Bauers Depeschen


Donnerstag, 24. Dezember 2015, 1569. Depesche


Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20151224

 



LIEBE GÄSTE,

heute bedanke ich mich ganz herzlich für Ihre Neugier, für Ihre Treue beim Lesen, für Ihre Flaneursalon-Besuche und andere Aufmerksamkeiten.

Ich weiß, es ist womöglich nicht die feinste Art, aber ich weise trotzdem voller Gier auf meine Konsumartikel hin (alles muss raus!) - und manchmal ist man ja ganz dankbar für einen letzten Geschenk-Tipp:

Für DIE NACHT DER LIEDER 2016 gibt es bereits Karten an der Theaterhaus-Kasse, online THEATERHAUS und per Telefon: 0711/4020720. Und ich lüge nicht: Die besten Plätze gehen schon zur Neige. Jede Karte dient übrigens einem guten Zweck, nämlich der Aktion Weihnachten der StN und ihren Spenden für Menschen in Not aus der Region.

Dann gibt es Karten für den ersten FLANEURSALON im neuen Jahr, nämlich am Mittwoch, 20. Januar, im Stadtarchiv Stuttgart in Cannstatt. Diese Institution zog vor fünf Jahren in ihr heutiges Gebäude im Bellingweg 21 im Neckarpark ein - und feiert jetzt ihr kleines Jubiläum. Flaneursalon-Gäste sind Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Eva Letica Padilla und Roland Baisch & Frank Wekenmann. Vorverkauf: KARTEN FÜR CANNSTATT. Telefon: 01805/700 733.

Ja, und dann liegt sicher noch irgendwo eines meiner Stiefel-Bücher im Laden herum. Damit enden die Nachrichten vom Weihnachtsbasar - ich wünsche Ihnen

EIN FEST DER GELASSENHEIT!



Der Klick zum

LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



SPIELPLATZ DER WELT

In der Manege steht eine Laterne, ihr Pfahl ist etwas hoch geraten, führt hinauf bis unter die Zirkuskuppel. Der Clown klettert diese Stange hoch, und natürlich neigt sie sich irgendwann nach links und rechts, als sei sie aus Gummi und hart am Wind. Keine Ahnung, wie viele Meter der Mann über der Erde zappelt, jedenfalls hoch genug, um sich etwas mehr als den Hals zu brechen, wenn er einen Fehler macht.

Dieser amerikanische Clown Bello Nock, 47 Jahre alt, trägt sein Haar, als wollte er die Staubsaugerfrisur des berühmten Box-Promoters Don King zu Ende führen. In einer früheren Vorstellung hat dieser Meister der Vielseitigkeit auch mal kurz die elektrische Gitarre im Zirkusorchester gespielt. Da wirkte er mit seinem Haarturm, als hätte er wie andere große US-Unterhalter sein Handwerk in der New Yorker Blütezeit des Punk erlernt.

Bevor er allerdings den Laternenmast hochturnt, stiefelt er in der Manege dem Scheinwerferlicht hinterher, macht sich so über ein Stilmittel des Showgeschäfts lustig: Der Verfolger verfolgt nicht wie üblich den Star, diesmal verfolgt der Star den Verfolger.

Bello Nocks Suche nach dem Licht ist ein betörender Einstieg in die 23. Show des Weltweihnachtscircus auf dem Wasen. Und selbst wenn uns seine furiose Nummer unter der Zirkuskuppel etwas Angst einjagt, so erinnert dieser Clown doch auch an Charlie Chaplin, an den Tramp, der sich an den Laternenpfahl schmiegt wie ein armer Hund in einer viel zu großen, viel zu dunklen Welt. Es könnte Heiligabend sein.

Bello Nock, dem die Haare zu Berge stehen, lehrt uns alles über den alten und den neuen Zirkus: Wagen die Artisten auch Jahr für Jahr spektakulärere und ­gefährlichere Dinge, so bleiben die Wurzeln ihrer Kunst doch immer sichtbar; nicht nur, wenn aus Mr. Nocks klassischem Clownskoffer herzförmige Luftballons aufsteigen. Dieser Artist hat den Pausenclown zu einer tragenden Manegenfigur weiterentwickelt, zu einem Entertainer, der mit scheinbarer Beiläufigkeit – nämlich erstklassigem Timing – Brücken zwischen den Nummern seiner Kollegen baut.

