Bauers Depeschen


Mittwoch, 21. September 2016, 1677. Depesche


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WOHNUNGSNOT: DEMO!

1. Stuttgarter Kundgebung/Demo gegen Abriss und Mietwahnsinn - und für bezahlbare Wohnungen: Samstag, 24. September, Zuffenhausen. Auftakt: Haltestelle U 15, Wimpfener Straße. 11 Uhr. Reden und Live-Musik; unsereins sagt auch ein paar Sätze.



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LIED DES TAGES



HEUTE BERG II - Berg I siehe Depesche vom 20. 9.

Die aktuelle StN-Kolumne:



Am kommenden Sonntag wird das Mineralbad Berg mindestens 25 Monate lang geschlossen und umgebaut. Über diesen Ort habe ich vor ein paar Jahren Anekdoten gesammelt, um sie bei Leseshows vorzutragen. Zum Abschied hätte ich am liebsten etwas Berger Quellwasser in die Zeitung gegossen. Aber so geduldig ist Papier dann doch nicht. Ersatzweise fülle ich meine Kolumne heute mit diesen Zeilen:



DIE LEGENDE VOM BAD BERG

Viele Stuttgarter wissen bis heute nichts von der Existenz des Mineralbads Berg. Diese Anstalt ist 160 Jahre alt und damit nur wenig älter als die meisten ihrer Besucher. Die Freiluft-Bar in der Parklandschaft des Mineralbads Berg heißt nicht umsonst „Entre nous“: unter uns.

Das Bäderamt hat das Berger Paradies erst 2008 entdeckt: Da wurde die ganze Stadt mit Werbeplakaten für den schönsten Ort Stuttgarts tapeziert. Auf den Postern sah man eine blonde Frau, und das Bild war wohl nicht zufällig den Comicmotiven des amerikanischen Pop-Art-Künstlers Roy Lichtenstein nachempfunden: Eines seiner berühmtesten Werke heißt „Drowning Girl“, „Ertrinkendes Mädchen“.

Auf dem Plakat stand „Mineralbad Berg“ und darunter „legendär“. Gemessen am sonstigen kreativen Ausstoß der städtischen Marketing-Texter ein geradezu sensationeller Einfall. Auf dem Saunatuch, das ich mir an Ort und Stelle als Unterlage für meine Hängepartie gekauft habe, liest man den pfiffigen Zweizeiler: „Bad Berg / Das Mineralbad“.

Laut Duden bedeutet legendär „legendenhaft, sagenhaft, unwahrscheinlich, unglaublich, fantastisch“. Damit birgt die Werbung viel Wahrheit. Alles im Berg ist legendenhaft, sagenhaft, unwahrscheinlich, unglaublich, fantastisch. Ich kann das beurteilen, jede Woche bin ich im Bad. Fast nicht zu glauben, dass der Laden irgendwann doch noch beworben wurde. Früher, bevor ihn die Stadt erwarb, war das Berg in der Öffentlichkeit so gut wie nicht vorgekommen. Als es noch der Familie Blankenhorn gehörte, beschränkte sich das Marketing auf den Verkauf blauer Bademützen. Lange waren diese Hüte aus Plastik, und das Becken sah aus, als hätte einer seine Einkaufstüten entsorgt. Später gab es diese Dinger auch aus Stoff mit der Aufschrift: „Bad Berg. Aus Tradition“. Ich besitze ein halbes Dutzend dieser Exemplare, und ich trage sie an guten Tagen eisern, wenn auch nicht alle gleichzeitig.

Die Badekappenpflicht wurde zwar im Lauf des neuen Jahrtausends abgeschafft. Ohne Mütze aber fühle ich mich nackt. Nackt zu schwimmen ist verboten im Berg. Nur beim Haarewaschen lege ich den blauen Deckel ab. Haarewaschen war übrigens lange allen Frauen verboten – nicht im Schwimmbecken, sondern unter den Brausen: So heißen in unserer Anstalt die Duschen. Und es ist nicht lange her, da stand „Crawlen verboten“ an der Wand der Schwimmhalle; gemeint war Kraulen, die olympische Disziplin.

Die Legenden vom Berg sind sagenhaft. In den siebziger Jahren habe ich mir im Bad mehrfach schwere Verbrennungen geholt. Schuld war nicht etwa die Kesselhitze auf den herrlichen Liegewiesen mit ihren Ginkgobäumen und Blutbuchen. Sommers wurden die Unvorsichtigen Opfer des güldenen Funkelns lebensgefährlicher Blitze. Das waren Sonnenstrahlreflexionen, ausgelöst von den Goldketten und Rolex-Uhren an den gut geölten Körpern aufstrebender Zuhälter, Zocker und VfB-Profis. Man sprach vom Goldrausch im Berg, dem größten seit Kalifornien.

