Bauers Depeschen


Sonntag, 11. September 2016, 1675. Depesche


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HOSPITALHOf

Am Freitag, 7. Oktober, gibt es auf dem neuen Hospitalhofplatz ein kleines Fest. Diese Veranstaltung unterstützen wir mit dem Flaneursalon. Mit dabei sind das Duo Steve Bimamisa (g) & Thabile (voc) sowie der Rapper Toba Borke und der Beatboxer Pheel. Beginn 17 Uhr.



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LIED DES TAGES



Für die Eröffnung des neuen Stadtleben-Büros von StZ und StN am Hans-im-Glück-Brunnen habe ich einen Text über das Viertel gemacht und ihn an Ort und Stelle vorgelesen:



GUTEN TAG, VEREHRTE GÄSTE,

herzlich willkommen im Herzen der Stadt, in der Altstadt, im historischen, leider vergessenen Zentrum von Stuttgart. Unsere Kernstadt hat man ja nach dem Krieg mit einer Stadtautobahn namens Hauptstätter Straße tranchiert – seitdem kommen die frühere Leonhardsvorstadt und die Gegend auf unserer Seite nicht mehr zusammen. Wir befinden uns hier übrigens ganz offiziell im Stadtteil Rathaus. Bezirk Mitte.

Wir freuen uns, meine Damen und Herren, dass Sie da sind, an diesem heißen Tag – es steht Ihnen selbstverständlich frei, vor der Tür im Hans-im-Glück-Brunnen in Gesellschaft von sechs Enten und einem Schwein ein Bad zu nehmen.

Ich bin ja als Spaziergänger im Angestelltenverhältnis für die Stuttgarter Nachrichten in der Stadt unterwegs – und schon lange nicht mehr in Möhringen eingesperrt. Bei diesem Job habe ich vor allem gelernt: Für den Herumstiefler wird es immer dann spannend, wenn er sich damit beschäftigt, wo er hingeraten ist. Eine Stadt beginnt nicht erst zu leben, wenn wie am Hans-im-Glück-Brunnen am Wochenende vor den Bars die große Party steigt. Straßen, Plätze, Häuser erzählen Geschichten, die eine Stadt lebendiger und interessanter machen als die Sprüche der Marketing-Typen. Das wissen wir nicht erst seit Slogans wie „Stuttgart – Großstadt zwischen Hängen und Würgen“.

Wir stoßen hier in unserer direkten Nachbarschaft nicht nur auf gute, sondern auch auf hässliche, traurige Geschichten wie etwa die des Gebäudes Geißstraße 7. Am 16. März 1994 starben bei einem Brand in diesem Haus sieben Frauen und Mädchen, 16 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Alle Opfer waren Ausländer. Viel zu viele Menschen lebten damals illegal unter unwürdigen, kriminellen Bedingungen in diesem Haus – der Vermieter, ein Gastwirt, machte sein Geld mit diesen Machenschaften. Es war die Zeit des Bosnienkriegs, in die Stadt kamen mehr Geflüchtete als heute, und in Deutschland gab es rechtsextreme Brandanschläge gegen Ausländerheime.

Als Brandstifter in der Geißstraße 7 ermittelte die Polizei später einen psychisch Kranken; er wurde zu 15 Jahren Haft und Sicherheitsverwahrung verurteilt. Pächter und Unterpächter des Hauses kamen mit geringen Strafen davon. Das Verfahren gegen die von vielen als Hauptschuldige verdächtigte Besitzerin des Gebäudes, die Hofbräu AG, wurde eingestellt.

Engagierte Bürgerinnen und Bürger haben nach dem Anschlag mithilfe der Brauerei die Stiftung Geißstraße 7 gegründet: ein Haus als symbolischer Ort des freundschaftlichen, internationalen Miteinanders. Die Geißstraße 7 macht heute kleine Veranstaltungen und kümmert sich um Themen der Stadtgeschichte.