Das Aufregendste am Weltweihnachtscircus, dieser Jahr für Jahr neu konzipierten Show, ist nicht allein der Ehrgeiz des Managements, preisgekrönte Weltklasse-Nummern am laufenden Band vorzuführen. Voller Respekt gelingt immer auch die Verbeugung vor den kleinen Dingen, die Hommage an die Historie. Dazu gehört die Messerwurf- und Feuer-Show des deutschen Artisten Patrick Brumbach. Wenn die Flammen aus den Mülltonnen schlagen, erzählen sie uns, wo alles anfing. Auf dem Rummelplatz. Und sollte es mal lichterloh brennen im Zelt, gäbe es reichlich Wasser zum Löschen – würde die Gefahr wider Erwarten nicht der Feuerschlucker allein bannen. Nach wie vor fließt am Wasen der Neckar vorbei, und ein Blick auf den Fluss schadet nie: Bekanntlich beginnt jede gute Show schon vor der Eingangstür.

Was sich dahinter Neues tut, das zeigen uns beispielsweise Popov und Sherbak: So cool und lässig haben noch nie zwei Männer ihre Körperkunst, die Hand-auf-Hand-Akrobatik, vorgeführt. Sie lassen uns all die Kraftmeierei vergessen, die das konventionelle Varieté mit seinem Hang zum öligen Muskelkitsch und breiten Zahnpasta-Grinsen hervorgebracht hat. Begleitet von dem Song „Singin’ In The Rain“, kommen sie mit Latzhose und Schiebermütze daher wie zwei verspielte, gleichwohl smarte Jungs aus einem amerikanischen Straßengang-Film. In Wahrheit sind sie aus Kiew.

Überhaupt ist es erhebend, wenigstens im Zirkus zu erleben, wie sich die ganze Welt auf einem kleinen Spielplatz versammelt, wie Menschen aus aller Herren Länder ihre Kunststücke zum großen Ganzen zusammenfügen. Geheimnisvolle Menschen, von denen wir zum Glück nicht viel erfahren, während jeder Schlagermusikant bei uns die Schlagzeilen füllt, wenn er seine Ehefrau gegen ein jüngeres Modell austauscht.

Selbstverständlich gibt es auch wieder unglaublich schöne große Nummern in diesem Jahr, etwa die zwölf chinesischen Diabolo-Girls mit ihrer wahnwitzigen Fingerfertigkeit und atemberaubenden Motorik. Oder die russischen Frauen in ihren langen, blauen Kleidern auf der Russischen Schaukel. All diese Hochleistungs-Abenteuer verraten uns nebenbei die neue Liebe zum Detail, die immer kunstvolleren Ballett-Choreografien in den Zirkus-Darbietungen unserer Zeit. Überall ist Tanz.

In diesem Mix ist es fast logisch, dass einer aus dem Rahmen purzeln muss. Diesen Job übernimmt der Komiker Steve Eleky, ein Deutscher mit ungarischen Wurzeln im Schottenrock. Wie ein Dino aus den Tagen der Berliner Sponti-Clowns der siebziger und achtziger Jahre hält er einen Gummi-Hai hoch, wenn er die Leute mit „Hi“ begrüßt. Er jongliert mit zusammengeklebten Bällen, hantiert mit billig manipulierten Plastikblumen und holt Plüschhasen aus dem doppelten Boden seines Zauberkoffers. Auf diese Weise führt er sich selber vor, und da johlen die Leute: Steve Eleky ist der wahre Pausenclown in einem Zirkus voller Weltrekorde.

Neben diesem komischen Vogel gibt es auch echte Tiere in der Manege, viele Pferde und einige Dickhäuter. In die Diskussion um deren Wohl und Wehe bei der Zirkusarbeit mische ich mich nicht ein. Frei nach dem ersten Kinofilm des einst zirkusverliebten Theaterregisseurs Peter Zadek sage ich Ihnen auch, warum: Ich bin kein Elefant, Madame.

Schöne Weihnachten, hochverehrtes Publikum!



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