Noch heute begegne ich dem einen oder anderen der immer noch fantastisch, früher beidhändig geföhnten Männer. Alle sind längst im Greisenalter, doch wie einst steckt der Taschenkamm in dem zu engen Tanga über der Kimme, gut sitzend wie einst die Kanone bei nächtlichen Einsätzen in der Altstadt. Leider hat die Qualität ihrer Sonnenbrillen nachgelassen. Früher waren die Gläser nicht nur außen, sondern auch innen verspiegelt. Damals arbeitete die Branche eher nach Gehör.

Und es waren immer viele blonde Frauen da, auch sie alle gezeichnet, wenn auch nicht von Künstlern auf Papier. Diese goldene Epoche war sagenhaft. Mögen diese Geschichten unglaublich klingen, so ist es doch unwahrscheinlich, dass sie unwahr sind. Das Bad Berg ist legendär / Nur leider viel zu oft leer. Die Werbeplakate hingen zu spät, viel später als die Glieder unserer härtesten Jungs.

Das Berg war auf seine Art immer eine geschlossene Anstalt. Ein Fremder konnte nicht einfach sein Handtuch auf einen der Liegestühle am Beckenrad legen. Blitzartig kam eine Furie angerannt, um brüllend kundzutun, sie habe an dieser Stelle Liegerecht wie demnächst auf dem Friedhof.

Seit mehr als 30 Jahren gehe ich ins Berg. Als ich Anfang der Neunziger erstmals in der Sauna aufkreuzte, wurde ich so misstrauisch empfangen wie im Therapieraum einer Sekte. Männer und Frauen in der Sauna sind selbstverständlich streng getrennt. Inzwischen bin ich im Schwitzkasten toleriert: Viele Mitglieder der Musterungskommission sind im Lauf der Zeit verstorben und deshalb gute Plätze auf unserer Holztribüne frei geworden. „Heute ist es wieder eng“, sagen wir, wenn in der Sauna ein zweiter Mann auftaucht.

Es war immer eng. Wenn ich ins leere Becken steige und einsam schwimme, taucht spätestens nach einer Minute der furchteinflößende Badehelm einer rückenkraulenden Dame direkt vor mir auf meiner Bahn auf. Meine höfliche Frage, ob sie auf dem Weltmeer der Fregatten womöglich die Orientierung verloren habe, beantwortet die Dame mit dem sachdienlichen Hinweis, auf diesem Kurs schwimme sie seit dreiundsechzig Jahren.

Bis heute hält sich das Gerücht, das Berg werde „Neuner“ genannt, weil vor der Tür früher die Straßenbahn der Linie 9 gehalten habe. Das ist Unsinn. Friedrich Neuner hieß der Hofgärtner, der 1856 das Mineralbad Berg im östlichen Stadtteil Berg angelegt hat. Die Linie 9 fährt von Botnang nach Hedelfingen. Vor dem Berg halten die Stadtbahnlinien 1, 2, 11 und 14. Bis 2005 hat die schönste der Stuttgarter Mineralquellen der Familie Blankenhorn gehört. Zuerst dem großen Paul, nach dessen Tod mit 90 Jahren seinem Neffen Ludwig. „Der letzte Hüter der Quellen“ – so nannte man ihn – starb im November 2006 mit nur 57 Jahren.

Das Bad Berg ist legendär. Das Berg ist der Platz der Spartaner, der Gegenentwurf zum Wellness-Getue der Spaßbäder, -bedroht allein von Immobilienhaien und den Bohrköpfen von Stuttgart 21. Das Berg ist eine Trutzburg. Ob Sommer oder Winter: Der Berg-Junkie ist süchtig nach seiner heißen Sauna und dem 18 Grad kalten Wasser im Freien. Der Bergianer schwitzt und büßt. Er reinigt sich. Er weiß, wo der Himmel ist und wie er in denselben kommt.

Nur bei völlig wolkenlosem Hochsommerhimmel gab es Gedränge im Bad. Dann kamen die Bräunungsfetischisten und die Touristen aus den Kreisstädten. Selten hatten sie einen Blick für die Eingangshalle mit dem Fenstermosaik des Künstlers Max Ackermann oder die Schönheit des Gartens. Mit ihren fett geölten Körpern versauten sie unser heiliges Wasser. Aber auch diese Tage der Entweihung überstanden wir gelassen mit nacktem Hintern über heißem Holz. Echte Bergianer kennen keinen Frust, und falls doch, bekämpfen sie ihn mit üblen und stets berechtigten Attacken auf den VfB. Aber das ist eine andere Legende. Was für uns zählt: Eines Tages kommen wir zurück!



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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