Bauers Depeschen


Samstag, 31. Oktober 2015, 1544. Depesche


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ABSTIEGSKAMPF: Rot-Weiß Erfurt - Stuttgarter Kickers 1:0



LETZTER FLANEURSALON des Jahres am Dienstag, 15. Dezember, im Schlesinger. Eric Gauthier, Eva Leticia Padilla, Michaeld Gaedt. Karten gibt es bereits in der Kneipe.



DIE 15. BENEFIZ-SHOW in der Reihe "Die Nacht der Lieder" am 8./9. Dezember im Theaterhaus ist nahezu ausverkauft (für den zweiten Abend gibt es noch wenige Karten). Hier Video-Bilder vom vergangenen Jahr:

DIE NACHT DER LIEDER 2014



MEIN NEUER Kolumnen-Band "In Stiefeln durch Stuttgart" ist im Buchhandel erhältlich. Am 15. Dezember beim Flaneursalon im Schlesinger signiere ich auf Wunsch.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



DIE ZWANZIGER

Mit der Straßenbahn nach Untertürkheim, mit dem Bus weiter nach Obertürkheim. Schlaue Zeitgenossen werfen mir oft vor, ich könne ja keine Ahnung von irgendwas haben, wenn ich immer nur durch dieselbe Stadt stiefle. Das ist wahr. Meine Versuche, in einem engen Talkessel die Welt zu entdecken, können nicht mithalten mit den Erfahrungen hochmobiler Touristen, die nach ihren Reisen viel über die Qualität ihres Hotels und die Preise in den Restaurants zu berichten haben. Von geradezu ethnologischem Wert sind vor allem ihre Erfahrungen mit „dem Ägypter“, „dem Amerikaner“ und „der Thailänderin“.

Mein Leben im Bierdeckel-Radius habe ich mir im Wissen eingerichtet, dass mir Reisen nach New York oder Istanbul, Berlin oder Beutelsbach oft weniger Erkenntnisse brachten als ein Buch auf dem heimischen Sofa, gute Songs von meinem Plattenspieler oder ein Film im Kino um die Ecke. Von meinen Spaziergängen zu schweigen.

An der Ecke Ebnisee-/Mirabellenweg schaue ich den Obertürkheimer Weinberg hinauf auf die kleine Petruskirche. Seit 500 Jahren steht sie da oben. Wie immer, wenn ich in einem Randgebiet lande, frage ich mich: Was wird wohl aus solchen Stadtteilen, wenn die Politiker und ihre Investorenfreunde weiter nur noch profitable Wohnungs- und Konsummärkte im Auge haben?

Mit zwei Freunden, die sich als Helfer engagieren, werfe ich einen Blick in die Turn- und Versammlungshalle. In dem Gebäude leben zurzeit 120 Geflüchtete. Um die Dinge zu meistern, werden wir überall in der Stadt gute Leute brauchen, die etwas von Organisation verstehen. Die Mutmaßungen „besorgter“ Laien sind bei der Beurteilung der Lage so hilfreich wie die „Erfahrung“ vieler Politiker: Oft handelt es sich bei ihrer Erfahrung um nichts anderes als um die immer gleichen Fehler, die sie seit Jahren machen, ohne daraus zu lernen.

Nach der Stippvisite fahren wir im Auto Richtung Stadtzentrum und überqueren die Otto-Hirsch-Brücken. Otto Hirsch, 1885 in Stuttgart geboren, war ein jüdischer Jurist und Politiker. Im Februar 1941 sperrten ihn die Nazis ins Gefängnis, vier Monate später starb er im KZ Mauthausen. Otto Hirsch ist eine der prägenden Persönlichkeiten der zwanziger Jahren in Stuttgart, einer Ära, die viel zu wenig behandelt wird in der Stadt. Womöglich wäre dies ein dankbares Thema für das neue Stadtmuseum, zumal die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts bald anbrechen.