Auch die Ursprünge des Hans-im-Glück-Viertels selbst gehen auf soziales Engagement zurück. Der Bankier Eduard Pfeiffer, ein jüdischer Stuttgarter Bürger, kämpfte als Sozialreformer und Genossenschaftler an vielen Orten der Stadt „zum Wohle der arbeitenden Klasse“, wie man in Ostheim auf einem Gedenkstein lesen kann. Eduard Pfeiffer übernahm auch die Sanierung der heruntergekommenen Altstadtecke mit ihrer Seuchen- und Brandgefahr rund um die Geißstraße. 1909 wurde das Viertel mit dem neuen Hans-im-Glück-Brunnen eingeweiht. Was für eine gute Erinnerung angesichts der Tatsache, dass heute, mitten im allgemeinen Mietwahnsinn, die Immobilienpolitik viele Normalverdiener und Arme aus der Stadt vertreibt.

Und jetzt mache ich einen Sprung in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Da gab es am Hans-im-Glück-Brunnen noch keine Partys. Anfang der Achtziger war in den meisten Lokalen um Mitternacht Polizeistunde, samstags um eins. Gelegentlich ging ich in das bayerisch-schwäbische Gasthaus Mathäser zum Essen, heute ist in diesen Räumen der Platzhirsch.

Dann kam 1986 – und in einer früheren Kaschemme namens Hans im Glück, gegenüber dem gastronomischen CDU-Hauptquartier Kachelofen, zog der Wirt Götz Bremme mit seinem Partner Rudi Jahnke ein. Sie eröffneten unter dem alten Namen des Lokals eine erstklassige Cocktail-Bar. Das war cool, als noch die wenigstens wussten, was mit cool gemeint ist. Viele Supercoole wissen es bis heute nicht.

Die achtziger Jahre waren das Jahrzehnt, als Deutsche den Lifestyle entdeckten, als die Werbebranche boomte, als die zur Schau gestellte Kohle bei Promis und ihren Mitläufern Mode wurde. Da spielte Geld in der Öffentlichkeit keine Rolex, und die Großkotze gaben die Parole aus: La Coste es, was es wolle. Heute labern in solchen Fällen die Werbetexter davon, wie sich „Menschen“ und „Marken“ begegnen – etwa im neuen Einkaufszentrum an der Dorotheenstraße.

Lustigerweise hatte der Lokalchef Götz Bremme vor seinem Cocktail-Coup Anfang der Achtziger an der Filderstraße beim Marienplatz eine Kneipe namens Exil geführt. Da war er gerade als Exilschwabe aus Berlin zurückgekehrt und noch von der Punk-Kultur der Frontstadt infiziert. Im Exil gab es Frühstück bis 14 Uhr, in Stuttgart damals eine Sensation. Junge Punks und alte Kneipen-Hocker feierten wilde Themenpartys, während der Exil-Chef mit gemixten Getränken experimentierte. Er brachte es in diesem Metier zu einsamer Klasse. Seinen Erdbeer-Daiquiri, seinen Gimlet, den Manhattan und vor allem die Bloody Mary mit der obligatorischen Lauchstange (die ich ihm nach einem NY-Besuch empfohlen hatte) werde ich nie vergessen.

2005 war Schluss mit der Cocktail-Bar, von allen immer nur „Hans“ genannt; die Brauerei wollte in dem Laden mehr Bier verkaufen. Das heutige Lokal in den alten Räumen heißt Mrs Jones. Götz Bremme, der Gastro-Pionier am Brunnen, starb 2007 nach langer Krankheit - viel zu früh.

Ich muss von einer weiteren historischen Adresse in unserer Nachbarschaft berichten. Das Café Weiß, Geißstraße 16, mag dem einen oder anderen auf den ersten Blick nur als sympathische, exotische Kneipennische in der Stadt erscheinen. Aber kleine Orte wie das Weiß sind wichtig in der Geschichte der Stadt, einer Geschichte, die oft vergessen, verdrängt oder vertuscht wird. Wir müssen diese Bar nicht glorifizieren oder romantisieren. Lange war sie ein Ort der Prostitution, und jeder soll darüber denken, was er will. Gleichzeitig aber war sie ein geschützter Ort der Toleranz.

