Bauers Depeschen


Dienstag, 27. Oktober 2015, 1542. Depesche


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ZURÜCK IM WIRTSHAUS

Es war Sonntagabend und spannender, dem Sterben der Herbstblätter zuzuschauen als dem Morden im „Tatort“. Ich ging durch den Westen, getrieben vom Hunger eines Mannes, der Lebensmitteleinkäufe hasst.

Zurzeit ist viel von der „Willkommenskultur“ die Rede, ein Begriff, den man erfunden hat, um die Tugend der Gastfreundschaft durch eine heuchlerische „Marke“ zu ersetzen. Man braucht kein Marketing-Begriff wie „Willkommenskultur“, um Menschen freundlich aufzunehmen. Dies gilt auch für Häuser, die Ankömmlinge aus geschäftlichen Gründen im Auge haben: sogenannte Gasthäuser.

Mein Sonntagsausflug führte mich nicht zum ersten Mal in ein Lokal an der Ecke Vogelsang-/Seyfferstraße, diesmal allerdings aus speziellem Grund: Schon am Abend zuvor hatte ich in diesem Haus in der Nähe des Bismarckplatzes einkehren wollen, nicht wissend, dass es an diesem Tag geschlossen hatte. Erst meine Ratlosigkeit lenkte meinen Blick auf einen beleuchteten Schriftzug, den ich zuvor nie bemerkt hatte: An der Fassade des 110 Jahre alten Eckhauses steht neben dem Lokalnamen „Zum Späzleschwob“ auch das Wort „Wirtshaus“. Diese Entdeckung löste in mir eine kindische Freude aus, zumal ich den Begriff „Wirtshaus“ oft gebrauche. Die Bezeichnung „Wirtshaus“ ist trotz historisch relevanter Wirtshauskeilereien vom Aussterben bedroht und muss dringend wiederbelebt werden. Schon aus Respekt vor allen guten Wirtsleuten, die uns die prekäre Situation der Sklaven in der Systemgastronomie und in den Langweiler-Bars mit ihrem austauschbaren Tresenpersonal erst richtig vor Augen führen.

In meiner Erregung über das wiedergefundene Wort „Wirtshaus“ verbreitete ich ein Taschentelefon-Foto vom Spätzleschwob-Wirtshaus auf Facebook, was ein unerwartetes Echo auslöste. Ein verdienter Stuttgarter Gastronom meldete sich mit dieser Definition zu Wort: „Der Charakter eines Wirtshauses wird geprägt durch den Wirt. Alle anderen Gastronomieformen sind geprägt durch das Angebot, die Lage oder den Zweck.“

Das Wirtshaus an sich steht für mich als Tatort gesellschaftlicher Zusammenstöße, wie sie der Frankfurter Schriftsteller und Satiriker Eckhard Henscheid in seiner „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ beschrieben hat. In seiner Wirtshauswelt treffen berühmte Philosophen auf ebenso berühmte Emanzen wie auf arme Schlucker. Sei dieser Lektüre hoffe ich, in jeder Kneipe ein Wirtshaus vorzufinden (was in Stuttgart eher selten gelingt). Dass Henscheid mehr als jeder Sozialforscher von Wirtshäusern versteht, belegt schon diese Auszeichnung: Als das feine Lokal Klabunt unlängst im Frankfurter Stadtteil Bornheim der Gentrifizierung weichen musste, tauften die Wirte ihren Nachfolge-Laden „Henscheid“.

Eine gastronomische Definition meinerseits von Lokalen als Gasthaus oder Gaststätte, Wirtschaft oder Kneipe würde nichts bringen, weil in meinen Augen eine korrekte Kaschemme weit höher zu bewerten ist als jede „Bar“ und jede „Lounge“ mit dem „urbanen“ Anspruch irgendwelcher Provinz-Hipster. Und letztlich bleibt es jedem selbst überlassen, seine Stammhaus mit dem Etikett „Wirtshaus“ zu adeln.

Der erfahrene Stuttgarter Wirt Atze Gericke hat sein Lokal auf der Wangener Höhe im Jahr 2009 „Wirtshaus Friedrichsruh“ getauft. Er sagt: „Der Begriff Wirtshaus galt lange als spießig. Inzwischen steht er wieder für eine besondere Qualität: Im Wirtshaus bleibt man nach dem Essen sitzen und genießt die Behaglichkeit. Das Restaurant dagegen verlässt man nach dem Essen. Und eine Gaststätte ist oft nur eine verbesserungswürdige Speiseausgabestelle.“

Der Spätzleschwob wiederum, für Unwissende auf einem Schild auch als „Restaurant“ ausgewiesen, ist geradezu beispielhaft für die kosmopolitische Klasse des Wirtshauses: Geführt wird es seit 1991 von Elizabeta (gebürtige Kroatin) und Nektarios Theodosiadis (gebürtiger Grieche). Ihre Küche ist perfekt schwäbisch. Den Schriftzug „Wirtshaus“ ließ das Ehepaar 2001 anbringen, zuvor hatte ihr Lokal „Gasthaus“ geheißen. „Wirtshaus fand ich schöner“, sagt Herr Theodosiadis.

Der einer oder andere erinnert sich bei diesem Thema an die Fünfzigerjahre-Filmkomödie „Das Wirtshaus im Spessart“ (nach Wilhelm Hauffs Märchen) – unsereins schon deshalb, weil der einzigartige Kabarettist Wolfgang Neuss darin den Räuber Knoll spielt. In Stuttgart wiederum kam meine gastronomische Lieblingsgattung Ende der achtziger Jahre in der „Wirtshausoper“ des Staatsschauspiels zu Ehren – aufgeführt im Waldhorn zu Zuffenhausen, einem echten Gasthaus mit klassischem Wirthaussaal. Im Waldhorn, Colmarer Straße, brachte das Schauspiel in den Neunzigern auch das grandiose Stück „Indien“ von den österreichischen Autoren Josef Hader und Alfred Dorfer auf die Bühne. In diesem Road Movie fürs Theater spielten die damals noch beide in Stuttgart wirkenden Österreicher Gottfried Breitfuß und Ernst Konarek (der aus dem jüngsten Stuttgart-„Tatort“) zwei Gastronomie-Kontrolleure: todtraurige Wirtshaus-Opfer.

Das Waldhorn in Zuffenhausen gibt es nicht mehr. Inzwischen haben die beiden Schauspieler angedeutet, die Tragikomödie könnte bald wieder mal in Stuttgart gespielt werden: in der Weinstube Fröhlich.

Der „Indien“-Mitautor und brillante Kabarettist Josef Hader hat 2009 auch maßgeblich an dem Film „Der Knochenmann“ mitgewirkt. Darin findet sich ein Dialog, der alle gastronomischen Ungereimtheiten beseitigt: „Ich dachte, im Gasthaus ist der Gast König.“ – „Wir sind kein Gasthaus, sondern ein Wirtshaus.“



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