Bauers Depeschen


Freitag, 22. Juli 2016, 1658. Depesche


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BETR.: GERDA TARO

Am kommenden Dienstag, 26. Juli, findet auf dem Stuttgarter Gerda-Taro-Platz am Olgaeck/Alexanderstraße eine Gedenkveranstaltung für die Stuttgarter Fotografin Gerda Taro statt; die Kriegsreporterin kam am 26. Juli 1937 im Alter von 26 Jahren im Spanischen Bürgerkrieg ums Leben. Die kleine Feier beendet die Reihe "No Pasaran" zum Thema "80 Jahre Spanischer Bürgerkrieg". Mit Textbeiträgen von Barbara Stoll, Rainer Weigand und unsereinem - das Duo Karin und Eduardo trägt Lieder vor. Beginn 18.30 Uhr.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



WEGEN DES GERUCHS

Eigentlich war es viel zu heiß an diesem Julitag, um dem Himmel und der Sonne entgegen zu gehen. Aber du kannst dein Erbe nicht warten lassen. Ich musste hinauf zum Weißenhof.

Ausstieg Bushaltestelle Kunstakademie, ein kleiner Hinweis auf eine mehr als 250 Jahre alte Institution, die nicht gebührend präsent ist in der Stadt. Das war die Weißenhofsiedlung, dieses bald 90 Jahre alte und doch so junge Denkmal für die moderne Architektur, lange auch nicht.

An der Frontwand des rötlichen Stadtmöbels mit Bar und Café vor der Akademie, wohl ein kleiner Architektengruß an die Siedlung, hat man eine Tafel mit der Aufschrift „hurra weltkulturerbe“ angebracht und zwischen die Worte eine Figur mit himmelwärts gerecktem Arm als Ausrufezeichen gerückt.

Diese Geste erinnert an ein Kapitel, das mir die Stuttgarter Kulturpublizistin Sibylle Maus erzählt hat: Als der Tagblattturm 1928 – ein Jahr nach der sensationellen Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung“ – eröffnet wurde, erschien das „Stuttgarter Neue Tagblatt“ mit der Schlagzeile: „Stuttgart empor!“ Da war noch Hoffnung. In den zwanziger Jahren galt die Stadt als junge, fortschrittliche Kulturmetropole. Es bewegte sich viel in den Theatern, in der Literatur, der Kunst, der Musik. Und in den Varietés waren Dinge möglich, die man in Wien, München oder Budapest verboten hatte. Stuttgart, sagen Historiker, hatte nach dem Ersten Weltkrieg das Zeug zu einer kleinen Weltstadt. Es regierte der konservative, aber liberale OB Karl Lautenschlager. Die zwanziger Jahre, denke ich, müssten spätestens 2020 ein großes Thema sein für die Kulturmacher in der Stadt.

Heute jubeln die Politiker in Stadt und Land über die „Weltkulturerbe“Auszeichnung der Unesco für die zwei Le-Corbusier-Häuser der Weißenhofsiedlung. Ein Glück, dass sie noch unversehrt stehen. Ich weiß noch, wie sich die Städtebau- und Denkmalschutz-Expertin Sibylle Maus in den siebziger Jahren als Feuilletonredakteurin der Stuttgarter Nachrichten vehement für die Weißenhofsiedlung einsetzte. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Bund und Stadt diese Architektur einfach vergessen und verkommen lassen. „Erbarmungswürdig“, warnte Sibylle Maus damals, die Siedlung stehe „kurz vor dem Verfall“.

Die weltweite Bedeutung des Projekts hatte man im Wirtschaftsboom ignoriert – wie so vieles, was in der Stadt geschaffen wurde. Ergebnis einer seit je mehr als merkwürdigen Erinnerungspolitik. Wen interessiert schon im Rathaus, wenn das Plakat für die Werkbund-Ausstellung, eine Arbeit des Stuttgarter Künstlers Willi Baumeister, im New Yorker Museum of Modern Art hängt. Bei uns behaupten Investoren, beim Bau der Einkaufskästen im Europaviertel habe man Elemente der Weißenhofsiedlung aufgegriffen. „Heute beziehen sich Architekten, die irgendwelche Flachdächer bauen, auf den Weißenhof, um ihre Art der Stadtverschandlung zu rechtfertigen“, sagt Sibylle Maus.

