Bauers Depeschen


Donnerstag, 12. November 2015, 1549. Depesche


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(Die Shows im Dezember 2015 sind so gut wie ausverkauft)



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(... und zur Kolumne)



Die aktuelle StN-Kolumne - Heute zu Helmut Schmidt



SIE WAR KALT

An der Wand meiner 1998 bezogenen Wohnung hängt ein gerahmtes Foto, das auch schon meine frühere Wohnung dekorierte. Am 10. November 2015, einem Tag, den die Welt nicht vergessen wird, stand ich andächtig vor diesem Bild und war mir nicht sicher, ob ich es in den achtziger Jahren oder viel später gekauft hatte. Es gibt Gegenstände im Leben, die irgendwie schon immer da waren, und eines Tages fragt man sich: warum und woher?

An dieses Warum kann ich mich ausnahmsweise gut erinnern. Es hatte mit einer Kneipentour zu tun. Den Rest der Geschichte konnte ich jetzt leicht ermitteln, weil ich zu meiner eigenen Überraschung damals an der Rückseite des Bildes ein inzwischen vergilbtes Papier geklemmt hatte: Das Foto stammt aus einer Ausstellung, die 1993 im Kunsthaus Fischinger an der Esslinger Straße im Bohnenviertel stattgefunden hat. Diese Galerie in der Stuttgarter Altstadt war genau 100 Jahre zuvor gegründet ­worden. Als Urheber meines Fotos ist auf dem Papier „Krems – Das gute Bild“ vermerkt, und ich wage zu behaupten: In der Tat ist mein Bild kein schlechtes.

Der Mann aus der Fischinger-Schau war im Internet schnell gefunden. Er heißt Frank Krems, wurde 1960 geboren und arbeitet heute als selbstständiger Fotograf in Hamburg. Den Slogan „Das gute Bild“ hat er behalten. Die Foto-Galerie im Erdgeschoss des Kunsthauses leitete einst Gisela Löffler, Stuttgart. Ihr schrieb ich eine E-Mail, wollte wissen, wann genau ihre Foto-Galerie existiert habe. Antwort: „Von 1989 bis 1998 ... habe gestern just an dieses Foto von Helmut gedacht und hoffe, du hast ihm kurz einen Gruß zugenickt.“

Jawohl. Habe ich gemacht. Mein Foto an der Wand zeigt Helmut Schmidt. Bis heute bin ich mir sicher, dass ich es vor 22 Jahren nicht aus politischer Verehrung für den Sozen mit der Elblotsenmütze gekauft habe. Der Grund war vielmehr seine Pose: weiß Gott keine besondere, für mich aber wichtig. Auf dem Schwarz-Weiß-Porträt trägt Herr Schmidt ein dunkles Jackett mit hellem Einstecktuch, weißes Hemd und Krawatte. Er sitzt in einem Sessel vor einem auffallend schräg angebrachten Bücherregal und hat eine – kalte – Zigarette zwischen den Lippen. Die Zigarette, wohl eine Menthol mit weißem Filter, hängt nicht im Mundwinkel, sie steckt unter der Nase zwischen den Lippen und ragt, nur leicht gesenkt, in den Raum. Herr Schmidt hat den Blick nach unten gerichtet. Anscheinend ist er gerade dabei, das Feuer für seine Fluppe klar zu machen. Kein Fremder scheint ihm zu helfen. Diese Szene deutete ich schon damals in der Galerie als eindeutiges Plädoyer für das offensive Rauchen. Allein deshalb fiel meine Wahl auf das Schmidt-Porträt.

Der Augenblick, da die kalte Zigarette nach einer Flamme verlangt, hat unsere Kultur- und Sozialgeschichte entscheidend geprägt. In der Anthologie „Smoke Smoke Smoke that Cigarette – eine Verherrlichung des Rauchens“ (benannt nach einem Country-Song) beschreibt der Berliner Autor Klaus Bittermann eine Sequenz aus Howard Hawks Hemingway-Verfilmung „Haben und Nichthaben“ (1944): „Als Lauren Bacall uns in die hohe Kunst der Verführung einweiht und lasziv im Hotelzimmerrahmen lehnend mit der Zigarette in der Hand betont gelangweilt nach Feuer fragt, da starrt Humphrey Bogart ungläubig auf die junge Frau wie auf eine plötzliche Marienerscheinung, bis er sich endlich besinnt und Lauren Bacall eine Schachtel Streichhölzer zuwirft ...“

In dieser Szene heizt die Zigarette nicht nur die erotische Stimmung auf. Kurz vor Kriegsende ist die Zigarette zwischen den Lippen einer Frau auch ein Symbol von Freiheit und eines neuen, femininen Selbstbewusstseins. Und jetzt zu meinem Macho Schmidt. Dieses Bild mit dem noch kalten Glimmstängel im Mund des ehemaligen Wehrmachtoffiziers, des Katastrophen-Managers, des RAF-Bezwingers ist anders als das übliche Aquarell des blauen Dunstes vor seinem Gesicht.1993, bei der Rast in der Galerie auf dem Weg zur nächsten Bar, erschien er mir als das denkbar schlagkräftigste Argument zur Rechtfertigung und Verteidigung des schon damals von den Öko-Kreuzrittern bedrohten Rauchers.

Auf einem mehr und mehr deregulierten Weltmarkt, wo die Zocker des Großkapitals tun und lassen können, was sie wollen, hatte man sich ausgerechnet den Tabakgenuss für die globale Maßregelung der Menschen ausgewählt. Ganz klar ein Zeichen der Versklavung aufrechter Bürger. In dieser vorrevolutionären Phase erschien mir selbst der konservative Altkanzler als nützliche Widerstandsfigur im Kampf gegen den Untergang eines Lebensstils. Schmidt-Schnauze mit Kippe in derselben musste zwingend an die Wand!

Seine in den Raum hineinragende Zigarette auf meinem Foto verkörpert die Speerspitze im Aufstand gegen die Unterdrückung des Rauchers und die Vernichtung seiner Kultur. Schließlich hatte schon Molière in seinem „Don Juan“ die existenzielle Bedeutung des brennenden Tabaks für den modernen Dandy vorweggenommen: „Ein Leben ohne Tabak ist es nicht wert, gelebt zu werden.“ Und Frank Sinatra, dieser niemals inhalierende Virtuose der Filterlosen, hat uns gelehrt: Die Zigarette wurde nicht nur zum Qualmen in Bars erfunden – als Kostüm und Requisit der Weltläufigkeit ist sie unersetzlich auf der Bühne unseres Daseins.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute muss ich mir wie der an Lungenkrebs gestorbene Kettenraucher Yul Brynner am Ende seines Films „Die Glorreichen Sieben“ eingestehen: „Wir haben verloren. Wir verlieren immer.“ Die letzten Raucher rotten sich in elektrisch beheizten Löchern und Frischluft-Winkeln einer juristischen, moralischen und hygienischen Duldung zusammen. Weit gereiste Desperados sitzen Karten spielend im Qualm der Shisha-Bars der Stadt. Und die Stil- und Geschmacklosesten dieser Erde greifen zur perversen E-Zigarette.

Mein Schmidt bleibt hängen, wo er ist. 250 Mark, vielleicht auch mehr, hat er mich gekostet. Das ist nicht viel für seine ikonenhafte Unsterblichkeit im Refugium eines ehemaligen Tabak-Terroristen. Vor achteinhalb Jahren habe ich endgültig mit dem Rauchen aufgehört. Also wesentlich früher als Helmut Schmidt.



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