Bauers Depeschen


Samstag, 12. Dezember 2015, 1565. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

aus orthopädischen Gründen mache ich noch Kolumnen-Pause, es waren zuletzt doch recht viele Spritzen - und die beiden Shows "Die Nacht der Lieder" im Theaterhaus anstrengend. Kommende Woche geht's wieder mit der Schreiberei los. Für den Flaneursalon am Dienstag im Schlesinger gibt es leider keine freien Plätze mehr. Die erste Lieder- und Geschichtenshow im neuen Jahr machen wir am Mittwoch, 20. Januar, im Stuttgarter STADTARCHIV. Diese ehrenwerte Institution hat den FLANEURSALON zu ihrem kleinen Jubiläum eingeladen: Vor fünf Jahren ist sie in ein sehr schönes Gebäude nach CANNSTATT umgezogen, in das ehemalige Kontor- und Lagerhaus des Großeinkaufsvereins der Kolonialwarenhändler Württembergs, Bellingweg 21 (in der Nähe der Kulturinsel). Allein der Spielort ist einen Besuch wert. Eva Leticia PADILLA & Gabriel Holz, Eric GAUTHIER & Jens-Peter Abele, Roland BAISCH & Frank Wekenmann sind als Musiker dabei. Der Vorverkauf beginnt kommende Woche.



Der Klick zum

LIED DES TAGES



Und hier noch was aus meinem neuen Buch:



GÄNSESUPPE MIT HINDERNISSEN

Obschon ich einige Weihnachten aus nächster Nähe und bei klaren Verstand erlebt habe, ist mir nie gute eine Weihnachtsgeschichte eingefallen. Weder nach noch vor Weihnachten. Auch hat mir nie einer eine Weihnachtsgeschichte geschenkt, nicht mal eine, die er nicht mehr brauchen konnte. Es ist schwer, eine Weihnachtsgeschichte zu finden, und noch schwieriger, sie aufzuschreiben.

Es regnete in Strömen nachts um halb zwölf, als ich im Westen der Stadt in Begleitung einer Dame von der Rötestraße aus die Reinsburgstraße hinaufging. Ich ging in guten Stiefeln mit hohen schrägen Absätzen und dünnen Ledersohlen, und ich erzähle Ihnen das, weil man in guten Stiefeln mit Ledersohlen ein anderes Gefühl für eine Straße hat als in Schnürschuhen oder Sandalen.

„In meinem ganzen Leben ist mir nie eine Weihnachtsgeschichte eingefallen“, sagte ich zu der Dame. „Dann denkst du falsch über Weihnachten, du hast einen falschen Ansatz. Das wahre Weihnachten, das Motiv jeder Weihnachtsgeschichte ist die Weihnachtserwartung“, sagte sie. „Das ist mir zu hoch“, sagte ich. „Ganz einfach“, sagte die Dame, „Weihnachten selbst ist bei Weitem nicht so weihnachtlich wie die Weihnachtserwartung der Leute.“

Unsinn, dachte ich. Weihnachten ist, wenn Bob Dylan mit seiner Männerstimme singt: „I'll Be Home For Christmas". Eine gute Weihnachtsgeschichte erzählt vom Leben wie ein guter Song, und sie trägt einen Titel wie die Weihnachtsgeschichte des Schriftstellers Franz Dobler: „Heimat ist da, wo man sich aufhängt.“

Unterwegs in der dunklen, verregneten Reinsburgstraße lässt sich durch die dünnen Ledersohlen hindurch spüren, dass in dieser Straße früher das Leben war. Die Straße ist für Stuttgarter Verhältnisse außerordentlich lang, ihr Charakter ausschweifend, und die Architektur der Häuser erzählt einem auch in einer verregneten Dezembernacht von einer vergangenen Würde und Schönheit.

