Bauers Depeschen


Samstag, 06. Februar 2016, 1584. Depesche


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ENDE DER DEPRESSION:

Stuttgarter Kickers - Hansa Rostock 2:0



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LIED DES TAGES



LIEBE GÄSTE,

noch ist Kolumnenpause. Ein paar Dinge aber gibt es auch im Urlaub zu tun. Im April wollen ein paar Freunde und ich wieder mal zu einem kleinen Fest im Leonhardsviertel einladen. Diesmal im BASIS, der Beratungsstelle des DGB an der Hauptstätter Straße 41, wo bis vor wenigen Jahren das legendäre Café Schmälzle war. In der Nachbarschaft sind u. a. der Jazzklub Kiste und die schöne Kneipe Immer Beer Herzen. Es soll bei unserem Tag internationales Essen geben, der Gitarrist Steve Bimamisa wird voraussichtlich mit seinen Jungs spielen, der Fotograf Jim Zimmermann eine kleine Ausstellung mit Bildern aus dem Viertel zeigen. Auch unsereins wird ein wenig über die Umgebung erzählen. Ein buntes Treffen mit dem Titel "Basis-Fest in der Altstadt", um wieder mal die Chancen und Übel des Viertels, aber auch die sozialen Inhalte der neuen DGB-Räumlichkeiten zu thematisieren. Und man muss nicht extra sagen, wem die Stunde schlägt. Es gibt eine Menge zu tun in einer Zeit, da die Rechten marschieren.

Unsere Provinz-Hipster nennen die Gegend zwischen Pfarrstraße und Wilhelmsplatz, Hauptstätter Straße und Katharinenstraße neuerdings auch "Shabby-Viertel". Man muss in seiner Einfalt ja immer irgendwas nachäffen, das man in Berlin oder sonstwo aufgeschnappt hat. Shabby bezeichnet gemeinhin den Schick des Schäbigen, bei uns erinnert das Wort eher an den Schappi-Geist wiederkäuender Kläffer.

Sehr freuen würde ich mich auch, alle Mann und jede Frau hätten Lust auf unseren nächsten Flaneursalon: Dienstag, 22. März, in der Friedenau in Stuttgart-Ostheim, Rotenbergstraße 127. Die Lieder- und Geschichtenshow in einem schönen, geschichtsträchtigen Wirtshaussaal, einst ein Treffpunkt der Arbeiterbewegung. Musik machen Stefan Hiss und Marie Louise & Zura Dzagnidze. Durch den Abend führt Michael Gaedt. Der Vorverkauf hat bereits begonnen. Reservierungen: 07 11 / 26 26 924.



Hier noch eine kleine Geschichte von 2009:



MICKEY ROURKE BOXT

Die Uhr lief rückwärts. Der Sekundenzeiger zuckte rhythmisch korrekt, aber er lief rückwärts. Die beiden anderen Zeiger folgten ihm widerstandslos, das ging zwei Wochen so, und mit der Zeit gewöhnten wir uns daran. Jeder Mann, der in die Sauna kam und sah, dass die Sauna-Uhr rückwärts lief, sagte das Gleiche: Gut, dass die Uhr verkehrt herum läuft. So werden wir jünger.

Im Mineralbad Berg wundert sich keiner, wenn sich die Zeiger der Uhr rückwärts drehen. Es gab Jahre, da haben sie sich überhaupt nicht gedreht, und das war auch nicht erwünscht im Bad Berg.

Am Tag, als ich die Uhr beobachtete, wie sie rückwärts lief, ging ich ins Kino. Mickey Rourke spielt in “The Wrestler“ den abgewrackten Catcher Randy "The Ram" Robinson. Randy war vor zwanzig Jahren groß, er war ein Star der Achtziger.

Randy, sagte ich, du bist alt und hässlich, aber du musst weiter kämpfen. Im Ring läuft die Uhr nicht rückwärts. Das tut sie nur im Mineralbad Berg.

Ich hätte das nicht sagen müssen. Randy wusste Bescheid. In den Achtzigern hatte er Triumphe im Ring gefeiert. Damals war für ihn auch die Musik in Ordnung. Guns n' Roses, Crow, Scorpions. Der ganze Glam- und Heavy-Lärm. Verdammt, so 'ne Musik gibt es heute nicht mehr, die Achtziger, das waren die besten, sagt Randy: Bis diese Cobain-Schwuchtel kam und alles kaputt gemacht hat.

Genau so sagt das Mickey Rourke, und wenn man seine Stimme im Original zu hören bekommt, begreift man, warum sich der Nirvana-Sänger Kurt Cobain 1994 mit einem Gewehr erschossen hat.

Die neunziger Jahre waren nicht Mickey Rourkes Jahre. Im November 1993 setzte ich mich in Stuttgart in den Zug nach Hamburg. In der Alsterdorfer Sporthalle boxte Mickey Rourke gegen Thomas McCoy. Das war Werberummel für den WM-Kampf des Deutschen Markus Bott gegen den Argentinier Nestor Hipolito Giovanni. Mickey Rourke brauchte dringend Geld. Die achtziger Jahre, seine Hollywood-Erfolge „9 1/2 Wochen“, „Angel Heart“, „Barfly“ waren Geschichte.

Mickey Rourke sagte in Hamburg, er müsse boxen, um sich wie ein Mann zu fühlen, und ich glaubte ihm. Als er in den Ring stieg, lief „Eye Of The Tiger“, ein Song von Survivor von 1984.

Die Halle war ausgeleuchtet wie eine Dorf-Disco, Mickey Rourke trug beim Einmarsch eine Skimütze, die Jungs von der Reeperbahn auf den guten Plätzen bevorzugten Piratentücher aus Leder. Diese Männer waren alle zweite Garnitur. Aber wäre Mickey Rourke in seinem Zustand auch nur gegen einen von ihnen angetreten, er hätte lange aus der Schnabeltasse trinken müssen.

In der dritten Runde schlug Mickey Rourke ein Loch in die Luft, und sein Gegner ging zu Boden, als hätte ihn ein Hamburger Frachter gerammt. Mickey Rourkes Lohn für diesen Knock-out-Betrug waren einhunderttausend Dollar, siebentausend Pfiffe und ein Bier über den Kopf. Die Stimmung erinnerte an die siebziger Jahre, als Catcher auf dem Cannstatter Wasen kämpften.

Ich erinnere mich an eine traurige Hamburger Nacht in den Neunzigern. Mickey Rourke war am Ende und die Meute von St. Pauli in Laune: Bei uns, sagten die Jungs, gehen die Huren anders. Da zählt deine Vergangenheit einen Dreck.

Auf der Rückfahrt fühlte ich mich schlecht. Es war eine Verliererreise. Im Zug saß meine Freundin neben mir. Sie sagte, sie werde nie verstehen, wie ich ihr diesen Ausflug habe antun können. Wenig später hat sie mich verlassen.

Wenn ich mich heute frage, warum ich 1993 den Kampf besucht habe, fällt mir nichts ein. Jedenfalls war ich nicht dort, weil ich geahnt hatte, dass Mickey Rourke eines Tages als Randy „The Ram“ Robinson zurückkommen und alles wieder gut machen könnte. Womöglich hatte ich geglaubt, die Uhr könne rückwärts laufen, wenn man am richtigen Tag im richtigen Zug sitze. Heute bin ich klüger. Die neunziger Jahre haben nichts getaugt und die achtziger waren noch beschissener. Aber heute ist es auch nicht besser.



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