Bauers Depeschen


Samstag, 20. Februar 2016, 1590. Depesche


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FREITAGSSPIEL: Stuttgarter Kickers - Holstein Kiel 0:0



NÄCHSTER FLANEURSALON am Dienstag, 22. März, in der Friedenau, Ostheim. Mit den Musikern Stefan Hiss, Marie Louise & Zura Dzagnidze. Durch den Abend führt Michael Gaedt. Beginn 20 Uhr. Im schönen Wirtshaussaal der Friedenau werden ab 18 Uhr Essen & Getränke serviert. Reservierungen: 0711 / 2 62 69 24.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:

UNTER DEM GEFRIERPUNKT

Bei vielen Menschen, glaube ich, ist in den vergangenen Jahren das Bedürfnis gewachsen, ihre Stadt zu erforschen und ihr näher auf den Pelz zu rücken. Das gilt nicht nur für die Geschichte und die alten Geschichten der unmittelbaren Umgebung, sondern auch für die Entwicklungen im Hier und Jetzt.

Seriös belegen kann ich diese Beobachtung nicht. Gelernte Historiker und ­passionierte Heimatforscher, mit denen ich hie und da plaudere, bestärken mich in ­meiner Vermutung. Aber sie wären ja dumm, würden sie ihr eigenes Metier infrage stellen. Die Globalisierung und die Digitalisierung sind wohl Gründe für die neue Lust auf Heimat – oder sagen wir besser: für die wachsende Neugier auf Stadtgeschichten, auf das eigene Viertel, für die Sehnsucht nach einem Kiez.

Bei uns hat vielen sicher auch das Monsterprojekt Stuttgart 21 den Blick geöffnet auf den Umgang mit der Stadt und ihre Zerstörung. Hinzu kommen die Gentrifizierung – die Umwandlung von bezahl­barem Wohnraum in Luxusimmobilien – und der Mietwahnsinn generell. Die vor einem halben Jahrhundert noch revolutionären Forderungen „Recht auf Stadt“ oder „Uns gehört die Stadt“ gehören heute zum bürgerlichen Vokabular. Allerdings klingt es wie Hohn, wenn die CDU auf Wahlkampfplakaten „mehr Wohnungen“ fordert: Exakt diese Partei hat den sozialen Wohnungsbau in Stadt und Land jahrzehntelag ignoriert - und im Grunde abgeschafft.

Eine Stadt, das merken die Neugierigen rasch, hat unendlich viele Geschichten zu erzählen: spannende, lustige, üble. Immer wieder erlebt man Überraschungen, und mir gefällt am besten, wenn dabei der Zufall oder ein Wink mit dem Zaunpfahl helfen (auf dem Zaunpfahl für den heutigen Text zum Beispiel stand „Bismarck“).

Meine Spaziergänge verschaffen mir etwas Bodenhaftung, zumal ich oft im Internet ähnlich süchtig herumfummle wie früher in einer Zigarettenschachtel. Das Herumgehen und die Suche nach kleinen Geschichten sind Kopfkuren gegen die Entwirklichung meiner kleinen Welt.

Bevor ich diese Zeilen getippt habe, war ich am Morgen ein zweites Mal in der Ausstellung „Gründerzeit“ im Bürgerhaus West, Ecke Schwab- /Bebelstraße. Mit Gründerzeit ist, grob gesagt, die kulturelle Epoche der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gemeint. Christine und Eckhard Ernst, beide im Architekturbereich erfahrene Mitglieder der Initiative Stadtraum West, haben zusammen mit dem Stadtarchiv eine schöne Schau mit historischen Fotos des Quartiers zusammengestellt. Beim Blick auf diese Dokumente staunt man wieder mal über dieses Stuttgart, das früher in vielen Bereichen mehr Stadt verkörpert hat als heute.

Die Bürgerinitiative Stadtraum West engagiert sich bei der Neugestaltung am Bismarckplatz. Zu Bismarck ins Bürgerhaus gelockt aber haben mich am Freitag ein paar TV-Sekunden aus dem Landtag: Da sah ich, wie ein Herr Rülke von der FDP die grün-rote Landesregierung zum Teufel wünschte, weil ihm deren „Jagdgesetz“ nicht passte. Ehrlich gesagt habe ich mich nie mit Jagdgesetzen befasst, da ich seit jeher mit den Wilderern sympathisiere. Mich wunderte nur, warum man kurz vor der Wahl ausgerechnet auf das Jagdgesetz schießt, zumal doch mehr Wildschweine herumlaufen denn je. Dann aber begriff ich den Zusammenhang zwischen Politiker­geheul und Waidmanns Heil: „Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd“, hat Bismarck mal gesagt.

Zu Ehren und noch zu Lebzeiten dieses versoffenen und verfressenen Staatsmanns taufte man anno 1884 Stuttgarts obere Schlossstraße in Bismarckstraße um – ­worüber sich, wie in der Ausstellung zu lesen ist, am 18. Juli 1885 ein Bürger in der Zeitung „Beobachter“ beschwerte: „Allerlei Fragen sind hiebei in meinem von Rathausweisheit leider nicht erleuchteten Gehirn aufgetaucht.“ Er wehre sich dagegen, schreibt er, „einer Stadt einen Straßennamen aufzuoktroyieren, für welchen nur bei einem kleinen Bruchteil der Einwohnerschaft die Sympathie den Siedepunkt überschritten hat“, während sie bei einem weit größeren „tief unter dem Gefrierpunkt liegt“. Was, so fragt der namentlich nicht genannte, von gutem Humor beseelte Bürger, „würden wohl unsere Mucker dazu sagen, wenn eine hiesige Straße Strauß­straße, Dulkstraße oder gar Lassalle ­genannt werden sollte?“

Mit den „Muckern“ waren vermutlich die Pietisten gemeint, mit Strauß der rebellische schwäbische Philosoph und Theologe David Friedrich Strauß, mit Dulk der lange in Stuttgart lebende Revolutionär und Autor Albert Dulk und mit Lassalle der SPD-Urvater Ferdinand Lassalle.

Unser Bismarck-Verächter klärte im „Beobachter“ weiter auf: „Längst geht in den Kreisen der Haute volée und finance der Klingelbeutel herum für ein in hiesiger Stadt aufzustellendes Bismarck-Denkmal.“ Wenn „die Bismarckanbeter“ das Bildnis „ihres Angebeteten in einem eigenen ­Tempel (etwa im oberen Museum oder in der Liederhalle) aufstellen wollen“, schreibt unser Rebell, „so ist dagegen nicht das Geringste einzuwenden. Aber gegen das Aufstellen desselben an einem öffentlichen Platz protestiere ich energisch, und ich bin überzeugt, dass Tausende unter den hiesigen Einwohnern ganz ebenso gesinnt sind.“

So viel widerständlerische Gesinnung war möglich vor 130 Jahren in der Stadt. Die „Gründerzeit“-Ausstellung im Bürgerhaus West wurde bis Ende Februar verlängert. Vielleicht bringt sie noch ein paar kritische Geister dazu, sich im Sinne unseres „Beobachter“-Poeten gegen Stuttgarts heutige Immobilienpolitik zugunsten der „Haute volée und finance“ aufzulehnen.



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