Erst seit 1854 heißt sie Reinsburgstraße, früher lebte hier der Adel. Es gab stattliche Geschäftsgebäude und erheblich mehr Cafés, Restaurants und Vergnügungsläden als heute.Friedrich Schiller hat im Hofküchengarten, in der nahen Augustenstraße, an „Wallensteins Tod“ gearbeitet und in diesem Werk schon Ende des 18. Jahrhunderts alles über die Haltung der Leute im Rathaus von heute vorhergesagt: „Ich hab’ hier bloß ein Amt und keine Meinung.“

In der Reinsburgstraße wohnten nach dem Zweiten Weltkrieg Juden und Arbeiter aus Polen und der Sowjetunion, von den Nazis verschleppte Menschen. Die Amerikaner führten sie unter der Bezeichnung „Displaced Persons“, entwurzelte, geschundene Menschen, die nicht ohne Hilfe in ihre Heimat zurückkehren konnten.

Nach dem Krieg blühte in der Reinsburgstraße der Schwarzhandel; gegen das Glied einer goldenen Uhrkette oder für 250 Mark konnte man ein halbes Pfund Kaffee oder ein Pfund Butter kaufen. Am 29. März 1946 stürmten deutsche Polizisten auf der Suche nach Schwarzmarktware und Diebesgut die Häuser. Es kam zu einem Kampf, und ein Polizist schoss den Juden Zmuslek Danziger in den Kopf. Zmuslek Danziger, gerade erst auf der Suche nach der Heimat zu seiner Familie nach Stuttgart zurückgekehrt, war tot. Die US-Militärs verboten daraufhin den deutschen Polizisten, je wieder das Gelände allein zu betreten, und diese Geschichte ist keine Weihnachtsgeschichte.

Ich weiß nicht sehr viel über die Reinsburgstraße. Lange habe ich nicht mal gewusst, dass die Karlshöhe bis 1889 Reinsburghügel hieß, auch war mir nicht bekannt, dass Eduard Mörike von August 1871 bis September 1873 im Haus Nummer 67 wohnte. Es gäbe noch viel zu erzählen. Aber ich wollte in der Reinsburgstraße ja nur ein paar Meter in diese mysteriöse Weihnachtserwartung hineinstiefeln, von der die Dame gesprochen hatte.

Bei Dunkelheit wirken manche Straßen, als hätte man sie erst vor kurzem ausgegraben, als gehörten sie noch nicht in die Gegenwart. Ähnlich gestaltet sich für viele Leute Weihnachten. Ihre Weihnachtserwartungen sind geprägt von den alten Geschichten. Man gräbt Erinnerungen aus und duckt sich im Kerzenlicht eines Tannenbaums für ein paar Stunden weg aus der Gegenwart.

Vielleicht aber ist es gar nicht wahr, was ich sage. Viele alte Geschichten sind zeitlos wie Märchen. Einige Tage vor Weihnachten 2012, zweihundert Jahre nach dem Erscheinen von Grimms Märchen, habe ich in einem Buch mit persischen Märchen geblättert. Es lag in einem Schnäppchenkorb vor dem Kiosk im Königsbau. Persische Märchen sind bei uns nicht so gefragt wie die Märchen der Brüder Grimm. Sie tragen dafür berührende Titel. Eine heißt „Gänsesuppe mit Hindernissen“, eine andere „Bohlul und die eisenfressenden Mäuse“ und die schönste trägt den Titel „Der Furz aus Varamin“. Oft beginnen die persischen Geschichten wie Grimms Märchen mit „Es war einmal“, häufig aber auch mit den geheimnisvollen Worten: „Einer war, einer war nicht“.

Ich werde an Weihnachten die Rolle des "Einer war nicht" übernehmen. Womöglich war nichts, und es war Weihnachten.

Falls Sie, verehrtes Publikum, noch immer eine Weihnachtsgeschichte von mir erwarten, dann sage ich Ihnen in aller Freundschaft, wie es ist: Mir schenkt auch keiner was.



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