Bauers Depeschen


Samstag, 27. August 2016, 1669. Depesche


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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



SOPHIES WELT

Es ist heiß und der Himmel so unverschämt blau, dass nicht einmal die Cannstatter Stadtkirche kühlende Schatten wirft. Frau Pope hat gesagt, sie warte vor der Kirche. Ob sie eine enge Beziehung zur christlichen Religion habe, frage ich bei meiner Ankunft. Sie schaut mich verwundert an. Ich dachte, sie habe für unser Treffen einen symbolischen Ort ihres Lebens gewählt, sage ich. Nein? Sie lacht. Ja, doch, eine gewisse Bedeutung habe dieses Haus tatsächlich für sie.

Vor wenigen Wochen wurde in der Stadtkirche Sophie Popes Komposition für Shakuhachi und Cello uraufgeführt. Bis zu diesem heißen Tag in Cannstatt hatte ich nie von einer Shakuhachi gehört. Es handelt sich um eine japanische Bambusflöte. Bei dem Konzert, veranstaltet vom Stuttgarter Kollektiv für aktuelle Musik, spielten der New Yorker Shakuhachi-Virtuose James Nyoraku Schlefer und die französische Cellistin Céline Papion das neue, achteinhalb Minuten lange Werk der in Cannstatt lebenden Komponistin.

Vor einigen Wochen habe ich Sophie schon mal in einer Kolumne erwähnt. Damals hatte ich im Kursaal-Biergarten aus der Ferne gesehen, wie eine junge Frau die Blaskapelle des Musikvereins Cannstatt dirigierte und sie in einer Pause angesprochen. Ob es schwierig für sie sei, eine ­Blaskapelle zu leiten. Früher, sagte ich, hätten solche Jobs bei uns die Feuerwehrkommandanten gemacht.

Sophie erzählte, dass sie in Stuttgart ihr Musikstudium im Fach Komposition abgeschlossen hat. Erst nach eine Weile merkte ich, dass sie Engländerin ist. In meinen Ohren klingt sie akzentfrei. Seit in der Stadt unzählige Menschen aus der ganzen Welt leben, achte ich nicht mehr auf Akzente. Bin ja sowieso einer, der wo seine schwäbische Klappe halten sollte, wenn es um gutes Deutsch geht.

Im Biergarten hatten wir nur kurz geplaudert, später habe ich mich bei Sophie per Facebook gemeldet, weil ich noch was klären musste: Sie hatte erzählt, noch in diesem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Seit der Brexit­Entscheidung machen das viele Briten aus Furcht um ihre Jobs in EU-Ländern.

Sophie Pope, Stuttgart, ist eine junge Europäerin. 1988 in der Industriestadt Sheffield geboren, nach dem Abitur vier Semester Musikstudium am Royal Northern College of Music in Manchester, von 2008 an fünf weitere im Rahmen des Erasmus­Bildungsprogramms der EU an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Später – dank eines Austauschangebots – ein halbes Jahr Fortbildung an der Manhattan School of Music, New York.

In Stuttgart und Umgebung leitet sie seit einigen Jahren hauptberuflich sechs qualifizierte Amateurensembles, darunter Posaunenchöre in Kornwestheim und Schorndorf und die Bietigheimer Blechbläser. In jungen Jahren hat sie bei einer Instrumentenprobe in der Schule die Posaune für sich entdeckt und an ihr mehr Gefallen gefunden als zuvor an Geige und Klavier. In ihrer Heimat spielte sie in einer der traditionellen, früher nur von Männern besetzten, Brass-Bands. Der Klang von Bläsern, sagt sie, erinnere sie an Filme, ein idealer Sound, Geschichten zu erzählen. Mich erinnert das an die grandiose britische Tragikomödie „Brassed Off“.

Ich frage Sophie, was sie fühle beim Gedanken an den Wechsel der Staatsbürgerschaft – bei der Vorstellung, als geborene Engländerin eines Morgens als Deutsche aufzuwachen. Es falle ihr noch schwer, sagt sie, diese Gefühle in Worte zu fassen. Der Prozess im Kopf sei noch nicht abgeschlossen.

Es gibt bei dieser Frage, das stellt sich bei unserem Gespräch heraus, zwei Sichtweisen: Als Musikerin schert sich Sophie Pope nicht um nationale Zugehörigkeiten. Das wäre ein Widerspruch in sich. Ihr Umgang mit Menschen entspricht der Haltung zur Musik: Grenzen sind lästig. Musik schlägt Brücken zu Kulturen, zu Menschen. Was zählt, ist Qualität. Heute spielt dein Schorndorfer Posaunenchor Kirchenmusik, morgen bringst du deiner Stuttgarter Blaskapelle Walzer und Beatles-Songs bei, übermorgen schreibst du ein Stück für einen amerikanischen Shakuhachi-Spieler und eine französische Cellistin.

Die private Geschichte allerdings ist eine andere: Ich bin englisch erzogen worden, sagt Sophie. Sie denkt an ihre Eltern, an ihre zwei Brüder, an deren Kinder: Wie wird ihr die Familie zu Hause begegnen, wenn die Tochter, die Schwester, die Tante auf einmal Deutsche ist? Nein, die Familie selbst wird nicht böse sein, sie war gegen den Brexit. Aber sie kennt auch Leute, die für den EU-Austritt gestimmt haben. Sie hat mitbekommen, wie eine englische Freundin, die in Paris lebte, bevor sie nach Barcelona umzog, ihren Vater umzustimmen versuchte. Aber alle ihre guten europäischen Erfahrungen halfen nichts. Der Vater votierte für den Brexit. Die Medienpropaganda, sagt Sophie, war stärker als die Argumentation der Tochter.

Sophie wird für ihre deutsche Staatsbürgerschaft eine Prüfung ablegen müssen. Gegen diesen Bürokratenakt hilft weder, dass sie in der Schule Deutsch als Hauptfach hatte, noch dass sie nach ihrem Studium, anders als geplant, in Stuttgart blieb – aus Überzeugung, weil ihr die Stadt und Umgebung gefallen. Sie kennt alle Museen, freut sich auf Ausflüge zur Grabkapelle bei Rotenberg und hat auch das Remstal ins Herz geschlossen. Aber weder Posaunen noch die deutsche Blasmusikuniform reichen für einen deutschen Pass.

In ihren Ensembles spielen übrigens nur Einheimische. Diese Musik ist bis heute ein ziemlich deutsches Ding. In Sophies Kompositionsklasse an der Hochschule war das anders: Da traf sie kaum Deutsche, sie bewegte sich in einem bunten Haufen Menschen aus aller Welt. Sophies Welt.

Ihre Leidenschaft für Blasinstrumente hat eine lustige genetische Geschichte. Ihr Vater ist Elektro-Ingenieur, ihre Mutter Physiotherapeutin ohne nennenswerte Beziehungen zur Musik. Aber der Urgroßvater spielte Trompete – in der Armee. Und weil Reden bekanntlich nur Silber ist, hat unsereins zum besseren Verständnis der ganzen Sache die goldene Blechvariante gewählt: Sophie Pope wird 2017 mit einem 25-köpfigen Posaunenchor bei der „Nacht der Lieder“, der Benefiz-Show unserer Zeitung, im Theaterhaus auftreten.

 

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