Bauers Depeschen


Freitag, 13. November 2015, 1550. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

fast alles ist gesagt in diesem Leben, ich tauche jetzt für ein paar Tage ab und schreibe - ÜBERHAUPT GAR NICHTS. Untertänigst zur Erinnerung: Für den Flaneursalon am 15. Dezember im Schlesinger gibt es noch Karten direkt am Tresen der schönen Kneipe. "Die Nacht der Lieder" am 8./9. Dezember im Theaterhaus hingegen ist so gut wie ausverkauft. Ja, und am 7. Dezember bin ich einer der Redner bei der 300. Montagsdemo gegen S 21. Die Dreihunderste! Da braucht's keinen Vorverkauf: alles total umsonst & voll draußen. Kauft fleißig Stiefel-Bücher, Freunde, der Verleger hat Frau und Kind!



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



MAROKKO, SILLENBUCH

Es ist wie bei Kinobesuchen: Wer in seiner kleinen Stadt öfter mal seine kleinen Welten wechselt, kommt der Welt ein Stück näher. Oft genug führt beim Spazierengehen in der Stadt der Zufall Regie, und diese Art von Kino ist nicht die schlechteste. Es begann damit, dass mir ein Freund in der Kneipe Annas Treff in der Kolbstraße beim Marienplatz einen jungen Marokkaner vorstellte, der mit seiner Frau schon seit einiger Zeit in Stuttgart lebt. Wir sprachen miteinander, so gut es ging. Es ging um ­Fußball. Der Marokkaner wollte unbedingt wieder trainieren und spielen, wie früher in seiner Heimat. Ich rief den Sohn eines Freundes an, einen Jugendspieler vom SV Sillenbuch, Bezirksliga, achte Liga. Der Rest war so einfach, dass mich dieser Rest interessierte.

Der Marokkaner durfte sofort und ohne irgendwelche Auflagen zum Training nach Sillenbuch kommen, und ein paar Wochen später fuhr ich mit dem Aufzug in den fünften Stock eines dieser Glas- und Betonbauten auf dem Bosch-Areal. In diesem Haus, Blick auf den Berliner Platz, arbeitet Sillenbuchs Trainer Marc Bachhuber (38). Seine Visitenkarte weist ihn als „Direktor Private Banking“ bei der Quirin Bank aus, in der Branche bekannt wegen ihres in Deutschland noch jungen Honorarberater-Modells. Wer je Fußballer war, weiß, dass man Kollegen auf dem Platz nie danach beurteilt, wo sie ihre Kohle verdienen, sondern immer nur danach, wohin sie die Kugel spielen.

Der Banker Bachhuber lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Kornwestheim; dort findet sich für eine sechsköpfige Familie leichter eine Wohnung als in Stuttgart. Als Fünfjähriger hat er beim SV Vaihingen mit Fußball begonnen und dann nie mehr aufgehört. Bevor er in Sillenbuch zunächst (spielender) Co-Trainer und vor fünf Jahren Cheftrainer wurde, hatte er für mehrere Clubs in verschiedenen Ligen gestürmt, die höchste war die fünfte (Oberliga).

Fußball, sagt er, sei ein unersetzlicher Teil seiner Existenz geworden. Bei diesem Spiel habe er sehr viel fürs Leben und für seinen Beruf gelernt: sich in ein Team integrieren, eine Führungsrolle übernehmen, Vorbild sein. Beim Fußball-Stress findet er heraus, mit negativen wie positiven Erlebnissen umzugehen, ohne die Bodenhaftung zu ­verlieren. „Wenn ich Trainer bin“, sagt er, „muss ich lernen, mich auf die verschiedenen Ebenen der Spieler einzulassen. Ich muss ihre Sprache sprechen können.“

Der Fußball hat bei der Begegnung mit Menschen seine eigene Sprache. In ­Bachhubers Teams im gut begüterten Stadtbezirk Sillenbuch spielen überwiegend in Deutschland geborene Sportler. In anderen, qualitativ vergleichbaren Clubs sind viel mehr Ausländer, Migranten usw. auf dem Feld. Dennoch kommt es auch in Sillenbuch vor, dass ein neuer Spieler kein Wort Deutsch oder Englisch kann. Dann spricht der Trainer mithilfe von Kreide und ­Schiefertafel. Funktioniert immer.

Das ist die große soziale, internationale Rolle und Chance des Fußballs: Überall in der Welt, vor allem auf den zahllosen ­Plätzen in den kleinen, eher unbeachteten Nischen des Sports, dient er der Verständigung zwischen Menschen. Ähnliche globale Hilfe bei der Begegnung von Fremden leisten nur noch Musik und Tanz.

Auch der SV Sillenbuch bietet seit geraumer Zeit Geflüchteten Trainingsmöglichkeiten an. Darum kümmert sich der ohnehin sozial engagierte Spieler Luca Kriegelstein. Und es gibt einen Flüchtlingsbeauftragten, Felix Manz.

Als ich Marc Bachhuber um ein Gespräch bat, ging es mir nicht darum, etwas über die Arbeit eines Vereins mit Geflüchteten zu erfahren. Dafür gäbe es geeignetere Beispiele als Sillenbuch. Mich interessierte der ganz normale Alltag, draußen in der achten Liga, die Leute, von denen man so gut wie nie der Zeitung liest.

Im Lauf unserer Unterhaltung formuliert der Banker und Fußballer Bachhuber einen mir wichtigen Gedanken, der vielleicht etwas über ein neues Stuttgarter Bewusstsein sagt. Eine Sicht, die viel mit dem heute erstaunlich internationalen Leben in dieser Stadt zu tun hat: Die Flüchtlingspolitik sei das eine, sagt er, man könne über Zahlen und Platz im Land verschiedener Meinung sein. Was für ihn aber zähle, sei die schnelle Hilfe in der realen Situation, der direkte, vorurteilsfreie, der unbürokratische Umgang mit den Menschen. Deshalb sei es „mehr als kleinkariert“, wenn der Württembergische Fußballverband Ausländern keine Spielerpässe ausstelle, nur weil sie noch nicht lange genug im Land seien oder nicht lange genug am selben Ort bleiben könnten.

Die zufällige Begegnung mit einem jungen Marokkaner hatte mich in eine Bank im fünften Stock geführt. Noch am selben Abend fahre ich mit der Bahn hinaus zum Nordbahnhof: Im Internationalen Stadtteilzentrum in der Mitnachtstraße probt jede Woche der Deutsch-Arabische HiwarChor. Das arabische Wort „Hiwar“ bedeutet „Dialog“. Dieses Ensemble mit teils professionellen Musikern und 40 Laiensängerinnen und -sängern gibt es seit 2007. Ich bin unter Menschen aus gut 15 Nationen. Mein Nebensitzer reicht mir ein Blatt mit einem ins Deutsche übersetzten Text des persischen Dichters und Naturwissenschaftlers Omar Khayyâm (1045 bis 1122). Eine Zeile lautet: „Oh Gott, beim Versuch, Dich zu begreifen, ist der Mensch gescheitert.“

An allen Ecken und Enden der Stadt fließt unglaublich viel Welt in die kleine, aber gut vernetzte Welt von Stuttgart.

(Der HiwarChor wird übrigens 2016 bei der „Nacht der Lieder“, der 16. Benefiz-Show zu Gunsten der Aktion Weihnachten der StN, auftreten.)



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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