Bauers Depeschen


Donnerstag, 26. November 2015, 1557. Depesche


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WEIHNACHTSGESCHENK: Mein neues Buch gibt es im Handel und an der Mahnwache gegenüber vom Hauptbahnhof: "In Stiefeln durch Stuttgart - Zwischen Komakäufern und Rebellen". Diese Texte sind besser fürs Klo geeignet als jede Zeitung. Und das Smartphone fällt nicht in die Schüssel. Man muss seine Zeit nutzen.



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Die aktuelle StN-Kolumne "Joe Bauer in der Stadt"



EINSTEIN AM STRAND

Diese Geschichte beginnt, als ich im Kleinbus unseres Männervereins an der Anlegestelle des Neckar Käpt’n vorbeifahre. Wie es die Satzung unseres vierköpfigen Bundes vorschreibt, sind wir auf dem Weg zum Mittagessen in einem Lokal der Stadt, das wir noch nicht kennen. Diesmal ist es der oder das „Happen“ auf dem Wizemann-Areal im Cannstatter Stadtteil Pragstraße, einer noch jungen Spielstätte mit zwei Konzertbühnen. Die Macher nennen ihren Club schlicht und sympathisch „Im Wizemann“. Es ist die Zentrale der Produktionsfirma Chimperator, die unter anderem den jungen Stuttgarter Rapper Cro zum Star machte. Bis Februar 2013 hatte der Musik-Club Zapata die ehemalige Fabrik bespielt. Das Essen im Industrie-Ambiente des Backsteingebäudes ist schmackhaft und reell, das Personal gut gelaunt und hilfsbereit.

Auf dem Weg dorthin ging es für uns durch das Baustellenchaos im Umfeld der Rosensteinbrücke. Die Ausflugsschiffe ­liegen vertäut am Neckarufer, die Saison ist vorbei. Am apokalyptischen Strand dieser Autoverkehrshölle stehen im trüben November zwei Werbeschilder neben einem Bagger, als hätte sie ein Komiker hingestellt: „Goodbye Hektik. Hello Sunshine!“ Und: „Hier können Sie ablegen“.

Das machen wir, und ich weiß auch schon, dass ich gleich am nächsten Tag an dieser Stelle wieder anlegen werde, um mir die Monsterbaustelle im Stadtzerstörungsprogramm S 21 reinzuziehen: diese aufgewühlte Landschaft mit Autostau, poesievoll gekontert durch die Neckarkähne und die Eisenbahnbrücke über dem Fluss.

Dieses Jahr bin ich oft durch Cannstatt spaziert, und immer wieder hatte ich das Gefühl: Die Stuttgarter Politik hat diesen großen, kontrast- und geschichtsreichen Stadtbezirk ähnlich blind und respektlos ausgeblendet wie ihren Fluss, den Neckar.

Zurzeit feiert die Welt Albert Einstein. Vor 100 Jahren, im November 1915, stellte der Physiker die Allgemeine Relativitätstheorie vor und warf damit vieles über den Haufen, was die Wissenschaft über Raum und Zeit zu wissen glaubte. Verkündet ­wurde diese Revolution in Berlin. Ihren Ursprung aber hatte sie in Cannstatt.

In der Cannstatter Badstraße 20 wird am 8. Februar 1858 Albert Einsteins Mutter Pauline Koch als Tochter des jüdischen Früchte- und Getreidehändlers Julius Koch und seiner Frau Jette geboren (eine weitere Wohnung hat die Familie in der Brückenstraße 44). Der Vater stammt aus Jebenhausen, die Mutter Jette Bernheimer aus Cannstatt. Erst 18 Jahre alt, heiratet die künstlerisch begabte Pauline im August 1876 den Ulmer Kaufmann Hermann Einstein und zieht mit ihm nach Ulm. Dort kommt am 14. März 1879 Albert Einstein zur Welt. Es heißt, er habe zunächst den Cannstatter Dialekt seiner Mutter und nicht den Ulmer Slang gesprochen. Der Rest ist ­Legende: Albert Einstein Superstar.

Der Stuttgarter Künstler Harry Walter beschreibt in einem sehr lesenswerten Essay über ein seltenes Foto, das Einstein mit einer Einstein-Marionette in der Hand zeigt, wie der Physiker als „verschlamptes Genie und Spaßvogel“ vermarktet wird: Unter seinem Namen gibt es heute „T-Shirts, Poster, Miniaturfiguren aus Kunststoff, ja selbst eine Badekappe mit plastisch ausgeformten Hirnwindungen als Freibadschocker“. Der Text erschien 2005 in dem Buch „Einstein on the Beach“ (Fischer Verlag).

Und damit sind wir in der Innenstadt: Die Oper „Einstein on the Beach“ des New Yorker Minimal-Music-Komponisten Philip Glass wurde 1988 in der Inszenierung von Achim Freyer als Teil einer Trilogie im Großen Haus am Eckensee aufgeführt. Es war mir eine heilige Pflicht, dieses Marathon-Ereignis zu besuchen. Wenig später saß ich mit Philip Glass’ amerikanischem Dirigenten Michael Riesman im Café Königx im Bohnenviertel. Er konnte neben Deutsch ein Dutzend weiterer Sprachen und erzählte mir, dass er keinerlei Probleme habe, ein Orchester mit der rechten Hand zu dirigieren und gleichzeitig mit der linken in einem anderen Takt die Keyboards zu spielen. O Mann, dachte ich: So etwas gibt es nur unter Einsteins. Mr. Riesman war sehr bescheiden und sagte etwas, was damals bei uns bestenfalls bedingt galt: „Es gibt nur zwei Arten von Musik. Gute und schlechte.“

Ja, sie ist aufregend, unsere kleine Kessel-Welt, bedenkt man, dass es 1994 eine Stuttgarter Weltsensation war, als das bereits erwähnte Zapata buchstäblich aus dem Nichts entstand. An die Bedeutung des Namens erinnert sich heute kaum noch einer – außer Javier Aévalo, der kolumbianische Mitbegründer der Caipirinha-Höhle auf dem ehemaligen Südmilch-Gelände, wo heute das Ufa-Kino steht. Am 1. Januar 1994 hatten linke Zapatisten im Kampf für Demokratie und Gerechtigkeit einen erfolgreichen Aufstand gegen die mexikanische Regierung gewagt. Sieben Tage später eröffneten Javier Aévalo und einige andere südamerikanische Künstler, darunter der chilenische Filmemacher Marcelo Lagos, ihren Club im Namen des mexikanischen Revolutionsführers Emiliano Zapata (1879 bis 1919). Ihr abenteuerlicher Nachtladen wurde rasch zum subkulturellen, von den Behörden geduldeten Zentrum prominenter Zeitgenossen aus nah und fern. Nach anderthalb Jahren allerdings war Schluss: Abriss. Adios compañeros.

1998 eröffnete Javier Aévalo das neue Zapata bei Wizemann, in den Räumen des 1923 gegründeten Familienunternehmens für Automobil-Zubehör. 15 Jahre später gab der Kolumbianer seinen mit viel künstlerischer Fantasie und noch mehr Lehm gestalteten Laden an der Quellenstraße des Industriegebiets Pragstraße auf. Inzwischen, erzählt er mir, arbeite er wieder in seinem erlernten Beruf als Architekt. Er baut also weiter. Hello Sunshine! Damit lege ich wieder ab und rudere relativ erstaunt weiter durch Raum und Zeit.



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