In einem Bildband mit dem Titel „Erinnerungen an Stuttgart in den zwanziger Jahren“ fand ich diesen Eintrag: „Dass es in Stuttgart … erstmals zum Gespräch zwischen Christen und Juden kam, dass man sich für die gemeinsamen Wurzeln beider Religionen interessierte, war dem Jüdischen Lehrhaus zuzuschreiben . . .“ Dieses Lehrhaus, das zweite nach Frankfurt, hatte Otto Hirsch zusammen mit Freunden und dem großen Religionsphilosophen Martin Buber gegründet.

Die Zwanziger in Stuttgart waren von großer politischer Liberalität und dynamischer Fortschrittlichkeit in der Kunst geprägt. Das gilt für die Architektur mit Bauhaus-Architekten wie Peter Behrens, Mies van der Rohe oder Richard Döcker genauso wie für die bildende Kunst mit Malern wie Adolf Hölzel, Oskar Schlemmer, Willi Baumeister. Der Historiker Jörg Schweigard hat 2012 das Buch „Stuttgart in den Roaring Twenties“ veröffentlicht. Über die Hälfte der Einwohner, schreibt er, war 1925 unter 30 Jahre alt, knapp ein Drittel davon sogar unter 20 Jahren. Entsprechend frisch und mutig die Literatur, Musik und Bühnenkunst. Hat man das Buch gelesen, bleibt nur der Schluss: Diese Stadt war vor 90 Jahren viel städtischer als heute.

Damit sind wir in der Gegenwart: Das Kunstmuseum zeigt zurzeit die Ausstellung „I Got Rhythm – Kunst und Jazz seit 1920“. Ein Kapitel dieser Zeitgeistschau ist der in den USA geborenen Sängerin und Tänzerin Josephine Baker gewidmet. Während diese großartige, in Paris lebende Performerin in den Zwanzigern in München, Wien und Budapest Auftrittsverbot erhält, darf sie im Stuttgarter Varieté Friedrichsbau in ihrem Bananenrock tanzen. Josephine Baker verkörpert damals im Showgeschäft eine neue, emanzipierte, revolutionäre Frauenfigur – sie „setzte ihre Nacktheit, ihr Blankziehen ein wie eine Waffe“, schreibt Anne Anlin Cheng im Ausstellungskatalog.

Bei Schweigard heißt es über Stuttgart in den Zwanzigern: „Eine offene Gesellschaft schien das zu sein, in der auch die Frauen eine zunehmend gleichberechtigte Stellung inne hatten. Diese moderne Lebensführung, die neue Einstellung zur Sexualität und die Emanzipation stießen jedoch in Stuttgart wie in ganz Deutschland bei den Anhängern traditioneller Normen auf Widerstand.“ 90 Jahre später hat sich daran wenig geändert, wie uns heute die „Demo für alle“-Aufmärsche und in diesem Zusammenhang der Angriff der Landtags-CDU auf die Staatsoper und die Freiheit der Kunst zeigen.

Josephine Baker tritt auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg regelmäßig in Stuttgart auf, 1961 wieder beim Presseball im Franz-Althoff-Bau, Neckarstraße. Ihr Autogramm hinterlässt sie in der (inzwischen leider abgerissenen) kleinen Bahnhofs-Bar des ehemaligen Reichsbahnhotels – ihre Unterschrift ist heute mit den Signaturen vieler anderer berühmter Barbesucher im Intercity-Hotel im Bahnhof ausgestellt.

Als wir von Obertürkheim zurück in die Stadt fahren, kommen wir an einem Werbebanner für das bevorstehende „Countryfestival“ in der Untertürkheimer Sängerhalle vorbei. Der mit Federn geschmückte Indianerkopf als Logo lässt auf ein verstaubtes Verständnis von Country schließen. Die Sängerhalle dagegen war mal ein Zen­trum moderner Musik: 1955 fand in diesem Haus der erste „Treffpunkt Jazz“ statt. Wenig später gastierten in dieser Südfunk-Reihe unter der Leitung von Erwin Lehn Stars wie Miles Davis, Stan Getz und Lester Young in der Liederhalle.

Provinzler wie unsereins, behaupte ich mal, erfahren auf einem zweistündigen Ausflug nach Obertürkheim mehr von der Welt als All-inclusive-Touristen in drei Wochen Türkei.



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