Während die Huren an der Bar saßen, trafen sich im Raum nebenan die Schwulen. Und man kann es nicht oft genug sagen: Der Paragraf 175 zur Verfolgung der Homosexuellen bestand in dieser Republik bis 1994 – und noch Jahrzehnte nach dem Krieg exakt wie bei den Nazis. Diese widerliche Art der Menschenverachtung, der Unterdrückung und Vernichtung von Existenzen ist vielen heute nicht mehr bewusst: Schwule hat man in diesem Rechtsstaat jahrzehntelang allein aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ins Zuchthaus gesperrt.

Dennoch war es möglich, das Café Weiß zu führen. Der Schneidermeister Alois Weiß – der Vater des späteren Café-Besitzers Heinz Weiß – hatte es 1963, im spießigen Nachkriegsmief, gegründet. Bald war dieser kleine Traumsalon ein origineller Treffpunkt illustrer Menschen aller Neigungen. Im Weiß saßen VfB-Stars, Künstler und Politiker, im Weiß schlief der Polizeichef nächtens auf der Treppe vor der Tür – mitten in einem schrill-bunten Rotlichtbezirk, den man wegen seiner Buden und Baracken „Vereinigte Hüttenwerke“ nannte. Dieses Milieu, eine Subkultur mit eigener Sprache und eigenen Ritualen, existierte bis Anfang der Achtziger Jahre – erst als man ein architektonische Schandmal namens Schwabenzentrum hochzog, war dieser Teil der Altstadt Geschichte.

Heute sieht das das Café Weiß aus wie vor 50 Jahren, ein Treffpunkt der Nachtgestalten mit der Patina des Cabarets. Heinz Weiß ist 2010 gestorben. Seine ehemalige Lebensgefährtin Annemarie steht nach wie vor hinterm Tresen.

Verlässt man die Bar, blickt man auf den Kaufhof, und auch an dieser Stelle stoßen wir auf eine traurige, eine skandalöse Geschichte. Früher stand an diesem Platz das Kaufhaus Schocken.

Das Stuttgarter Warenhaus, 1928 erbaut vom jüdischen Architekten Erich Mendelsohn, galt als das schönste in ganz Deutschland. Die Nazis enteigneten die jüdischen Besitzer. Im Krieg wurde das Gebäude beschädigt, konnte aber renoviert werden. Im Mai 1960 wurde das Schocken gegen viele Proteste unter großer Beihilfe des Gemeinderats abgerissen. Der OB Klett wollte eine breitere Straße. Die neuen Autos von Mercedes waren zu groß für den Erhalt großer Stuttgarter Architektur. Es ging damals um 50 oder 60 Zentimeter. (Wer mehr über die baulichen Zerstörungen in der Vergangenheit und in der Gegenwart erfahren will, dem empfehle ich die derzeitige Ausstellung „Stuttgart reißt sich ab“ in der Architekturgalerie am Weißenhof.)

Liebe Gäste, was ich Ihnen gerade erzählt habe, hat sich alles im Umkreis weniger Meter abgespielt. Das ist Stadt. Es gäbe noch viel zu sagen über unser vergessenes Zentrum. Für heute nur noch so viel: Die Geißstraße heißt so, weil an diesem Ort vor mehr als 500 Jahren Geißen gehalten wurden. Inzwischen hat man am Hans-im-Glück-Brunnen einen Stall voller Journalisten eingerichtet und damit gutes Gespür bewiesen für die Ziegen-Geschichte an diesem Platz – bekanntlich sind auch Zeitungsfritzen nur am Meckern.

Vielen Dank!

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