Bauers Depeschen


Donnerstag, 19. Mai 2016, 1629. Depesche


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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



DER LETZTE ROTE

In der Eingangshalle des Hauptbahnhofs empfängt den Ankömmling eine riesige Reklameprojektion: „Willkommen im Schlaraffenländle!“ Schöpfer dieser weltläufigen Grußaugust-Botschaft im zerstörten Hauptbahnhof sind nicht die „Wir können alles“-Großkotze der Landesregierung, sondern die Werbeleute eines Unternehmens, das die Quadratur der Schokoladentafel erfunden hat. Seit Jahrzehnten bin ich ein Rum-Trauben-Nuss-Anhänger der Waldenbucher Marke „Ritter Sport“. Und nach den jüngsten Entwicklungen in der Stadt habe ich die Hoffnung, ein guter Graffiti-Akrobat könnte sich von der Bahnhofsdecke abseilen und der Wahrheitsfindung dienen: Er müsste lediglich die Buchstabenfolge „Schlar“ im „Schlaraffenländle“ streichen. Damit käme zwar nicht mein Kampf gegen den schwäbischen Deppendiminutiv „Ländle“ voran, so doch die allgemeine Aufklärung.

Zurzeit verändert sich viel in der Stadt. Wir haben eine neue Landesregierung, die Kiwi-Koalition (K & K), was Ritter Sport zu einer neuen sogenannten Sortenkreation anregen müsste: Die Hauptaufgabe bei einer Kiwi-Schoko-Produktion bestünde wohl darin, der Kundschaft angesichts der grün-schwarzen Regierung im Schlaraffenländle die Angst vor Sodbrennen mit Todesfolge auszutreiben.

Dank der Stadtzerstörung für S 21 haben wir seit dieser Woche auch ein neues, stark verhunztes Straßenbahnnetz, das uns ebenfalls eine neue Willkommenskultur im Affenlände eröffnet. Als das Chaos begann, erhielt ich vor einem geschlossenen U-Bahneingang am Charlottenplatz vom Leuchtjacken-Personal die Auskunft: „Stopp. Do geht nix mehr.“

Damit sind wir beim Fußball, einer Stuttgarter Vorzeige-Kultur, die seit kurzem nicht mehr ganz die globale Strahlkraft von „Ritter Sport“ besitzt. Heimische Rum-Trauben-Nuss bekommst du auch in New York. Die Schokoladenseite des VfB sucht du künftig besser in Sandhausen.

Als ich das „Schlaraffenländle“ im Bahnhof erstmals richtig wahrnahm, kam ich gerade von einem Ausflug zurück, der mich mit S-Bahn und Bus zunächst in den Schwarzwald geführt hatte. Aus Gründen der außerbetrieblichen Fortbildung war ich in der kleinen Stadt Bad Liebenzell im Kreis Calw, wo ich den „Roten Ernst“ traf. Er ist etwas älter als ich und geografisch entschieden besser bewandert: Erstens wurde er im Kohlenpott geboren, zweitens hat er vor kurzem im Schwarzwald die Prüfung zum zertifizierten Wanderführer abgelegt. Den Beinamen „Roter Ernst“ hat er sich in seiner Wahlheimat Schwarzwald durch seine hartnäckige Mitgliedschaft in einer früher noch recht bekannten Partei namens SPD erworben. In Liebenzell wählten zuletzt acht Prozent SPD, 18 Prozent AfD.

Vom weltberühmten Schwarzwald-Dichter Hermann Hesse aus Calw wissen wir, dass er den deutschen Sozialisten schon vor hundert Jahren keine rote Politik mehr zutraute, weil die SPD 1918 die Revolution verraten hatte. Deshalb gilt Ernst heute weltweit als einziger und letzter Roter der Sozen – versteckt sich also nicht ohne Grund im Schwarzwald. In Liebenzell klärt er mich darüber auf, dass die – im Moment noch ungeschützte – Grenze zwischen Baden und Württemberg mitten durch die Gemeinde führt. Als rote Linie gilt der Lengenbach.

Ehrfürchtig stehe ich vor dem Rinnsal, in Gedanken bereits bei den bevorstehenden Länderkriegen zwischen Württemberg (VfB Stuttgart) und Baden (Karlsruher SC ). Die Mediatoren werden wie früher vor diesen Schlachten inbrünstig darauf hinweisen, dass wir hüben und drüben des Lengenbachs in Wirklichkeit ja alle von den Alemannen oder den Schlaraffen abstammen – und Stuttgart ohnehin eine badische Gründung ist: Zwölfhundertnochwas hat irgendein Hermann Nummer V ein kesselartiges Stuotendingsbums zur Stadt erhoben. Die Fußballfans jedoch werden beim historisch blutigen Derby zwischen Sauschwaben und Gelbfüßlern kein Geschichtsbuch, sondern rote und blaue Fahnen bei sich tragen, so dass die historische Nachhilfestunde wie früher die Polizei erledigen wird.

Ich fuhr dann, weil schönes Wetter war, mit der Eisenbahn vom Lengenbach zügig weiter an die Seine nach Paris. Im Gare de l’Est steht für die Reisenden ein Flügel bereit mit der Aufschrift: „Für Sie zum Spielen“. Auch im Stuttgarter Bahnhof sollte man dringend was zum musischen Zeitvertreib anbieten, der Atmosphäre des Orts entsprechend vielleicht einen  Tunnelbohrer von Herrenknecht.

Jeder hat inzwischen im deutschen Fernsehen die Bilder von französischen Demonstranten gesehen, die sich gegen die Beschneidung der Arbeitsrechte erheben; fast immer zeigt man nur Krawallszenen. Gegen Hollandes Arbeitsmarktreform gingen bereits im vergangenen März 120 000 Menschen in Paris auf die Straße, wovon im nahen Schlaraffenländle kaum einer was mitkriegen konnte, weil die Medien wichtigere Dinge zu tun haben.

Ich wohnte in einem Hotel an der U-Bahnhaltestelle Voltaire, das Zimmer billiger als im Schwarzwald, und fuhr ein paar Mal mit einer Straßenbahnkarte für 1,40 Euro zum Platz der Republik. Dieses historische Gelände halten seit März Tausende von Menschen besetzt, ähnlich wie 2011 die „Occupy Wall Street“-Bewegung den Zuccotti Park in New York. Und ähnlich friedlich geht es vor meinen Augen zu beim Pariser Protest unter dem Motto „Nuit Debout“ (Aufrecht und wach durch die Nacht). Die Menschen, eine bunte Menge verschiedener Generationen, diskutieren, stimmen über ihre Forderungen ab. Musiker spielen, die Polizei schaut zu. Ich besuchte noch das Grab der Kriegsreporterin Gerda Taro auf dem Père Lachaise. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, kam die legendäre Fotografin am 27. Juli 1937 mit 26 Jahren im Spanischen Bürgerkrieg ums Leben. Stuttgarts neu gestalteter Gerda-Taro-Platz liegt zwischen Charlottenplatz und Olgaeck. Zum Grab in Paris ist es nur ein Katzensprung, dreieinhalb Stunden mit der Bahn. Das kann nur heißen: Adieu, öfter mal raus aus dem Affenländle im Schlaraffenzahn.

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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