Bauers Depeschen


Samstag, 06. August 2016, 1664. Depesche


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SCHMUDDEL-BANKETT

Achtung, wir sind dran: Am Samstag, 20. August, machen wir, die Freunde der Altstadt, unser 3. Schmuddel-Bankett in der Leonhardstraße. Gepflegte Tischreihe auf dem Strich für Essen, Trinken & Plaudern. Am Nachmittag - etwa gegen 15.30 Uhr - Spaziergang durchs Leonhardsviertel mit der Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle. Unsereins erzählt auch ein bisschen was. Erstklassige Musiker treten auf: Steve Bimamisa & Friends: David Presna, Marie Herzog, Tilman Schaal & Thabile - sowie das Duo Nasim & Marcel Engler. Unsere Hommage an das Leonhardsviertel beginnt um 14 Uhr und endet gegen 20 Uhr. Motto: Unsere Altstadt darf nicht vor die Hunde gehen!



PROUST IM CAFÉ WEIß

Dienstag, 23. August, 19.30 Uhr: Vorpremiere im Stuttgarter Café Weiß zu Christian Rottlers Hörspiel „Proust ist mein Leben, doch es langweilt mich sehr“ (30. August, SWR2). Texte und Lieder mit Christian Rottler und seiner Band Lenin Riefenstahl, Nicole Heidrich und Joe Bauer. Eintritt frei.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



AB DURCH DIE MITTE

Morgens um halb neun, wenn die Geschäfte noch geschlossen sind, sieht die Stadt übel aus. Vom Charlottenplatz aus gehe ich ein paar Meter zur Dorotheenstraße. Linker Hand, im Bohnenviertel, erhebt sich das Breuninger-Parkhaus, wie ein Koloss vor dem Angriff auf die Leonhardskirche im gleichnamigen Viertel.

Mit „Bohne“ und „Leonhard“ sind wir schon mittendrin in meinem Lieblingsthema, dem sogenannten Viertel. Das Viertel ist bei uns vor allem in der schwäbischen Verkleinerungsform berühmt geworden, als man in den Kneipen den Wein noch nicht für zweistellige Summen in ­Null-Komma-eins- und Null-Komma-zwei-Liter-Einheiten bestellte.

Es lebt aber noch, das „Viertele“. Zur besseren Einordnung sei Georg Kreisler zitiert: „Ich sitz grad im Gasthaus / bei ’nem Glas Wein / und rast aus / drauf sag ich: Herr Wachtel / trinkens noch oa Achtel.“

Heute aber geht es nicht um das Viertel Trollinger, sondern um unsere Stadtviertel, von denen viele nicht mal das Zeug zum Viertele haben. Die Begriffe Bohnen- und Leonhardsviertel existieren übrigens nicht offiziell – nur in den Köpfen der Menschen. Und oft werden sie falsch zugeordnet.

Laut Statistik gibt es in Stuttgart mehr als 20 Stadtbezirke, über 150 Stadtteile und 320 Stadtviertel. Einige Stadtteile haben keinen einzigen Einwohner, etwa der Wasen und der Hafen. Das heißt aber nicht, dass ein einsames Schiff im Stadtteil Hafen nicht spannender sein könnte als 20 000 Einwohner im Stadtbezirk Mitte.

Stuttgarts „Mitte“ ist ein Phantom. Niemand weiß, was das ist, seit das Zentrum nach dem Krieg zum Aufbau der „autogerechten Stadt“ zerstückelt und mit Bauten wie dem Schwabenzentrum oder dem Züblin-Parkhaus verschandelt wurde. Viele halten den Schlossgarten zwischen Kunstgebäude und Planie für die „Mitte“, weil sie vom historischen Zentrum, der Altstadt, nie gehört haben.

Stadtplaner und Bürger aus dem Bohnen- und Leonhardsviertel denken zurzeit darüber nach, wie sie die beiden Quartiere wieder als „Leonhardsvorstadt“ vereinen könnten: Dies ist der historische Namen der Altstadt rund um die Leonhardskirche. Die ehemalige „Sankt-Leonhards-Vorstadt“ wurde mit der heutigen Pfarrstraße als Grenze nach dem Krieg künstlich unterteilt. Spötter behaupten, eine falsche Interpretation des früheren „Puffbohnen“-Anbaus in der Leonhardsvorstadt habe später die Entwicklung des Leonhardsviertels beeinflusst. Bohnen- wie Rotlichtviertel gehören übrigens offiziell zum Stadtteil Rathaus.

