Bauers Depeschen


Donnerstag, 31. Dezember 2015, 1572. Depesche


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EIN GUTES NEUES JAHR -

GEGEN DEN UNGEIST, DIE DUMMHEIT, DEN HASS DER GESTRIGEN!



Der ersten FLANEURSALON im neuen Jahr geht am Mittwoch, 20. Januar, im Stadtarchiv Stuttgart in Cannstatt über die Bühne. Diese Institution zog vor fünf Jahren in ihr heutiges Gebäude im Bellingweg 21 im Neckarpark ein - und feiert jetzt mit uns ihr kleines Jubiläum. Flaneursalon-Gäste sind Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Eva Letica Padilla und Roland Baisch & Frank Wekenmann. Vorverkauf: KARTEN FÜR CANNSTATT. Telefon: 01805/700 733.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne über Spuren in Muckensturm zu einem Superreichen in den USA:



BARFUSS AM FELDWEG

Die Nachricht von Lemmy Kilmisters Tod vier Tage nach seinem 70. Geburtstag hatte sich längst verbreitet, als ich nach Muckensturm aufbrach. Schon lange pflege ich eine intime Beziehung zu dem Mann von Motörhead: Immer wenn ich aus Reha-Gründen auf meinem Hometrainer, einem dieser peinlichen Wohnzimmer-Räder, in die Pedale trete, lege ich Songs von Lemmy auf. Meistens den Sampler mit „Ace Of Spades“ als dritte Nummer. Wenn sie startet, sitze ich erst 7:46 Minuten auf dem Idioten-Rad, und immer wenn Lemmy nach der zweiten Strophe die Zeile „You know, I’m born to lose“ herausschreit, sage ich zu ihm: Hör zu, Lemmy, ich bin ein Verlierer. Aber ich werde weiter strampeln, ich werde alle neun Nummern deiner verdammten Scheibe abarbeiten und mit besseren Karten eines Tages bis nach Muckensturm kommen. Ja, das ist der Weg, dem Tod eine Weile davonzufahren.

Die meisten Leute aus Stuttgart, da bin ich mir sicher, sind noch nie mit der Linie 2 der Straßenbahn über die Cannstatter Haltestelle Kursaal hinausgekommen. Es sei denn, sie waren bei ihrer eigenen Beerdigung auf dem Hauptfriedhof in Steinhaldenfeld bei Muckensturm.

Meine Reiseziele sind sehr oft vom Zufall abhängig. Kurz vor Silvester war mir irgendwie nach Muckensturm. Klingt nach persönlichem Aufbruch und kulturellem Tsunami. Hie und da schon hatte ich zwar von der kleinen Wohnsiedlung gehört, sie aber wieder vergessen. Wie hätte ich ahnen können, eines Tages ausgerechnet über Muckensturm nach Amerika zu reisen.

Die wichtigste Verkehrsader des Mini-Stadtteils ist die Einsteinstraße, 1968 nach dem großen Physiker benannt, dessen ­Mutter Pauline Koch bekanntlich 1858 in der Cannstatter Badstraße 20 geboren wurde. Weit über Stuttgarts Grenzen hinaus berühmt wurde die Einsteinstraße Anfang des Jahrtausends wegen einer kleinen Finanzaffäre unseres örtlichen Fußballvereins. 2002 berichtete die „FAZ“ über die Prasserei: „Die Feste im Stuttgarter Stadtteil Muckensturm waren legendär. Die Einsteinstraße war völlig überfüllt, und manchmal rückte die Polizei an, weil keiner mehr durchkam.“ Diese Feste hatten im Haus des VfB-­Präsidenten Mayer-Vorfelder stattgefunden. Heute, an Silvester, singt MV vielleicht mit Lemmy im Duett „My Way“; schon zu Lebzeiten hat er seinen Lieblinssong häufig mit einigem Bariton-Talent auf Partys vorgetragen. MVs ehemaliges Hauptquartier Muckensturm liegt an der Straßenbahnhaltestelle Hauptfriedhof. Auf Stuttgarts zweitgrößtem Totenacker nach dem Waldfriedhof sind seit den dreißiger Jahren des 20. Jahr­hunderts viele jüdische und seit den achtziger Jahren auch muslimische Bürger begraben.

