Bauers Depeschen


Dienstag, 08. März 2016, 1600. Depesche


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LIED DES TAGES

 

FLANEURSALON LIVE

Es gibt noch Karten für den bevorstehenden FLANEURSALON: Wir treffen uns am Dienstag, 22. März, in der Friedenau in Ostheim. Mit den Musikern Stefan Hiss, Marie Louise & Zura Dzagnidze. Durch den Abend führt Michael Gaedt. Im schönen Wirtshaussaal der Friedenau werden ab 18 Uhr Essen & Getränke serviert. Ab 20 Uhr gibt es Lieder, Geschichten und andere Merkwürdigkeiten. Reservierungen: 0711/2626924.



TV-TIPP

Arte zeigt heute, Dienstag, um 22.55 Uhr erstmals die Doku "Kriegsfotografinnen" (2016). Darum geht es u. a. um die in Stuttgart geborene und aufgewachsene Reporterin Gerda Taro, die mit 26 Jahren im Spanischen Bürgerkrieg ihr Leben ließ.



KNOCHENHART, IM BIENENKORB

Wenn die Kneipe noch nicht voll ist, öffnet sie einem ihre Seele. An der Decke Kronleuchter, die Lichter der Stadt, der du entkommen oder die du erforschen willst. Rechter Hand Bilder an der Wand: der Mann mit der Kochmütze, er macht Pause, zieht an seiner Zigarette. Von Weitem erinnert die Szene an die verlorenen Figuren des amerikanischen Malers Edward Hopper. In Wahrheit hat es ein russisches Student der Stuttgarter Kunstakademie gemacht. Daneben ein Firmenschild mit der Aufschrift „Bierniederlage der Stuttgarter Hofbräu“. „Bierniederlage“ ist wohl das schönste Wort, das die Brauereibranche je hervorgebracht hat.

Jedes gute Gasthaus ist ein Museum für Millionen Erinnerungen, für Gedankenleuchten und Verdunklungskatastrophen. Dies gilt speziell für einen Laden, der es in der Geschichte der Weltgastronomie erst auf schlappe zwanzig Jahre gebracht hat. Er heißt Schlesinger – Int. Als Schlesinger bezeichnet man einen Teigschaber, den man früher aus dem Schlesingerknochen, dem Schulterblattfortsatz des Kalbes, hergestellt hat. Der Namensschwanz „Int.“ steht für „international“. Diesen Laden findet man neben dem City Bowling, in der Nähe vom Haus der Wirtschaft und der Liederhalle. Die Adresse lautet Schlossstraße: Wer da keinen Lüster aufhängt, denkt nicht mit.

An diesem Dienstag feiert die Kneipe Schlesinger ihren 20. Geburtstag. Angeblich ist dieses Datum kein Zufall: Am 8. März begeht die aufgeklärte Welt auch den Internationale Frauentag. Die Sozialistin Clara Zetkin, einst in Sillenbuch zu Hause, hat ihn 1911 ins Leben gerufen. Man wird diese Errungenschaft im Kampf um Gleichberechtigung im Schlesinger heute mit ­gebührender Würde begehen. Die offizielle, etwas wildere Party zum Wiegenfest steigt am kommenden Samstag.

Tatsächlich haben am 8. März 1996 drei gestandene Männer mit femininem Unterbewusstsein die Kneipenszene der Stadt belebt: Martin „Nolde“ Arnold, Heribert „Heri“ Meiers, Jörg „Tschelle“ Schelling. Früher hatten in den Räumen Kneipen mit Namen wie Bruddler, Tante Rosa und Uprising Niederlagen erlitten. 1996 war Punk schon mehr als zwanzig Jahre alt, aber in den Köpfen des in den Sechzigern geborenen Gründertrios noch voll präsent. Zuvor hatten sie in der Mörikestraße im legendären Casino gearbeitet: Heri als einer der Chefs, Nolde und Tschelle als Zapf- und Service-Sklaven. Dieses Etablissement gab es von 1986 bis 1994 und war im Teigschaber-Klima des Kessels eine Anarcho-Sensation. Heute gilt für das Casino der Satz: Wer sich daran noch erinnern kann, war nicht dabei. Einige der Veteranen sind nicht mehr unter uns, wie Werner „Wenne“ Voran, der größte B-Seiten-DJ aller Zeiten, der einst im Casino und danach eine ­Zeitlang sonntags im Schlesinger, am „Tag des Herrn“, Musik auflegte. Im April 2014 starb er kurz vor seinem 60. Geburtstag.

