches Schicksal dumme Witze zu machen, auch wenn die Welt voller dummer Witze ist.

Nikolaus Lenau, 1802 in Ungarn geboren, war von 1831 bis 1844 regelmäßig in Stuttgart, zwischendurch lebte er auch eine Weile in Amerika und konnte deshalb die Lage richtig einschätzen: „Das Stuttgarter Klima ist abscheulich, ich liege in diesem Tal wie auf einer Bratpfanne. Ich habe alles getan, was mir leiblich frommen sollte, auch das Baden nicht vergessen, doch die Luft ist gar zu lax und erbärmlich“, notiert er im Sommer 1840.

Da damals noch keine von Abgas­Gangstern manipulierten Autos im Kessel herumfuhren, kann man sich in etwa vorstellen, in welchem Schnellkochtopf wir heute dahinvegetieren. Da hilft selbst ein Bad in meinem schönen, neuen Mineralwasserdomizil zu Cannstatt nur bedingt.

Aus dem Fenster gestürzt hat sich Lenau nicht im Westen, sondern im Reinbeck’schen Haus, einer Art Literatur- und Kunstsalon in der Friedrichstraße 4. Das war am 20. Oktober 1844, im Herbst-Blues. Er überlebte und wurde in die Heilanstalt Winnenden eingeliefert. 1850 starb er in Oberdöbling bei Wien in geistiger Umnachtung.

Lenau hat man, wie vielen anderen Dichtern, im Westen eine Straße gewidmet. Ich wohne – neben der wegen Bauarbeiten zurzeit nicht vorhandenen Novalisstaffel – in der Klopstockstraße, Stadtteil Hölderlinplatz, also im Umfeld mehrerer Dichter.

Speziell Herr Friedrich Gottlieb Klopstock scheint mir nicht besonders populär zu sein: Nicht selten erhalte ich Post mit der Aufschrift „Kloppstockstraße“, mit zwei p wie Paula. Viele Beschäftigte im Kommunikationsbusiness müssen demnach glauben, meine Straße sei nach den Dingern benannt, mit denen demokratische Polizisten linke Demonstranten verprügeln, um die Rechte der Rechtsextremen zu schützen.

Als mir die Sache mit den Dichtern im Westen durch den Kopf ging, war ich gar nicht im Westen. Ich saß im schönen Café Schurr an der Böblinger Straße im südlichen Heslach. Es war Sonntag, der 9. Oktober, an der Wand des Lokals sah ich die vielen Fotos aus Kuba, und da fiel mir ein: Am 9. Oktober 1967 wurde der Revolutionär Ernesto Che Guevara in Bolivien ermordet. Als Fidel Castros Guerillas in der Silvesternacht 1958/59 den Diktator Batista stürzten, war das Café Schurr schon drei Jahre alt, und bis heute ist dieser wunderbare Tratsch- und Tortensalon so original erhalten wie der eine oder andere vorrevolutionäre US-Oldtimer in den Straßen von Havanna. Wenn mir beim Blick auf die Fotos von Kuba Che Guevaras Todestag einfällt, hat das einen simplen Grund: Ich bin zwar ein bisschen jünger als der Comandante, habe aber am selben Tag Geburtstag. Und immerhin bin ich ein Jahr älter als das Café Schurr. So viel zur Chronologie.

Manchmal hält man mir „Gedankensprünge“ in meiner Kolumne vor, aber das sind keine Gedankensprünge, sondern die Folgen stinknormaler „Moves“, wie der Marketingchef sagt: Ich bewege mich. Man kann die Klopstockstraße von meiner Wohnung aus ziemlich lange bergauf gehen Richtung Kräherwald, aber weit schneller runter zur Schwabstraße und zur Haltestelle der Buslinie 42. Dieser Bus fährt nach Heslach, und dann sitzt du eben im Café Schurr mitten in Havanna und denkst über Lenau, Klopstock und Che Guevara nach. So ist das in einer Stadt, in der nicht nur das Klima dein Fernweh weckt.

Ich muss hinzufügen, dass Gustav Schwab – nach ihm ist die Straße mit meiner Bushaltestelle benannt – den Kollegen Lenau einst an den Stuttgarter Cotta-Verlag vermittelte, bei dem er seine Gedichte herausbrachte. Der Dichter und Theologe Gustav Schwab ist ein echter Stuttgarter, er predigte unter anderem in der Leonhardskirche, wo er 1841 Stadt­pfarrer und Dekan wurde. Bei dieser Gelegenheit darf ich darauf aufmerksam machen, dass die Leonhardskirche in der Altstadt in diesem Oktober ihr 550-Jahr­Jubiläum feiert. Halleluja!

Es kommt schon eine Menge zusammen, wenn du aus der Klopstockstraße kommst, im Café Schurr einen Apfelkuchen verzehrst und währenddessen die Wand anstarrst. Erst vor ein paar Tagen habe ich von Klopstock gelesen, er habe die Kunst der Dichterlesung erfunden, als er im Sommer 1750 auf der Elbinsel Großer Werder einer kleinen Runde aus seinem Werk „Messias“ vortrug. Wie bei allen Shows maskuliner Popstars saßen im Publikum überwiegend Frauen. Heute wimmelt es von Lesungen mit Groupies (im Theaterhaus beispielsweise gibt es heute Abend eine unter dem dämlichen Kalauermotto „Achtung Lesensgefahr“).

Die Werke des womöglich etwas oversexed gesteuerten Frauenlieblings und Schwärmers Klopstock fanden übrigens weniger Interesse als er selbst, obwohl Goethe in „Die Leiden des jungen Werthers“ den Namen „Klopstock“ als Synonym für die Leidenschaftlichkeit der Liebe schlechthin einfließen ließ. Lotte sagt „Klopstock“ zu Werther in einem Augenblick, da „der erquickende Wohlgeruch in aller Fülle einer warmen Luft“ aufsteigt – im Stuttgarter Bratpfannenklima undenkbar.

Bis vor Kurzem hätte man in einem solch magischen Moment bei uns noch „Brangelina“ gestöhnt. Aber das geht nicht mehr, seit Brad Pitt und Angelina Jolie mit ihrem klaren Nein zu Knebelverträgen Kretschmanns dorfkirchliche Heiratspredigt als baren Unsinn widerlegten. „So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so“, hatte er neulich päpstlicher als der Papst verkündet. Prompt drohte ihm die Schwulen-, Lesben- und Was-es-eben­alles-gibt-Community mit dem Kloppstock der Gender-Freiheit: Der hat keine Sollbruchstelle.

Aber was juckt mich der Sexreport des altgrünen Landespaters, wenn ich in Heslach meinen ofenfrischen Apfelkuchen vernasche.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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