Allenthalben wird jetzt ein Stuttgarter Weltkulturerbe-Tourismus erhofft. Ist ja auch für den Architekturlaien schön da oben: Von der Dachterrasse der miteinander verbundenen Le-Corbusier-Häuser genießt du einen herrlichen Blick auf die Stadt, und bei guter Lichtregie der Natur wähnst du dich irgendwo in den Hügeln unter dem Himmel über dem Meer.

Ich empfehle beim Besuch des Weißenhofmuseums im Le-Corbusier-Haus, zumindest den „Kleinen Führer“ der Autorin Katrin Kirsch zu erwerben. Der ist informativ und auch höchst unterhaltsam: Man findet darin den wunderbaren Aufsatz des Malers, Bildhauers und Schriftstellers Kurt Schwitters, den er 1927 für die holländische Zeitschrift „i 10“ geschrieben hat. In herrlich ironischem Ton macht sich der Dadaist nicht nur über den schwäbischen Dialekt lustig, wenn er – im Glauben, in „Schtuggert“ werde jedes „S“ als „Sch“ gesprochen – den Architekten Mies van der Rohe als „Miesch“ verwurstet und empfiehlt, „zu der Architekturausstellung in Stuttgart 1000 Worte Schwäbisch herauszugeben, es würde den Genuss erhöhen und das Verständnis erleichtern“.

„Mischtergiltig“ komisch nimmt er sich auch Le Corbusier vor, den Stararchitekten, „der seine Häuser viel zu groß gebaut hat und dadurch den Gesamteindruck sehr stört“. So wundert sich Schwitters, weil er „in einem Wohnraume durch eine halbe Wand abgetrennt eine Badewanne“ entdeckt. „Warum?“, fragt er und fährt fort: „Ich sehe weiter und finde dicht daneben eine Klosetttür, die ins ­Zimmer mündet, und es wird mir klar, wegen des Geruchs.“

Dann allerdings fällt mir auf, dass an dieser Stelle der DVA-Broschüre einige Zeilen fehlen. Schwitters Aufsatz kenne ich auch aus dem von Karin v. Maur 1990 herausgegebenen Büchlein „Kleine Geschichten aus Stuttgart“. Und da geht es nach dem Satz mit dem „Geruch“ weiter: „Der Franzose riecht gern, wenn seine Dame aufs Klosett geht oder im Bade sitzt. Der Franzose ist eben elegant, das verstehen wir Deutschen nicht.“

Ob da die Geschmackszensur zugeschlagen hat, weiß ich nicht. Ich rate nur dringend, außer den Le-Corbusier-Häusern auch die Architekturgalerie am Weißenhof in der Nachbarschaft zu besuchen. In diesem Haus ist zurzeit die Ausstellung „Stuttgart reißt sich ab“ zu sehen – „ein Plädoyer für den Erhalt stadtprägender Gebäude“. Mitten im Abrisswahn in der Stadt, verschärft von Wohnungsnot und Mietexplosion, erfuhr man bei der Eröffnung dieser Schau auch etwas über die gegenwärtige Immobilienpolitik zugunsten der Investoren und deren Konfektionskästen. Und beflügelt von Schwitters Geruchspoesie ahnt man, dass die Heuchelei zum Himmel stinkt, wenn der OB nach dem Weltkulturerbe-Titel verlautbaren lässt: „Le Corbusiers Impuls, günstige Wohnungen mit innovativen Grundrissen und neuen Materialien zu bauen, ist noch immer wegweisend und muss daher Ansporn für unsere Architekten und Stadtplaner sein.“



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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