Die Casino-Herrschaften waren schon früh professionelle Punks: Nolde ging als Roadie auf Tour, Tschelle trommelte in guten Bands, und auch den dritten Mann fand man bei Bedarf an den wichtigen Plätzen des heimischen Untergrunds. Punk bedeutet gemeinhin, gegen die Lebenslügen des Establishments anzustinken – bevor einem irgendwann die Alten mit einem Kleinkredit bei der Kneipengründung Familienhilfe leisten.

Das Thema Kneipe verführt naturgemäß zum Abtauchen in die Vergangenheit. Es fiele leicht, zehntausend Märchen aus ­siebentausend und noch einer erregenden Nacht zu erzählen. Ach ja, die Sache mit der „Rumänen-Lounge“. Muss sein. Von Anfang an war „das“ Schlesinger geprägt von der britischen Paarung Rock ’n’ Roll & Fußball: Während Tschelle bis heute bei den Kickers den heiligen Rauch seiner Selbstgedrehten in den A-Block bläst, brüllt der Rest für den VfB. Und bei jedem großen Turnier überträgt das Schlesinger die Spiele. Da hing schon ein Video-Beamer an der Decke, als die Dinger noch größer waren als ein Auto. Nachdem das deutsche Team vor der EM 2004 ein Spiel in Rumänien mit 1:5 vergeigt hatte, wurde im Schlesinger die „Rumänien-Lounge“ eröffnet: ein Käfig mit eingebautem Bildschirm, hochprozentig sortiertem Kühlschrank und exklusivem Dixi-Klo. Wer rein durfte, war autonom.

Fantasie herrscht bis heute im Schlesinger. Es gibt neben Dutzenden von Biersorten und reeller Küche weiterhin kleine Shows und Überraschungen. Aus den Kneipen-Freaks sind stilvolle Wirte geworden, wie anderswo aus Punkmusikern elegante Entertainer. Herr Nolde empfängt an Veranstaltungsabenden schon mal im Dreiteiler die Gäste. Im Schlesinger begegnen sich Professor und Student, Business-Anzug und Schrauber-Latzhose. Das einst durch und durch handgemachte Lokal hat sich im Lauf der Jahre – mit starkem Frauengeist in der Belegschaft – in eine Mischung aus Theke und Restaurant verwandelt, in ein großstädtisches Gasthaus ohne Generationengrenzen. So etwas gibt es in Stuttgart selten. Man erlebt in diesem urbanen Bienenkorb gewissermaßen die zeitgenössische Form der alten „Szenekneipe“: den „Kommunikationsbetrieb mit getränkebegleitendem Speiseangebot“, wie das mal ein Fachverband-Beamter definierte.

Einmal Punk, immer Rebell. Seit Jahren dient das Schlesinger auch als Reha­Zentrum für S-21-Gegner nach der Demo; berühmt der Wasserwerfer-Oldtimer, den sich im Kneipenumfeld die „Bewegung 30. 9.“ zur Erinnerung an den „Schwarzen Donnerstag“ für Spezialeinsätze anschaffte. Auch der grüne Ministerpräsident und sein oberster Parteikollege aus dem Rathaus liefen schon samt Entourage im Schlesinger ein – kalbsknochenhart zum Fußball­gucken für Propagandafotos. Was soll’s. An einer Säule vor dem Tresen kleben die Porträts der CDU-Leuchten Mappus und Schuster und des Fußballers Buchwald (VfB) – die besten Gesichter eben, die diese Stadt zu bieten hat. Jetzt allerdings steht in der ruhm­reichen Geschichte des Hauses ein Bruch bevor: An diesem Sonntag findet die Wahl­party der Grünen nicht wie gewohnt im Schlesinger statt. Am Tag nach dem großen Tanz zum 20. Kneipengeburtstag macht das Personal Pause. Der grüne Provinzpunk geht woanders ab.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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