Bauers Depeschen


Mittwoch, 14. Oktober 2015, 1537. Depesche


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Die aktuelle StN-Kolumne:



EIN DEUTSCHER

Es ist schon dunkel, als ich von der Olgastraße aus die Treppen zum Bopser hinaufsteige, um mir den Fritz-Bauer-Weg anzuschauen. Im Atelier am Bollwerk habe ich mir zuvor „Der Staat gegen Fritz Bauer“ angesehen, den Spielfilm über den großen, anti­faschistischen Juristen im Nachkriegsdeutschland. Den Bopser als Ausgangspunkt der historischen Erinnerung erreiche ich allerdings fünf Jahre zu spät.

„Google-Maps“ markiert den Fußweg zwar bis heute unter dem Namen Fritz Bauer. Der Spaziergänger aber hat selbst Schuld, wenn er seine Sache verrät und dem Online-Fährtensucher vertraut. Den abgelegenen, zwischen Etzelstraße und Danneckerstraße beginnenden Pfad hatte man 2003 dem 1968 verstorbenen Fritz Bauer zu seinem 100. Geburtstag gewidmet – auf Initiative des damaligen Grünen-Stadtrats Michael Kienzle. Der nachts schön ausgeleuchtete Weg aber existiert heute nicht mehr unter diesem Namen.

Fritz Bauer, einst Generalstaatsanwalt von Hessen, spürte Ende der fünfziger Jahre Adolf Eichmann in Argentinien auf und gab dem israelischen Geheimdienst Mossad den Tipp zur Ergreifung des Nazi-Kriegsverbrechers. Er setzte mit enormem physischen und psychischen Einsatz die Frankfurter Auschwitzprozesse durch, ihm gelang die juristische Rehabilitierung der Widerstandskämpfer, er stritt für eine liberale Sexualpolitik. Seine Homosexualität, die er mit Blick auf seine Erpressbarkeit als Staatsanwalt wohl nicht auslebte, spielt in Lars Kraumes Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ eine wichtige Rolle: Der Blick darauf spiegelt die gesellschaftliche Ächtung, die rigorose staatliche Verfolgung der Schwulen und den anhaltenden braunen Gesinnungsterror in der geistigen Enge der neuen Bundesrepublik. Den Film möchte man all jenen empfehlen, die heute mit Beteiligung neuer Nazis auf Demos gegen das Recht auf sexuelle Vielfalt marschieren.

Die Nazis des Hitler-Regimes hatten auch nach dem Krieg erheblichen Einfluss in Justiz und Geheimdiensten, Politik und Wirtschaft (eine Szene des Films spielt im Mercedes-Benz-Werk Untertürkheim, wo Bauer einem früheren SS-Verbrecher in der Personalabteilung Eichmanns Aufenthaltsort in Buenos Aires abhandelt). Solche Bilder erinnern mich immer wieder an einen Satz des Schriftstellers Jörg Fauser: „Als alles vorbei war, ging alles weiter.“

Die Stadt Stuttgart hat Fritz Bauer, diesem deutschen Helden, jahrzehntelang keine oder nur wenig Beachtung geschenkt; 2012 hat man den Versammlungssaal im Amtsgericht nach ihm benannt. Dies entspricht dem üblichen Umgang der Stadt mit ihrer eigenen Geschichte:

Fritz Bauer wird am 16. Juli 1903 als Sohn jüdischer Eltern in Stuttgart geboren. Er wächst in der Seestraße im Norden der Stadt auf, besucht das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, studiert in Heidelberg, München und Tübingen. Nach seiner Promotion wird er 1928 Gerichtsassessor am Amtsgericht Stuttgart. Er ist in der SPD aktiv, verliert bei den Nazis seine Arbeit. 1933 muss er für acht Monate ins KZ Heuberg, unterschreibt – wie andere Sozialdemokraten – den NS-Machthabern ein „Treuebekenntnis“, um frei zu kommen. 1936 emigriert er nach Dänemark. 1949 kehrt er nach Deutschland zurück und beginnt im sozialdemokratisch regierten Hessen seinen juristischen Kampf.

Im Film sagt er einmal: „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland.“ Keine deutsche Behörde, so der Regisseur Lars Kraume, habe mit Bauer kooperiert, vielmehr habe man ihm einen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine geworfen. Den Film hat Kraume auch gemacht, weil Bauer, dieser geradlinige Streiter für eine neue Republik, trotz einiger Fernsehbeiträge in jüngster Zeit immer noch viel zu wenig bekannt ist. Anders gesagt: Bauers mutiges, teils lebensgefährlicher Einsatz für ein gerechtes Deutschland wird bis heute nicht gebührend gewürdigt. Das könnte sich ändern: Auch der schwäbische Hitler-Attentäter Georg Elser wurde bei uns erst durch Klaus Maria Brandauers Kinofilm wahrgenommen.

2010 kam die Stadtverwaltung auf die Idee, in Sillenbuch die 180 Meter lange Treitschkestraße in Fritz-Bauer-Straße umzubenennen. Bürger hatten eine Änderung gefordert: Die antisemitischen Äußerungen des Namensgebers Heinrich von Treitschke – Historiker und Politiker im 19. Jahrhundert – instrumentalisierten die Nazis für ihre Propaganda.

So wurde der Fritz-Bauer-Weg am Bopser 2010 in Carola-Blume-Weg umgetauft: Die jüdische Philosophin und Psychologin Carola Blume setzte sich vor den Nazis an der Stuttgarter Volkshochschule für die Interessen der Frauen ein. 1933 wurde sie entlassen und emigrierte in die USA.

Nach diesem nur schwer nachvollziehbaren Stuttgarter Straßen-Zirkus noch ein paar lokale Fußnoten zum Thema: Lars Kraume hat in diesem Jahr auch Wolfgang ­Schorlaus Buch „Die letzte Flucht“ fürs ZDF verfilmt; in dem Krimi des Stuttgarter Autors spielt Ronald Zehrfeld den Detektiv Dengler – derselbe Darsteller verkörpert im Fritz-Bauer-Film den jungen, schwulen Staatsanwalt Angermann, der sich weigert, Bauers Mossad-Kontakte dem Bundeskriminalamt zu verraten. Die Rolle des Angermann wiederum ist angelehnt an einen Freund Fritz Bauers: Thomas Harlan, Sohn des Nazi-Regisseurs Veit Harlan. Thomas Harlan spürte in den fünfziger Jahren auf eigene Faust Alt-Nazis im bundesdeutschen Beamtenapparat auf. Sein berüchtigter Vater hatte für Goebbels den Propagandastreifen „Jud Süß“ gedreht, eine widerliche Verfälschung der Figur des jüdischen Finanzbeamten Joseph Süß Oppenheimer.

Der historische Joseph Süß Oppenheimer wurde nach judenfeindlichen Anschuldigungen eingekerkert – und 1738 in Stuttgart gehenkt. Danach hat man seine Leiche sechs Jahre lang in einem Käfig zur Schau gestellt. Seine Hinrichtungsstätte in der heutigen Nordbahnhof-Gegend kennen wir als „Galgenbuckel“. Diesem Joseph Süß Oppenheimer hat die Stadt einst einen „Platz“ gewidmet: zu seinem 300. Geburtstag, 1998. Man findet diese asphaltierte Scheußlichkeit an der Rückseite des ehemaligen Karstadt-Gebäudes, an der Einfahrt zur Tiefgarage in der Nähe des Rathauses und des Bordells Bebenhäuser Hof.

So, jetzt könnte man losziehen und sich alle diese Stationen unserer Geschichte mal aus der Nähe anschauen.



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