Bauers Depeschen


Dienstag, 10. November 2015, 1548. Depesche


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MEIN NEUER Kolumnen-Band "In Stiefeln durch Stuttgart" ist außer im Buchhandel jetzt auch an der Mahnwache gegenüber vom Hauptbahnhof und am Bücherstand der Montagsdemo gegen S21 erhältlich. Der Käufer unterstützt in diesem Fall die Verkäufer - nicht mich.



LETZTER FLANEURSALON des Jahres am Dienstag, 15. Dezember, im Schlesinger. Eric Gauthier, Eva Leticia Padilla, Michaeld Gaedt. Karten gibt es bereits in der Kneipe.



Video-Bilder: DIE NACHT DER LIEDER 2014

(Die Shows im Dezember 2015 sind so gut wie ausverkauft)



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne - Heute aus Stammheim:



AZUBI AM BAU

Eigenartig und verstörend, wenn im ­November im Bad Berg die Rosen blühen, während sich unter den benachbarten ­Bäumen Laub­teppiche ausbreiten. Sechs Wochen vor Weihnachten gehen die Menschen in der Stadt mit T-Shirts spazieren. Cabrios rasen mit offenem Verdeck durch die Straßen. Weiß der Henker, welcher Klimaterrorist da wieder zugeschlagen hat.

Es ist Sonntag, mit der Linie 15 fahre ich nach Stammheim, vielleicht auch deshalb, weil ich nie zuvor bei schönem Wetter in dieser Gegend gewesen bin. Oder ich bilde mir nur ein, Stammheim nie bei Sonnenschein gesehen zu haben. Der Ort gilt ja weltweit als dunkler Fleck. Stuttgarts nördlichstes Stadtbezirk steht für einen Mythos. Von der Endhaltestelle der Straßenbahn kann man in der Ferne die Gefängnismauer sehen. Eigentlich habe ich nicht vor, mir mal wieder den Bau von außen anzuschauen. Aber dieses Betonmonster zieht mich magisch an, weil es der schlimmste Albtraum ist, hinter diesen Mauern zu landen.

Es ist ein Spaziergänger­sonntag, das Föhnklima treibt mich vorwärts. Man kann das Gefängnis nicht zu jeder Zeit ohne Unterbrechung mit Blick auf Äcker und Kleingärten umkreisen. Diesmal habe ich Glück. Stimmengewirr dringt über die Mauer, wie von einem Fußballplatz. Es ist Mittag, die Gefangenen sind, fast hätte ich gesagt: im Freien. Sie palavern an der ­frischen Luft, sehen den Himmel und die Vögel auf den Stacheldrähten.

Als ich den Weg zwischen den Wäscheplätzen der Häuserblocks und den Knastzäunen entlang gehe, begegnet mir ein ­junger, freundlicher Justizbeamter. Er ist ­bewaffnet, sichert den Hofgang der Gefangenen. Sein Kollege sitzt im Kleinbus hinter einem Tor, das nur während des Hofgangs für Spaziergänger geöffnet ist.

Wir kommen ins Plaudern. „Ganz oben können Sie im Bau 1 den siebten Stock ­sehen“, sagt der Justizbeamte. „Hinter dem ersten Fenster haben sich Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin erhängt.“ Früher habe man dieses Stockwerk „den Knast im Knast“ genannt. Das war zu der Zeit, als die RAF-Terroristen in Stammheim einsaßen.Ihre Geschichte wird man immer wieder aufarbeiten, sie hat die Republik verändert. In zwei Jahren jährt sich der „Deutsche Herbst“ zum 40. Mal. Die Tage, in denen die RAF den Arbeitgeberpräsidenten und ­früheren SS-Mann Schleyer ermordete, als Terroristen das Lufthansa-Flugzeug „Landshut“ entführten, um die RAF­Gefangenen freizupressen. Nach der Todesnacht von Stammheim wurden die RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe auf dem Dornhaldenfriedhof begraben.

Der Fremde wird seine Sicht auf die Ortschaft Stammheim – erst 1942 wurde sie Stuttgart zugeordnet – noch lange auf den Knast beschränken. Und ein Fremder bin auch ich, obwohl die Bahn von der Innenstadt in den Norden keine 20 Minuten braucht. Über den Knast wurden viele ­Bücher und Filme ­gemacht, aber lange hat es gedauert, bis ich gemerkt habe, wie ­zynisch es klingt, wenn ein Kerker „Stammheim“ heißt: wie Stammhaus, Stammsitz, Stammplatz. Als wär’s eine Zelle für immer.Stammheim mit seinen 12 000 Einwohnern hat auch schöne Winkel und malerische Dorfplätze, wie vor der Johanneskirche im alten Ortskern. Hundert Meter entfernt steht das Schloss, im 16. Jahrhundert erbaut von Heinrich Schickhardt. Heute dient es als Alten- und Pflegeheim. Daneben die Schloss-Scheuer, eine Bühne für Begegnungen. Am 4. Dezember tritt hier die famose Rock- und Bluessängerin Anne Haigis auf; lange hat sie in Stuttgart gelebt, bevor sie in Köln ihr neues Stamm-Heim fand.

Veranstalter des Konzerts ist der Förderverein des Stammheimer Jugendhauses, und da fällt mir noch eine Knast-Kuriosität ein: Vor dem Gefängnis, wo gerade der Neubau des Oberlandesgerichts erstellt wird, steht der Jugendtreff 7 Morgen; die Sicht auf den Knast hat man mit Wänden aus Holzlatten verstellt. Und am Bauzaun ­haben Werbe-Leuchten ein Großplakat mit der Botschaft platziert: „Bau – dir dein Ding. Werde Azubi am Bau“. Denken ist Glück­sache – aber besser „Azubi AM Bau“ als „Azubi IM Bau“, wenn man weiß, wofür im Volksmund der Begriff „Bau“ steht.

Überhaupt stolpere ich in Stammheim über sprachliche Merkwürdigkeiten, so auch über die „Fremdenzimmer“ an der Fassade der Linde in der Heutingsheimer Straße. In dem Gasthaus, wo heute nur noch Getränke serviert werden, kann man ­Fremdenzimmer mieten. Das „Fremden­zimmer“ allerdings ist aus unserem Wortschatz so gut wie ­verschwunden, wie auch der „Fremden­verkehr“, einst die Amts­bezeichnung für den Tourismus. Auch in Stuttgart gab es lange einen Fremden­verkehrs­direktor, bis die Marketing- und Event-Hektiker seinen Job übernahmen.

Jeder neue Ankömmling an einem Ort galt einst als „Fremder“, wie der geheimnisvolle Mann, der im Western zum ersten Mal in die Stadt reitet. Keiner weiß, was er will, ob er gefährlich ist oder gar gekommen, um die Stadt zu retten. Nach dem Krieg hat man bei uns viele Vertriebene, Flüchtlinge genannt, aus dem Osten in den Fremdenzimmern des Fremdenverkehrs untergebracht. Man sprach von „Notquartieren“. Im heutigen Tourismus-Geschäft gilt der Fremde immer als „Gast“. Der Mythos des Fremden, die Angst vor dem Fremden und oft genug der Hass auf ihn aber leben weiter wie eh und je.



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