Bauers Depeschen


Dienstag, 28. Juni 2016, 1644. Depesche


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HEUTE UND MORGEN streiken viele Tagszeitungsjournalisten - wir im Süden treffen uns heute zu einer gemeinsamen Aktion in Ulm.



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LIED DES TAGES



Die StN-Fußball-Kolumne:



VOM ANSCHWITZEN

Es ist eine Ewigkeit her, etwa eine Woche, als ich auf der „Kicker“-Titelseite ein Foto des deutschen Spielers Boateng und darunter die Schreckenszeile sah: „Boss & Bollwerk“. Gütiger Gott, dachte ich, es ist so weit: Jetzt foltern sie uns wieder mit mittelalterlichem Festungsfußball. Wenige Tage später schoss das „Bollwerk“ einen Ball aus achtbarer Distanz volley ins untere Toreck der Slowaken. Vom spielerischen Boss-Geist offensichtlich beseelt, legten die Kollegen Gomez und Draxler ganz entspannt zwei Treffer nach. Gelernt habe ich daraus: Beim Fußball lassen sich die Grenzen nicht so einfach dichtmachen wie in der nationalistischen Bollwerk-Politik.

Am schrecklichsten im EM-Grenzverkehr war für mich das 1:0 von Wales gegen Nordirland: Solche Spiele, dachte ich in Gedanken an den großen heimischen Fußball, müssen wird demnächst bei den Stuttgarter Kickers in der Regionalliga überleben.

Im Grunde aber ist es ausgesprochen reizvoll, eine Fußball-Europameisterschaft ausgerechnet in diesen Tagen mitzuerleben. Mehr denn je spricht man über Europa. Leider verfolge ich das Ereignis nur am Fernseher, und dies in den eigenen vier Wänden, weil mir die hupenden Fahnenjunker in ihren blöden Autos keine neuen Erkenntnisse liefern. Man müsste jetzt in Frankreich sein und sich umschauen, wie europäisch ein europäisches Fußball-Festival tatsächlich ist. Ob Spieler und Fans sich freuen, auf Freunde vom Kontinent zu treffen. Oder ob es eher um einen Wettkampf sogenannter Nationen geht – wo es doch extrem schwierig ist zu sagen, was der blutig belastete Begriff „Nation“ bedeutet. Heute ist es nichts Besonderes, Fan von Borussia Dortmund zu sein und gleichzeitig das spanische Team anzufeuern. Oder wie Kevin-Prince Boateng der Halbbruder des deutschen Nationalspielers Jerome Boateng zu sein – und in Ghanas Nationalteam zu spielen. Beide wurden ja in Berlin geboren, wie man beim Sprechen deutlich hört, beide haben einen ghanaischen Vater. Der eine kickt für München, der andere für Mailand: Solche Lebensläufe sind europäisch.

Den Blick auf Europa haben die Engländer eher unfreiwillig mit ihrem Brexit geschärft: Was eigentlich, fragt man sich angesichts des internationalen Fußballer-Getümmels, ist diese verdammte Euro-Ding? Was hat eine EM mit dem europäischen Gedanke zu tun – außer mit dem Euro an sich? Wer sind die deutschen Fans, die neuerdings während des Spiels die Nationalhymne singen? Und warum streiken und demonstrieren so viele Franzosen während der EM in der „Grande Nation“?

Schön wäre, das Fernsehen würde uns darüber aufklären – uns Zuschauer auf unserem von einem deutschen Hintern platt gedrückten Euro-Sofa, produziert in Litauen für eine schwedische Firma. Aber das geht leider nicht. Die Sportskameraden von ARD und ZDF sind damit ausgelastet, minutiös vom „Anschwitzen“ der Spieler zu berichten. Auch darf uns auf keinen Fall entgehen, mit welchen Herausforderungen der Fahrer des Mannschaftsbusses zu­ kämpfen hat, wenn er einparkt – worüber die „Tagesschau“ dann berichtet . Lebenswichtig ist die Frage, ob Boateng beim Verlassen des Busses Kopfhörer auf den Ohren hat – unerlässlich für die TV-Analysen des „Bauchgefühls“ und der „Körpersprache“.

Entsprechend gewissenhaft erinnert uns Béla Réthy nach einem verschossenen Strafstoß, wie schon mal ein deutscher Spieler einen Elfmeter nicht verwandelte – 1976 bei der EM in Belgrad, als Uli Hoeneß mit seinem Schuss den Mann im Mond erlegte. Der deutsche Gegner damals hieß Tschecho­slowakei: Dass es dieses Nation so nicht mehr gibt, haben wir womöglich beim 3:0 gegen die Slowakei bemerkt. Jetzt müssen wir noch heraus­finden, wo und was Europa ist. Wer Europas Meister ist, werden wir vorher wissen.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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