Bauers Depeschen


Samstag, 04. Juni 2016, 1634. Depesche


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FLANEURSALON im GALERIENHAUS

Mit dem Flaneursalon sind wir am Donnerstag, 14. Juli, in Marko Schachers Raum für Kunst im Galerienhaus Stuttgart (West), Breitscheidstraße 48. Musik machen Zam Helga und Ella Estrella Tischa. Näheres demnächst.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne "Joe Bauer in der Stadt":



WOHNUNGSKAMPF

Zurück in Zuffenhausen. Winfried Schweikart, Stuckateur-Meister in Rente, geht mit mir durch den alten Ortskern, zeigt mir, in welchem Haus früher das Kino Z-Lichtspiele war: an der Ludwigsburger Straße, wo die Tafel „Sanierungsgebiet Zuffenhausen 8“ steht. Bald werden die Abriss-Bagger auffahren. Herr Schweikart hat mir zwei Bände mit dem Titel „Zuffenhausen ond dromrom von A – Z“ mitgebracht. Der Heimatgeschichtliche Arbeitskreis hat die umfangreichen Dokumente zusammengetragen. Seit er als Bub die Geheimnisse der Grenzsteine im Flecken erkundet hat, ist Herr Schweikart infiziert. Ein Forscher und Entdecker. Wir kommen am historischen Ziehbrunnen vorbei, einem Schmuckstück, das ohne sein ehrenamtliches Engagement in der Versenkung verschwunden wäre.

Innerhalb weniger Tage bin ich zum zweiten Mal in Zuffenhausen. Der Stadtbezirk mit seinen mehr als 35 000 Einwohnern erzählt uns etwas über einen der gefährlichsten Konflikte der Gegenwart. Es geht um das Recht auf Wohnen. Unser Weg führt in die Keltersiedlung; kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wurden die Häuser für Arbeiterfamilien fertiggestellt. Früher hat man die Gegend „Zigeunerinsel“ genannt. Das Gelände zwischen dem inzwischen überdeckelten Feuerbach und dem Mühlkanal war einst Lagerstätte für das fahrende Volk. Später haben Sinti und Roma in der Keltersiedlung gewohnt; die Nazis haben sie in Arbeitslager gesteckt oder deportiert. Etliche Häuser im Viertel, in der Künzelsauer Straße, wurden bei Luftangriffen zerstört. Beim Richtfest des Wiederaufbaus 1949 zitierte man den Vers: „Was böser Kräfte Macht vernichtet, der Häuser Dächer sind nun wieder aufgerichtet.“

Heute droht der Keltersiedlung mit ihren 105 günstigen Wohnungen der Abriss. Geht es nach der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) sollen die Menschen im Viertel bald ausziehen. Das städtische Unternehmen, wie jedes andere am Profit orientiert, redet nicht von Abriss. Man nennt das „Nachverdichtung“: 186 neue Wohnungen sollen in Häusern mit mehr Stockwerken entstehen, mit wesentlich höheren Mieten – für viele der sogenannten Mittelschicht, zu der man heute Leute mit 1200 Euro netto Einkommen zählt, nicht mehr bezahlbar. Die Siedlung sei aus Kostengründen nicht zu sanieren, heißt es bei der SWSG. Herr Schweikart, der „Bautiger“, wie er sich selber nennt, widerspricht: „Das ist ein absolutes Unding.“

Am späten Abend nach meinem Zuffenhausen-Besuch läuft in der ARD die Doku „Die geteilte Gesellschaft“, ein Film über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, über die fatalen Ungerechtigkeiten in der Republik. Die sozialen Gegensätze verschärfen sich. Zu den schlimmsten Symptomen gehören der Mietwahnsinn, der Abrisswahn, die Wohnungsnot. Auf eine freie Wohnung in Stuttgart kommen heute durchschnittlich mehr als 70 Bewerber. „Die Stadtgesellschaft driftet auseinander, das ist unübersehbar“, sagte der Stuttgarter Soziologie-Professor Tilman Harlander unlängst dem „Spiegel“.

Wenn du mit den Leuten in der Keltersiedlung redest, ist das Zuffenhausen, das man als Firmensitz von Porsche kennt, sehr weit weg. Der ehemalige Grafiker Horst Hölz, ein kerniger Mann von 73 Jahren, macht keinen Hehl daraus, dass er gelebt und Niederlagen weggesteckt hat. Auch diesmal will er kämpfen. An die Haustür hinter seinem liebevoll angelegten Garten in der Keltersiedlung hat er ein Schild gehängt: „Der allergrößte Lump im Land ist der Wohnungsspekulant“.

