Bauers Depeschen


Dienstag, 19. April 2016, 1617. Depesche


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Die aktuelle StN-Kolumne:



DAS WASSERBETT

Es gibt sensationelle Heimatgeschichten. Du findest sie bei den Fischen. Wer weiß schon, dass Herr D. W. G. Ploucquet, Medizin-Professor zu Tübingen, 1798 am Neckar ein Wasserbett erfunden hat. Ein Verbündeter, der Stuttgarter Künstler Harry Walter, hat es mir erzählt.

Herrn Ploucquet ging es bei seinem Experiment, das er in einer Schrift abhandelte, nicht etwa um eine mit Wasser gefüllte Matratze. Dieses Ding findet man in der internationalen Geschichtsschreibung des menschlichen Schlafs bereits 326 vor Christus: Alexander der Große, anscheinend ein geübter Penner, ließ sich Wasser in Ziegenhäute füllen, um cool durch die Nacht zu kommen (in den kälteren Monaten wurde das Wasser für sein Ziegenhauslager tagsüber von der Sonne aufgewärmt).

Die Geschichte des heutigen Wasserbetts ist lang und hat viel mit Gesundheit und Therapie zu tun, weshalb ich es kurz mache und auf den globalen Durchbruch dieser Erfindung hinweise: In den sechziger Jahren füllten Design-Studenten in San Francisco erstmals Plastikfolien mit Wasser. Es war in den großen Tagen der Hippies, und ich vermute: In der Flower-Power-Hochburg diente die Dynamik des Wasserbetts vorzugsweise sexuellen Lockerungsübungen im Zusammenspiel mit bewusstseinserweiternden Götterspeisen. Dafür habe ich allerdings keine Beweise. Ich selbst habe bei meinen wenigen Wasserbett-Einsätzen extrem schlechte Erfahrungen mit der Erdanziehungskraft gemacht – weshalb ich mich wieder Herrn Ploucquets Erfindung zuwende.

Diesem Mann ging es nicht um den Schlaf der Gerechten, sondern um die Körper- und Badekultur: Er wollte, am Neckar zu Hause, ein Liegebett in Flüsse einbauen. Die Bezeichnung „Flussbett“ wäre etwas irreführend gewesen. Nach Übernachtungen in Flussbetten wacht man ja meist als Wasserleiche auf.

Unser Wasserbett-Modell, eine Art Open-Air-Alternative zur Badewanne, sollte nach Anleitung des Erfinders folgendermaßen konstruiert werden: „Es wird von mäßig starkem Holze, wozu unsere sogenannten Ramschenkel mehr als hinreichend sind, ein längliches Viereck gebildet, etwas sieben Schuh lang und vier breit; in die Quere werden acht bis zehn Bettgurten befestigt; über diese wird ein doppeltes starkes Tuch von Leinwand oder Flanell gezogen und festgenagelt.“

Herr Ploucquet schlägt eine Reihe von Details vor, um das „Herausfallen“ des geneigten Bettenfreunds zu verhindern, bevor das Vehikel mit Pfählen, eisernen Ringen und Haken in der Nähe des Flussufers oder zwischen zwei Kähnen befestigt wird. Die Apparatur sollte wohl auch dazu dienen, den Menschen beim Waschen zu helfen. Ploucquet sah es als Gebot der Stunde, nicht immer nur Gesicht und Hände zu reinigen. Klarer Fall: Im Wasser wirst du nasser. Warum ich Ihnen diese wahre, wenngleich unvollkommen geschilderte Geschichte erzähle: Auf solche grandiosen Ideen wie Herr Ploucquet kommst du nur am Neckar. Und das muss immer wieder gesagt werden – auch wenn vielen maßgeblichen Schnarchern im Stuttgarter Flussgebiet selten mehr einfiel, als den natürlichen Lauf des Neckars zu zerstören, Kanäle und Schleusen für die Industrie zu bauen und nebenbei den Nesenbach zu deckeln.

Das Deckeln an sich ist ja eine Lieblingsbeschäftigung der Politiker. So haben sie im Fall Stuttgart 21 den „Kostendeckel“ erfunden, um den gerade mal wieder heftig gestritten wird. Das Vertuschungswort „Kostendeckel“ bedeutet, dass die regierenden Politiker den Bürgern vorzugaukeln versuchen, die Steuergeld-Verschwendung für ein Schwachsinnsprojekt habe eine Grenze. Und viele Leute da draußen im weiten Land, die als Propaganda-Opfer ohnehin nie wussten, dass es bei S 21 um andere Dinge als um einen Bahnhof geht, haben es längst vergessen: Bei der Volksabstimmung 2011 haben sie ausschließlich über läppische 4,5 Milliarden Euro für Stuttgart 21 entschieden. Inzwischen hat es den „Kostendeckel“ vor lauter Lügengestank im Stuttgarter Parteieneintopf dermaßen milliardenmäßig gelupft, dass er irgendwo im Weltall herumfliegen muss.

Damit zurück zum Wasser, solange es noch fließt. Herr Gerhard Thierauf aus Cannstatt schreibt mir, ich hätte Stuttgart mal als die Stadt mit „Europas zweitgrößtem Mineralwasseraufkommen“ hinter Budapest erwähnt. Diese Einordnung sei falsch: „Wahrscheinlich ist es schwäbische Bescheidenheit, dass das immer so hingenommen wird, aber es wird auch durch häufige Wiederholung nicht wahr. Tatsache ist, dass Budapest zwar eine größere Schüttung hat, aber was da rauskommt, ist kein Mineralwasser, sondern Thermalwasser, also nur warmes Trinkwasser. Wir in Stuttgart haben also die europaweit größte Schüttung von Mineralwasser.“

Weiter schreibt er: „Als ich zum ersten Mal in Budapest war, habe ich im weltberühmten Jugendstilbad des Hotels Gellert gebadet. Als alter Leuzianer kenne ich natürlich die Regel für die Leuze-Quelle: dreimal fünf Minuten schwimmen und dazwischen heiße Dusche. Ich fragte deshalb den Gellert-Bademeister nach der Badeempfehlung. Dieser schaute mich verständnislos an und äußerte dann vorsichtig Bedenken an meinem Geisteszustand. Ich ging in das etwas kühlere der beiden Becken, ich glaube es sind 34 Grad Celsius, das andere Becken hat nach meiner Erinnerung 36 Grad, und stellte fest, dass da kaum Mineralien drin sind. Die Budapester selbst bezeichnen ihr Wasser nur als Thermalwasser.“

Herr Thierauf hat reichlich Erfahrung mit Mineralwasser. Er wurde vor 86 Jahren in Cannstatt geboren. Erst 1933 haben die Nazis den Ort in „Bad Cannstatt“ umgetauft. In Herrn Thieraufs Ausweis steht: „Geboren in Stuttgart-Cannstatt, heute Stuttgart-Bad Cannstatt“.

Demnächst werde ich mich im Neckar in Cannstatt auf ein Wasserbett legen, erwartungsvoll gen Himmel schauen und warten, bis uns der Kostendeckel unter sich begräbt. Der brave Bürger liebt den großen Schlaf.



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