Seit die Politik den Immobilieninvestoren die Stadtplanung überlassen hat, ist das Wort „Mitte“ kaum mehr als ein Marketing­-Etikett. Als das Einkaufszentrum mit dem geografisch irreführenden Namen „Gerber“ gebaut wurde, riefen dessen Werber „die neue Mitte“ aus und verhießen – an der Tübinger Straße – den „Ort, der die Stadt verbindet, der uns noch näher zusammenbringt“. Inzwischen nimmt Breuninger „die neue Mitte“ für sich in Anspruch: Der Einkaufskomplex des Kaufhauses heißt Dorotheen-Quartier und liegt an der Hauptstätter Straße, der Stadtautobahn, die das frühere Zentrum tranchiert. Gerber wie Dorotheen-Quartier folgen derselben Marketingstrategie. Der Bau an der Tübinger Straße wurde zunächst als„Quartier S“, das Breuninger-Anwesen als „Da Vinci“ angekündigt. Dann besann man sich auf den alten, auch in der Politik üblichen Psychotrick namens ­„Bürgereinbindung“: Den Menschen der Umgebung soll mit vertrauten Ortsnamen eingeredet werden, Teil der schönen neuen Konsumwelt zu sein. Breuninger wirbt mit dem denkwürdigen Slogan: „ein Ort, an dem sich Menschen und Marken begegnen“. Ist ja auch ein ­heimeliges Gefühl, wenn du auf dem Weg zum Rolex-Juwelier über ein Stück Puma und Versace stolperst.

Auf einem Plakat im Dorotheen-Quartier heißt es: „Die Geschichte von Breuninger ist geprägt von schönen Dingen. 1881 in der Münzstraße begonnen, spann sie sich ­seitdem kontinuierlich weiter. Heute steht der Breuninger Flagship-Store für unbegrenzte Möglichkeiten, Mode und Stil . . .“

Auf weniger schöne Dinge im Umfeld des Flaggschiffs Breuninger und des Dorotheen-Quartiers, ebenfalls im Stadtteil Rathaus, weist eine paar Schritte weiter eine Inschrift am Gebäude Nummer 10 in der Dorotheenstraße hin: An dieser Ecke stand das Hotel Silber, die berüchtigte Gestapo-Zentrale. In diesem Haus, nach dem Krieg wiederaufgebaut und erneut Polizeiquartier, wird der Lern- und Gedenkort Hotel Silber eingerichtet. 2018 soll dieses lange umkämpfte, von einer ­Bürgerinitiative durchgesetzte Projekt endlich eröffnet werden – wenn auch, ohne Rücksicht auf die Psychologie des Orts, nur in Teilen des Gebäudes. Das Hotel Silber war während der Hitler-Diktatur – als man die Dorotheenstraße auf den Namen des Nazifunktionärs Wilhelm Murr umgetauft hatte – ein Ort des Schreckens: Die Nazis folterten und ermordeten zahllose Gefangene.

Als ich in diesem Jahr ein Symposium zum Hotel Silber besuchte, hielt der Leiter der Stiftung der Gedenkstätten Buchenwald, Volkhard Knigge, einen Vortrag zur Erinnerungskultur. Der Historiker empfahl dringend, das Nazi-Kapitel des Hauses Breuninger im Lern- und Gedenkort Hotel Silber präzise aufzuarbeiten. Der ehemalige Firmenchef Alfred Breuninger war ab 1933 Mitglied der NSDAP und von 1935 bis 1945 auch Stuttgarter NSDAP-Ratsherr. 1937 hatte er am Marktplatz das Wohn- und Geschäftshaus der jüdischen Eigentümer Josef Grünberg und Arthur Hirschfeld weit unter Wert erworben. Für die Wehrmacht produzierte er Uniformteile, seine Firma beschäftigte Zwangsarbeiter und steigerte während der Hitler-Diktatur die Profit um ein Viel­faches. Der Historiker Knigge sagt, nur durch das unmittelbare Erlebnis, durch die direkte Konfrontation mit der Geschichte in der eigenen Umgebung, könne man die Nazi-Verbrechen jungen Menschen emotional näherbringen und begreifbar machen.

Wenn das Hotel Silber 2018 eröffnet wird, sind seit dem Kriegsende 73 Jahre vergangen. So lange braucht man in dieser Stadt, um sich der Nazi-Vergangenheit an einem historischen Ort des Verbrechens zu stellen. Ohne den Einsatz mutiger Bürger hätte man das Hotel Silber für Profite plattgemacht.











 

 

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