Bauers Depeschen


Samstag, 01. Oktober 2016, 1682. Depesche


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FLANEURSALON AUF DEM HOSPITALHOFPLATZ

Am Freitag, 7. Oktober, gibt es auf dem Neuen Hospitalhofplatz ein Fest. Diese Veranstaltung unterstützen wir mit dem Flaneursalon. Mit dabei sind das Duo Steve Bimamisa (g) & Thabile (voc) sowie der Rapper Toba Borke und der Beatboxer Pheel. Beginn 17 Uhr. - Am 3. November ist der Flaneursalon im Esslinger Kabarett der Galgenstricke. Mit dem Kabarettisten Rolf Miller als Spezialgast - Musik: Loisach Marci, Anja Binder & Jens-Peter Abele.



LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



DIE WELT DER STILLE

Morgens zwischen sieben und acht stehe er auf und höre eine Stunde Musik, um sich auf den Tag einzustimmen, sagt Max Braun (37). Also lege ich am Morgen nach unserem Treffen erst „Morning Song“ von der LP „Telltale“ und dann „Time Is Taking All My Time“ von der LP „Highwire Haywire“ auf, um in die Gänge zu kommen. Danach bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich noch etwas arbeiten oder den Tag besser mit den Folksongs der beiden Platten verbringen soll: Diese minimalistische Musik hat einen gefährlichen Sog. Es ist der Sound der Stille, laut genug, um den Rhythmus eines Allerweltslebens durcheinanderzubringen. Es gibt diese leisen Lieder, die nach einer Pause schreien. Nach Entschleunigung.

Beide Vinyl-Alben haben der Musiker Max Braun und seine zwei Jahre jüngere Schwester, die Sängerin Laura Braun, aufgenommen. Ihre Kammer-Popsongs haben sie in den vergangenen Jahren gemeinsam geschrieben. Max Braun ist zurzeit mit der Schauspielerin und Sängerin Hanna Plaß für die musikalische Leitung von „Chelsea Hotel“ im Kammertheater verantwortlich, einem Abend mit Liedern und Szenen aus New Yorks legendärem Künstlerhotel, einst Domizil von Größen wie Oscar Wilde und Arthur Miller, Jimi Hendrix und Patti Smith, Andy Warhol und Salvador Dalí.

Am Tag nach meinem Theaterbesuch rufe ich Max Braun an, muss mich mal in Ruhe mit ihm unterhalten. Ständig ist er irgendwo in der Stadt präsent, auf irgendeiner Bühne wie zurzeit im Kammertheater oder als Gast in einem Zuschauerraum. Und oft genug steht sein Fahrrad vor einem Plattenladen, was immer ein guter Grund ist, zügig reinzugehen: Er hat stets gute Tipps auf Lager.

Vor Kurzem hat er mit dem Pianisten Uwe Schenk und dem Schlagzeuger Torsten Krill ein Studio eröffnet; man riecht noch die frische Farbe. Der Weg zum Studio Areal 51 führt tief in den Stuttgarter Westen, grob Richtung Westbahnhof, ein Industrieviertel mit Baumarkt und Discountern, Fitness-Studio und Lagerhallen. Offizielle Adresse: Unter dem Birkenkopf. Unterwegs komme ich an der Esperantostraße vorbei – Stuttgarts Hommage an die Weltsprache, passend im hintersten Winkel der Stadt. Was Max Braun macht, hat durchaus mit einer Weltsprache zu tun. Er erzählt, wie er sich ständig mit Musik ohne Blick auf Grenzen beschäftigt, mit Jazz, mit Pop, mit all den Dingen, die Menschen weltweit verbinden.