Eine Seitenstraße der Einsteinstraße hat man 1968 Ferdinand Hanauer gewidmet, einem Fabrikanten aus Cannstatt (1868 bis 1955). Erst neulich hatte ich mir den Namen Hanauer notiert, als ich in der ARD eine Doku über das geplante Freihandels abkommen TTIP zwischen den USA und Europa sah; darin ging es auch um die fatalen Folgen des 20 Jahre alten Freihandelsabkommens NAFTA zwischen Nordamerika und Mexiko auf die schwächeren Gesellschaftsschichten. In diesem Film kam ein Unternehmer zu Wort, ein amerikanischer Milliardär namens Nick Hanauer. Er zählt zu den Superreichen der USA. Von Freihandelsabkommen, sagt er, profitierten vor allem die Großkonzerne.

Nick Hanauer ist eine schillernde Figur. In seiner Heimatstadt Seattle unterstützte er erfolgreich eine Kampagne für einen Mindestlohn von 15 Dollar (Präsident Obamas Plan, den nationalen Mindestlohn von 7,25 auf 10,10 Dollar zu erhöhen, ist gescheitert). Man nennt den Unternehmer, der sein Geld unter anderem in Amazon investierte, auch den „verrückten Nick“. Vor allem seit er in einem offenen Brief seine „steinreichen Kollegen und Kolleginnen“ warnte: „Unser Land entwickelt sich von einer kapitalistischen Wirtschaft zu einer feudalen Gesellschaft. Wenn sich unsere Politik nicht dramatisch ändert, wird die Mittelschicht verschwinden … Wachen Sie auf! ... Wenn wir nicht bald etwas tun, um die eklatanten Ungerechtigkeiten in dieser Wirtschaft zu beheben, werden die Mistgabeln zu uns kommen. Keine Gesellschaft kann diese Art von wachsender Ungerechtigkeit auf Dauer aufrechterhalten.“

Die „Mistgabeln“ sind Nick Hanauers Symbol für die drohende Revolution; wenn die Schere zwischen Reich und Arm noch weiter auseinanderklaffe, schreibt er, sei trotz aller polizeistaatlicher Kontrolle ein Aufstand unausweichlich.

Seinen Namen hatte ich mir auch deshalb gemerkt, weil er in der TV-Doku als „deutschstämmig“ vorgestellt wurde (man kann ja nie wissen). Kaum zurück aus Muckensturm, wo ich die schönen Wein­berge und ein riesiges China-Restaurant mit Kegelbahn bewundert hatte, las ich in Hanauers offenem Brief dieses Passage: „Meine Familie, die Hanauers, begann in Deutschland und verkaufte Federn und Kissen. Sie wanderte, von Hitler verfolgt, aus Deutschland aus und endete in Seattle und besaß dort ein anderes Kopfkissen-Unternehmen. Drei Generationen später profitierte ich von diesem. Dann hatte ich so viel Glück wie eine Person im Internet­zeitalter überhaupt nur bekommen kann ...“

Nick Hanauer, geboren 1959, machte sein Geld in den USA vor allem als IT-Unternehmer. Begonnen aber hatte alles mit Federn und Kissen in Cannstatt: Der Bettenfabrikant Ferdinand Hanauer war einer von Nicks Vorfahren, er könnte sein Großvater gewesen sein.

Diese kleine Geschichte verdanke ich Muckensturm, wo man neben der Straße auch eine Kindertagesstätte nach Ferdinand Hanauer benannt hat. Sein Nachfahre Nick schreibt über die USA: „Ich schaue auf den durchschnittlichen Joe auf der Straße, und ich sage: Selbst die Besten von uns werden in den schlimmsten Zeiten barfuß am ­Feldweg stehen und Obst verkaufen.“

Das wünsche ich keinem fürs neue Jahr. Womöglich aber, das hat mich meine Reise nach Muckensturm gelehrt, müssen wir etwas tun für mehr Gerechtigkeit. Und öfter zu Lemmys Songs barfuß in die Pedale treten.

WORTLAUT VON NICK HANAUERS OFFENEM BRIEF AN DIE SUPERREICHEN



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