Auch die Familie Reinhardt wird nicht widerstandslos gehen. Vater Markus lebt seit 70 Jahren in der Siedlung; die Nazis haben einst seine Eltern, Sinti, ins Arbeitslager gesteckt. Mutter Elke und Tochter Gitta habe ich bei meinem ersten Rundgang getroffen; auch in ihren Gesichtern konnte ich lesen: Bei der rigoroser Stuttgarter Wohnungspolitik geht es nicht um einen „Umzug“; die Menschen – Arbeiter, Handwerker, Rentner – werden aus ihrem Leben gerissen.

Erst neulich hat die Mieterinitiative Stuttgart eine erste, gut besuchte Versammlung in der Zehntscheuer abgehalten. Klar wurde: Der Widerstand gegen die Abrisspläne formiert sich.

Wir ziehen weiter zum „Kommunistenblock“ an der Wimpfener Straße, direkt an der Straßenbahnhaltestelle. Anfang der 1920er Jahre von der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Zuffenhausen für sozialistisch organisierte Arbeiter gebaut, war das Projekt ein Vorbild für bezahlbares Wohnen. Auch diese Siedlung mit 66 Wohnungen soll abgerissen werden – geht es nach dem Willen der Baugenossenschaft Zuffenhausen. Mit einer Unterstützerin der Mieterinitiative besuche ich Leute, die in diesen Häusern wohnen – und bin überrascht. Ich dachte, wir seien in einem Rentnerquartier unterwegs; erst kürzlich hatte ich mit einigen älteren Frauen geplaudert, darunter Frau Hauser, die vor 76 Jahren in der Siedlung geboren wurde. Undenkbar für sie, nach so vielen Jahren auszuziehen.

Diesmal treffe ich im Block, seit jeher auch „Kommunistenburg“ genannt, alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern, junge Arbeiter in einer Männer-WG, einen Architekturstudenten, Neuankömmlinge ohne Deutschkenntnisse. Eine bunte, internationale Gesellschaft. „Little Italy“, sagt Tina, die für uns dolmetscht. Niemand von den Bewohnern kann sich vorstellen, in Stuttgart eine ähnliche bezahlbare Wohnung zu finden – mit einer Miete deutlich unter zehn Euro pro Quadratmeter. Neue Wohnungen sind eher selten unter 13 Euro pro Quadratmeter zu haben.

Zufällig begegnet mir im Innenhof Günter Han, seit 24 Jahren Hausmeister im Kommunistenblock. Es sei zu viel kaputt, sagt er, die Rohre, das Dach, die Keller. Es gibt auch andere Meinungen. Der Hausmeister selbst wohnt in der Keltersiedlung: Deren Abriss hält er für Unfug.

Die Vernichtung bezahlbaren Wohnraums geht auch anderswo in Zuffenhausen weiter: Im Stadtteil Rot wird die Baugenossenschaft Neues Heim in der Fleiner Straße 60 Wohnungen plattmachen, weitere 40 SWSG-Wohnungen müssen in der Roter Fürfelderstraße Häusern mit höheren Mieten weichen. Die Abrisswelle – allein in Zuffenhausen geht es um 271 günstige Wohnungen – steht symbolisch für die Stuttgarter Immobilienpolitik: Der soziale Wohnungsbau ist seit vielen Jahren so gut wie abgeschafft. Der frühere SPD-Minister Nils Schmid sagte vor der Landtagswahl, man könne das Problem „dem Markt“ überlassen. Die eklatante Wohnungsnot bedeutet nicht nur den Verlust eines demokratischen Grundrechts. Die Mietpreisexplosion ist sozialer Zündstoff, verstärkt angesichts der Flüchtlingsthematik das Sündenbock-Denken und den politischen Rechtsruck.

>> Am kommenden Dienstag, 7. Juni, hält die Mieterinitiative in Zuffenhausen die nächste öffentliche Versammlung ab: im Samariterstift, Markgröninger Straße 39, U-Bahnlinie 15, Haltestelle Kirchtalstraße. Beginn 18.30 Uhr.





 

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