Bauers Depeschen


Samstag, 30. April 2016, 1622. Depesche


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SCHWARZWALD-AUSFLUG

Am Freitag, 6. Mai, ist der Flaneursalon im Freien Theater Bad Liebenzell. Mit Zam Helga, Ella Estrella Tischa, Michael Gaedt. Hier gibt's Karten: FREIES THEATER.



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Die aktuelle StN-Kolumne:  



NATIONALE ESEL

Einen Tag vor dem AfD-Aufmarsch vertrieb die Sonne das miese April-Wetter, der Himmel über der Stadt färbte sich blau, als wollte er alle Demokraten ermuntern, sich mutig gegen die Reaktionäre zu wehren. Schon in den Tagen zuvor hatten sich alle Aufrechten zur Verteidigung des Rechtsstaats gründlich vorbereitet, um die ehrenamtlichen Kämpfer für Menschenrechte und Gerechtigkeit, gegen den Turbo-Kapitalismus und die AfD zu unterstützen.

Beim AfD-Bundesparteitag wird an diesem Wochenende eine Polizeiarmee im Sinne der sexuellen Vielfalt mit 1000 Männern und Frauen aufgestellt, die meisten von ihnen – ihrem Fetisch entsprechend – als Robocop-Freaks kostümiert und maskiert. In unserer liberalen, humanistisch geprägten Gesellschaft darf man solche Vorlieben im Handschellen- und Gummiknüppelmilieu jederzeit ausleben.

Zur Wahrung unserer traditionsreichen deutschen Börsenwerte und der deutschen Cola-light-Kultur werden die Polizisten mit fünf Wasserwerfern aufgerüstet, um die frühzeitige Dehydrierung der jungen Frauen und Männer in den Reihen des antifaschistischen Protests zu verhindern. Zur Wiederbelebung steht Pfefferspray bereit.

Es dürfte also schwer werden für die Nationalisten, ihre Angriffe auf die Verfassung der Republik, auf unsere Gastfreundschaft gegenüber den Flüchtlingen sowie auf die vielen Minarette und Muezzine im Kessel siegreich zu beenden – selbst wenn am selben Tag viele fortschrittliche Aktivisten mit Blauhelmen zum Überlebenskampf der Stuttgarter Kickers auf die Waldau abgezogen werden müssen.

Auch die oberste Heeresleitung im Rathaus ist strategisch für die Invasion der Rechten gerüstet. Rechtzeitig vor dem AfD-Parteitag ließ der große spitze Fritz in der Stadt Plakate hängen mit der Botschaft, sich den Feinden der freiheitlich-recht­lichen Grundordnung entgegenzustellen. Klassenkämpferisch heißt es auf einem Plakat: „Die Würde des Menschen ist auch beim Ficken unantastbar“. In diesem Fall muss man wissen, dass sich bei jedem solchen Akt, im Volksmund Kopulation genannt, die Unantastbarkeit des Menschen allein auf die Würde beschränkt – jedenfalls in den erogenen Zonen westlicher Demokratien ohne pietistischen Hintergrund.

Das Plakat für würdevolles Poppen, Bürsteln, Schnakseln etc. widerlegt endgültig den abgründigen Satz, den Dostojewski einst seinem Ich-Erzähler Iwanowitsch in dem Roman „Der Spieler“ in den Mund gelegt hat: „Ja, ja, es gibt eine Lust auf der letzten Stufe der Erniedrigung und Entwürdigung!“ Diese Zeilen habe ich einst auf der untersten Stufe meiner sexuellen Erfahrungen gelesen und bis heute nicht vergessen.

Ein anderes Plakat der städtischen Kampagne gegen Rechts fordert eindeutig, wenn auch ohne Namen zu nennen, zur psychischen Eliminierung einer extrem gefährlichen AfD-Führerin auf: „Willst du der Mann ihrer Albträume sein?“ – Als ich dieses Poster sah, reihte ich mich ein in den Chor der Demonstranten und skandierte 33 Minuten lang: „Aber ja doch, aber ja, ich kleines Schwein / Ich will der Mann ihrer Albträume sein.“ – „Petry Heil!“, rief unser Commandante, der einen Guerilla-Kurs im Kalauerkabarett absolviert hatte. „Auf zum letzten Gefecht“, antworteten wir.

Gut gelaunt zogen wir in unseren schwarzen Kapuzenjacken aus biologischem Anbau mit der Aufschrift „Demokratie wäre die Lösung!“ weiter, bis wir vor dem Plakat mit der radikalsten These ankamen: „Nutten sind Menschen“. Die anatomischen Hintergründe erklärte uns unser grüner Genosse Winfried, früher Biologielehrer in einer Kosmetikschule, ehe ihn der demokratische Radikalenerlass zur Umschulung als Dingsbums zwang. Wir schworen ihm, die Sache mit den Nuttenmenschen in unserem Befreiungskampf auch im umgekehrten Wortsinn und vor allem weiterführend grammatikalisch korrekt zu beachten: „Politiker sind Menschen wie Nutten“.

Damit ist meine Betrachtung an einem komplizierten Punkt angelangt, weshalb ich es für besser halte, beim Blick nach rechts einem gelernten deutschen Dichter das Wort zu erteilen:

„Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ‚national’ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben (. . .) Wir sind auch noch da. Sie reißen den Mund auf und rufen: ,Im Namen Deutschlands …!’ Sie rufen: ‚Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.’ Es ist nicht wahr.

Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.

Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Land lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser Deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Licht und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen, weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitsliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ‚Deutschland’ gedacht wird . . . wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verbänden.“

Geschrieben hat diese Sätze der Satiriker Kurt Tucholsky in seinem Bilderbuch „Deutschland, Deutschland über alles“. Die Fotos hat John Heartfield montiert. Das Kapitel, dem ich es entnommen habe, heißt „Heimat“. Erschienen ist das Buch 1929.



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