Bauers Depeschen


Donnerstag, 17. März 2016, 1604. Depesche


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LIED DES TAGES



SEX MIT ZWEIBEINERN

Als ich von meinem kleinen Ausflug zurückkomme, sieht die Stadt noch aus wie vor dem Wahlsonntag. Auf dem Weg nach Hause schauen mich die Plakatgesichter in der Straße an, als hätten sie nichts verbrochen.

Ende einer Dienstfahrt mit rein privaten Pflichten, dazu bestimmt, etwas im Dienste der außerbetrieblichen Fortbildung zu tun, vor allem beim Blick nach rechts. Mit dem Kabarettisten Rolf Miller, er lebt in Stuttgart, war ich in Dresden. In der sächsischen Metropole endete am Wahltag das 2. Festival „Humorzone“. Bei dieser Veranstaltung, so sagen es die Organisatoren, treten auf neun Bühnen der Stadt siebzig „Spaßkünstler“ auf. Das Horrorwort „Spaßkünstler“ zielt auf die ganze Sippe: Comedians, Blödel, Musiker, Autoren, politische Kabarettisten.

Rolf Miller war Gast in der finalen, vom MDR aufgezeichneten Fernsehgala im Dresdner Schlachthof. Als Schirmherr des Festivals und Moderator der TV-Show gab der Dresdner Komiker Olaf Schubert dem Ganzen den Glanz des sächsischen Humors, einer liebenswert „viehischen“ Spielart. Auf die Bühne gingen Kabarett-Stars wie Rainald Grebe und Gernot Hassknecht.

Warum ein guter Komiker dem Ernst der Lage nie entkommt, hatte ich schon tags zuvor erfahren. Rolf Miller, 1967 geboren, gönnte vor unserer Dresden-Tour seiner kleinen Heimatstadt Walldürn im Neckar-Odenwald-Kreis einen Freundschaftsauftritt. Neben der Frauenfußball-Bundestrainerin Silvia Neid gilt er als der berühmteste lebende Walldürner. Miller, 2006 mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet, brilliert mit so gut wie nie vollendeten, oft absurden Sätzen: Er verdunkelt die Vorhänge, nicht das Zimmer. In seiner Show „Alles andere ist primär“ legt er dem Politiker Seehofer die christlich-soziale Wahrheit in den Mund: „Flüchtlinge sind willkommen – solange sie bleiben, wo sie herkommen.“ Da johlt der Saal, und nicht alle im Publikum beklatschen die Ironie des Komikers. Anderntags fährt die AfD in Walldürn 20 Prozent ein.

Dresden. In den Hotelzimmern der Festival-Teilnehmer liegt eine Grußkarte der Veranstalter: „Lieber Rolf, willkommen im Herzen Dunkeldeutschlands! Aber sei versichert, die Stadt ist besser als ihr Ruf.“ Man wünsche allenthalben „einen viehisch erfolgreichen Abend“.

Während der TV-Gala haben sich die Wahlergebnisse herumgesprochen, die AfD-Erfolge in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt. Als ich den Kabarettisten Gernot Hassknecht, bekannt als „Choleriker im Endstadium“, später am Tresen frage, ob er in Zukunft noch lauter brüllen müsse, antwortet er: „Wir müssen jetzt alle aufrechte Demokraten sein.“ Er sagt es ruhig und besonnen, und er schaut mich an, als käme einiges auf uns zu.

Am Montag spazieren Herr Miller und ich durch die Dresdner Neustadt. Dieses bunte Viertel mit seinen originellen Läden, Kneipen und Cafés erinnert an Berlin. Viele junge Menschen sind unterwegs. In diesem Kiez hat das Herz Dunkeldeutschlands einen guten internationalen Beat.

Zurück im Zentrum, steigen wir an der Semperoper in einen zur Stretch-Limousine umgebauten Vierzylinder-Trabbi, ein Stadtrundfahrt-Vehikel für Provinz-Touris wie uns. Der Fahrer sagt, er könne von seinem Umsatz nicht mehr leben und müsse bald aufgeben. Die Politiker hätten ganz Dresden verscherbelt, auch den Tourismus. Hat die Tourismuskrise nicht noch andere Gründe? Nein, die meisten Leute bei den Montagsaufmärschen der Pegida seien „keine Rechten“. Sie wollten nur, dass Deutschland nicht mehr Flüchtlinge reinlasse, als man auf „menschliche Weise unterbringen“ könne.

Montag, 18.30 Uhr, Dresdner Altmarkt. Pegida-Kundgebung. Die Hymne wird abgespielt. Ein paar Tausend Leute skandieren „Merkel muss weg“. Lutz Bachmann, ein Rechtsextremist mit reichlich Knasterfahrung, der demnächst wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung erneut vor Gericht stehen wird, eröffnet die Propaganda-Show. Er macht seinen Job, als habe er bei einer Sorte fieser Spaßkünstler gelernt, gute Laune mit ironischen Untertönen zu verbreiten. Bläst sich damit auf, wie er vor Lachen fast vom Sofa gefallen sei, als er am Wahlabend die etablierten Politiker gesehen habe. Und selbstverständlich umjubelte Glückwünsche an die AfD für ihr „grandioses Abschneiden“. Hohn für die „Pädophilen-Partei“, speziell für Kretschmann, dem es mit „ungrüner Politik“ noch mal gelungen sei, einen Teil der Wähler „zu benebeln“.

Dann die Pegida-Führerin Tatjana ­Festerling. Eine unangenehme, schrille Stimme. Ihre Rede ist schlau und gerissen aufgebaut. Zuerst die Beweihräucherung des Publikums: Was ihr alle für gute und fleißige, für tapfere und deutsche Menschen seid, mit „Jahrhunderten von Lebenserfahrung“. Nach diesem Emotionskitsch wechselt der Sound. Mit völkischer Großkotzigkeit attackiert sie die „Regierungsbande“, die „Kaste der Verkommenen“, die ein „Volk von 80 Millionen vergewaltigt“. Die „Moslem-Merkel“ muss weg, dieses „unempathische Durchschnittsweib“, das den Geflüchteten neuerdings „exakte Anweisungen gibt“, wie hierzulande „der Sex mit Zweibeinern funktioniert“ (also anders als wie gewohnt mit Vierbeinern). Flüchtlinge generell sind „unterdurchschnittlich intelligente, muslimisch verrohte“ Eindringlinge.

All diese Sätze werden mit grammatikalischer Sorgfalt und der Geste zynischer Überheblichkeit vorgetragen. Eigentlich widerstrebt es mir, dieses Zeugs aus der Giftküche der Herrenmenschen wieder­zugeben. Doch hinter dieser Rhetorik, und das muss man sehen, steckt die gleiche Professionalität, mit der die Rechtspopulisten das Internet beherrschen.

Wer es immer noch nicht begriffen hat: Pegida und AfD bilden eine Front. Die aufrechten Demokraten haben viel zu tun. Das heißt nicht, dass wir die Humorzone schließen müssen. Wir müssen wachsam sein. Rolf Miller sagt, es sei beängstigend, wie die rassistischen Hetzer mitunter auch das Handwerkszeug der Komiker benutzen. Sie sind mit allen Wassern gewaschen.



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