Bauers Depeschen


Sonntag, 27. März 2016, 1607. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

mache gerade Ferien. Kommende Woche gibt es wieder Kolumnen. Und noch ein Hinweis: Am Samstag, 16. April, veranstalten Freunde der Stuttgarter Altstadt zusammen mit DGB-Leuten das 1. BASIS-Fest. Das Basis ist ein kleines Beratungszentrum des DGB in den ehemaligen Räumen des legendären Café Schmälzle im Leonhardsviertel, Hauptstätter Straße 41. Das Fest ist als Tag der Begegnung und als kleine Hommage an die Altstadt gedacht. Es gibt gutes Essen, Getränke - und ein Programm. Michael Dikizeyeko & Steve Bimamisa spielen afrikanische Songs. Mitglieder des Vesperkirchen-Chors rahmenlos & frei singen ihre schönsten Lieder. DGB-Mitarbeiter stellen das Basis vor, unsereins liest Texte über die Altstadt vor. Der Fotograf Jim Zimmermann stellt Bilder aus. Alle sind herzlich willkommen. Das Basis-Fest beginnt um 17 Uhr. Eintritt frei.



AUSFLUG in den Schwarzwald: Am Freitag, 6. Mai, machen wir einen Flaneursalon im Freien Theater Bad Liebenzell. Es spielen und singen Zam Helga, Ella Estrelle Tischa, Michael Gaedt. Karten: 07052 / 93 33 21



TRIP nach Berlin: Am 13. Juni bin ich als Vorleser in der Mixed-Show "Blauer Montag" bei den Wühlmäusen dabei.



IN STIEFEN DURCH STUTTGART, meine Textsammlung als Buch, gibt es wieder zu kaufen: Die EditionTiamat, Berlin, hat eine kleine Auflage nachgedruckt.



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LIED DES TAGES



Was aus meinen Beständen:



HENDRIX

Gestern Morgen habe ich zu Hause die Doppel-LP "Electric Ladyland" von Jimi Hendrix gesucht und gleich gefunden. Die Plattenhülle zeigt neunzehn nackte Frauen. Ein Foto, von dem sich Hendrix distanzierte; man hatte es ohne sein Wissen gemacht. Das Album erschien am 16. Oktober 1968. Drei Monate später gastierte Jimi Hendrix in der Stuttgarter Liederhalle. Am Sonntag, dem 19. Januar 2014, jährte sich der Auftritt zum 45. Mal, und dieses Datum musste ich feiern, weil ich am 50. Jahrestag meinen Kolumnendienst bereits quittiert haben werde.

Leider war ich 1969 nicht dabei, weil erst fünfzehn, nicht flüssig und als Provinzler nicht mobil. Mir fällt zu Electric Ladyland ein Satz ein, den ich in Franz Doblers Memoiren-Buch "The Boy Named Sue" gelesen habe. In einem Text über seine Anfänge als Musikkritiker einer Dorfzeitung heißt es, er könne nur lachen, „wenn jemand behauptet, eine Platte, ein Bild, ein Film könne kein Leben aus der Bahn werfen“.

Nun weiß ich nicht mehr genau, wie weit ich mit fünfzehn schon von der richtigen Spur abgekommen war. Egal. Electric Ladyland war der Hammer. Eine Offenbarung. Vor allem „1983 (A Merman I Should Turn To Be)“, ein 13:37 Minuten langer Song voller experimenteller Ausschweifungen, öffnete mir den Blick in ein neues Universum.

Leute, die wenig von solchen Dingen erfahren haben, dafür viel von „Zukunft“ und „Fortschritt“ verstehen, verhöhnen Zeitgenossen, die sich auch mit den Platten der Vergangenheit beschäftigen, gern als „Ewiggestrige“. Ähnlich klug wäre die Behauptung, kein fortschrittlicher Mensch höre heute noch Bach, Mozart oder Beethoven.

Anlässlich des Films „Inside Llewyn Davis“ der Brüder Coen ist 2013 das Buch „Der König von Greenwich Village“ erschienen. Die Autobiografie des kommerziell erfolglosen, aber stilbildenden Folkmusikers Dave Van Ronk im New York der Fünfziger und Sechziger diente den Regisseuren als Motiv für ihren jüngsten Spielfilm über den musizierenden Verlierer Llewyn Davis. Aus dem Buch lernt man, wie einfältig es ist, die Vergangenheit zu ignorieren. Van Ronk erzählt von Jazzmusikern, die Mitte des 20. Jahrhunderts beim Versuch, die Spielweise der Zehner- und Zwanzigerjahre neu zu beleben, eine völlig neue Musik schufen – „ohne es zu ahnen“. Als Folkmusiker habe er ganz ähnliche Erfahrungen gemacht.