Weil er sich oft in einem Kreis von Künstlern bewegt, die an der Musikhochschule studiert haben, hatte ich immer gedacht, auch er habe diese Ausbildung hinter sich. Irrtum: Max hat an der Medienhochschule ein Studium als Diplom-Wirtschaftsingenieur abgeschlossen. Seit zwölf Jahren ist er Berufsmusiker: Gitarrist, Songschreiber, Arrangeur, Plattenproduzent, Studioleiter, Theatermusiker. Er gehört zu den wenigen Profis, die nicht einen Großteil ihres Lebensunterhalts mit Unterrichten bestreiten müssen. Er ist einer von denen, die man landläufig Macher nennt. Neben der Musik kümmert er sich um Organisation, Verträge, Tantiemen, Abrechnungen. Natürlich, sagt er, als ich ihn frage: In seinem Musikerleben sei er auch eine Art Buchhalter.

In der Öffentlichkeit herrscht oft ein falsches, ein krudes Bild vom Berufsmusiker: Kaum vorstellbar für die Mehrheit, dass er auch tagsüber reichlich zu tun hat. Und wenn, dann vielleicht kurz mal proben, aber doch nur, um hin und wieder abends eine Menge Spaß im Konzert zu haben. Oft genug wird es dem Berufsmusiker sogar als Anmaßung ausgelegt, wenn er für seine Arbeit Geld verlangt – wo doch so ein Leben nichts anderes sein kann als ein geiles Hobby.

Von seiner Arbeit, sagt Max, könne er halbwegs ordentlich leben. Er ist bescheiden, will kein Auto, hat kein Verhältnis zum Luxus. Auf den ersten Blick wirkt er wie einer, den man zu den „Stillen“ zählt, der Mann im Hintergrund. Ein Klischee. Seine Ruhe, seine Gelassenheit sind Ausdruck eines Bewusstseins, einer Haltung: Er weiß sehr genau, was er will – und lebt in der ständigen Auseinandersetzung damit, wie er hinbekommt, was ihm vorschwebt. Er erzählt von den Soundbildern, die er sich vorstellt, von musikalischen Stimmungen, für die er die richtigen Mittel erarbeiten muss. Die künstlerische Gestaltung von wirksamer Stille ist etwas sehr Komplexes und mein Gedanke vielleicht nicht ganz falsch: Max muss als Musiker oft sehr viel Lärm machen, um in die Welt der Stille vorzudringen. So wie ein Poet oft seitenweise Prosa schreiben muss, um am Ende, nach einer aufreibenden Phase des Weglassens und Ausmistens, zu einem guten kleinen Gedicht zu gelangen.

In Stuttgart geboren, spielt der Waldorfschüler Max einige Jahre Geige. Die aber ist nicht sein Ding; zum Glück besitzt sein älterer Bruder zwei E-Gitarren – und Platten von den Beatles, den Rolling Stones, von Pink Floyd. Max wird infiziert. In der Familie liegt etwas in der Luft. Seine Schwester Laura geht schon in jungen Jahren nach England, um Kunst zu studieren. Seitdem lebt und arbeitet sie in London als Fotografin und Musikerin. Max sagt, wenn er mit seiner Schwester Musik mache, laufe alles nicht nur etwas unmittelbarer und ungeschützter, sondern auch gleichzeitig liebevoller und manchmal auch garstiger ab als mit anderen Kollegen. Zuletzt waren Max & Laura Braun immer wieder gemeinsam auf Tour: in Italien, England, der Schweiz. Das sind die schönen Tage im Berufsmusikerleben.

Max Brauns nächstes Theaterprojekt ist die Musik für Eduard Mörikes Märchen „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“ am Staatsschauspiel. Im Westen der Stadt kann er schon mal Witterung aufnehmen, vielleicht den Sound der Geschichte fühlen: Mörike hat von 1871 bis 1873 im Haus Nummer 67 in der Reinsburgstraße gewohnt, für einen Radfahrer nur einen Katzensprung entfernt von Max Brauns Studio.

>>Max & Laura Braun spielen am 15. Oktober bei der „Stuttgartnacht“ im Rathaus. Großer Sitzungssaal, ab 19.30 Uhr.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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