Als The Jimi Hendrix Experience – mit dem Gitarristen und Sänger Jimi Hendrix, dem Schlagzeuger Mitch Mitchell und dem Bassisten Noel Redding – am 19. Januar 1969 nach Stuttgart kam, gab es Probleme vor der Show. Der Kaufmann Hans Schweizer, heute Chef des Musikhauses Sound of Music – und gerade von der Olgastraße in die Schwabstraße 33 umgezogen - erinnert sich, wie vor seinem Laden in der Silberburgstraße eine Stretch-Limousine mit Zürcher Kennzeichen vorfuhr. Die Leute im Auto brauchten Hilfe. In der Nacht zuvor hatten Unbekannte den Tournee-Bus aufgebrochen. Hans Schweizer war schon damals mit US-Instrumenten ausgerüstet, auch mit Gitarren vom Typ Fender Stratocaster. Sein Kunde aus der Limousine hieß Jimi Hendrix.

Unbekannt dagegen ist die Geschichte, wie es drei Grünschnäbeln, noch keine sechzehn Jahre alt, ohne Eintrittskarten gelang, über ein Lichtauge oder ähnliches auf dem Dach der Liederhalle in den Beethovensaal einzusteigen. Einer von ihnen war der heutige Stuttgarter Autor und Performance-Künstler Harry Walter. „Irgendwie waren wir drin“, erzählt er. „Wie wir da hoch- und runtergekommen sind, habe ich vergessen, nicht aber das Konzert selbst. Als Jimi mit der Zunge die Saiten traktierte und den Hals seiner weißen E-Gitarre zwischen den Oberschenkeln durchführte, wurde mir klar, dass es mit unserer Schülerband The Tombstones niemals was werden würde. Noch heute habe ich den Eindruck, durch dieses Konzert genetisch komplett umprogrammiert worden zu sein.“

Vier Jahre zuvor hatte Harry Walter an der Heilbronner Straße der englischen Königin Elizabeth und ihrem Begleiter, dem CDU-Ministerpräsidenten Kiesinger, zugewinkt. Jetzt, angesichts der Erscheinung Jimi Hendrix, spürte er einen „uneinholbaren Fortschritt“ in seiner Entwicklung vom „fähnchenschwingenden Staatskarossen-Jubelperser“ zum „bekennenden Electric-Ladyland-Fan“. Wenig später besuchte er als Schüler die legendären Stuttgarter Uni-Vorlesungen des Philosophen, Querdenkers und Publikumsmagiers Max Bense in der Keplerstraße.

Zwei Tage nach dem Hendrix-Konzert veröffentlichten die Stuttgarter Nachrichten eine 52 Zeilen lange Kritik. Die Überschrift lautete, in Anspielung auf einen Ballett-Star: „Dschungel-Nureyew“. Mehr kann ich aus dem Artikel des Kritikers Hans Fröhlich, dem späteren Wirt der gleicnamigen Weinstube im Leonhardsviertel, nicht zitieren, ohne mich Rassismus-Vorwürfen auszusetzen. Am 18. September 1970 starb Jimi Hendrix. Wenn ich an seinem Todestag mit der Bahn an der Liederhalle vorbeifahre, packe ich meine Luftgitarre aus. Eine weiße Fender Stratocaster.

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Im Internet kursiert bis heute die Abbildung eines Konzertplakats mit falschem Stuttgart-Datum. Es handelt sich um das berühmten „Wire Hair“-Motiv des hessischen Grafikers Günther Kieser, der das Poster im Auftrag der Konzertagentur Lippmann & Rau für die Jimi-Hendrix-Tour gestaltete. Später wurde es als irreführendes Remake verkauft - auf das Stuttgart-Poster hatte man einen Streifen mit dem Datum „Mittwoch, 15. Januar 1969“ geklebt. An diesem Tag aber spielte Jimi Hendrix im Deutschen Museum München.



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