Bauers Depeschen


Mittwoch, 30. September 2015, 1529. Depesche


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FLANEURSALON IM SCHLESINGER

Weil der Flaneursalon am 18. Oktober im Theaterhaus bereits ausverkauft ist, machen wir eine kleine, vorweihnachtliche Zugabe im schönen Wirtshaus Schlesinger: Dienstag, 15. Dezember. Eric Gauthier hat gestern zugesagt, der Rest demnächst.

Für "Die Nacht der Lieder", die Benefiz-Show zu Gunsten der Aktion Weihnachten der StN, am 8. und 9. Dezember im THEATERHAUS gibt es pro Abend noch etwa 50 Karten. Telefon: 07 11/ 4020-720



30. 9.

LIEBE GÄSTE,

am heutigen Mittwoch, 30. September, jährt sich zum fünften Mal der Schwarze Donnerstag, der Tag, an dem eine Polizei-Armee im Schlossgarten die Demonstranten gegen Stuttgart 21 mit Wasserwerfern und Pfefferspray niedermachte. Einer der Redner bei der Kundgebung vor dem Hauptbahnhof (19 Uhr) ist unsereins. Hier der Klick zum Ablauf:

ALLES ÜBER DIE DEMO & KUNDGEBUNG AM 30. 9.

Heute auf dieser Seite ein Erinnerungstext und der Song, den Leonard Cohen 2010 dem Protest von Stuttgart widmete.



Der Klick zum

LIED DES TAGES

(Leonard Cohen, "Anthem", Stuttgart, 1. Oktober 2010)



Geschrieben im Oktober 2010:



SCHWARZER DONNERSTAG

Es war früher Herbst und spät genug in diesem Jahr, um zu verschwinden. Ich hatte Ferien. Nur 68 Prozent der deutschen Westler, hatte ich in einem Aufsatz über den bevorstehenden Tag der Deutschen Einheit gelesen, haben je ostdeutschen Boden betreten. Seit Jahren im Westen Stuttgarts zu Hause, geplagt von meinem patriotischen Gewissen, fuhr ich nach Brandenburg. Jeder kennt Brandenburg, seit Rainald Grebe seine Ode auf dieses Land gesungen hat:

In Brandenburg, in Brandenburg / ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt / was soll man auch machen mit 17, 18 in Brandenburg?

Vorsichtshalber fuhr ich mit der Eisenbahn. Über Berlin und Potsdam nach Caputh, ein abgelegenes Dorf, kleiner als Uhlbach. Rund um Caputh gibt es Wasser. Die Havel, den Schwielowsee, den Templiner See. Bekanntlich habe ich einen Wasser-Tick, eine Sehnsucht nach Flüssen und Seen, seit ich als kleiner Junge von Huckleberry Finns Abenteuer am Mississippi gelesen und an der Rems gewohnt habe.

Im Dorf wurde ich am Waldrand einquartiert, zufällig im Nachbarhaus von Albert Einsteins berühmter Sommerresidenz. Herr Einstein wurde in Ulm geboren und zum Glück nicht mit dem Ulmer Gen ausgestattet. Das Ulmer Gen prägt Eingeborene wie den Oberbürgermeister der Stadt, einen kulturlosen Sozen-Schnauzer vom rechten Ufer der Donau.

Herr Einstein hat Ulm aus Gründen der Vernunft früh verlassen, er ging nach Berlin und bald darauf, auf der Flucht vor den Nazis, nach Amerika. Eines Morgens in den Ferien besuchte ich seinen Sommersitz in der Nachbarschaft, ein bescheidenes Anwesen im Bauhausstil. Ich hoffte, ich könne etwas von seiner Aura abbekommen in diesem Haus, vielleicht wie später, nach meiner Rückkehr, etwas von der Magie des Sängers Leonard Cohen im Konzertsaal. Anders als Herr Einstein ist Mr. Cohen noch am Leben, aber dieser Unterschied spielt bei diesen Männern keine Rolle. Sie sind da und füllen den Raum.

Die Tage in Caputh gingen schneller vorbei, als mir lieb war. Kaum zurück aus Brandenburg, ging die Scheiße am Stuttgarter Bahnhof los. Im Schlossgarten zerschossen Polizei-Wasserwerfern Kastanien und. Später streuten die verantwortlichen Politiker die Lüge, Schüler hätten Pflastersteine geworfen. Es war der 30. September 2010, der Schwarze Donnerstag. Eine aus allen Teilen der Republik zusammengewürfelte Armee machte im Park Demonstranten gegen Stuttgart 21 nieder. Es war wie immer: Spekulanten und ihr Politiker ließen Polizisten für sich kämpfen, ihre Gegner konnten sich nicht wehren.

An diesem Tag gingen der Sänger Leonard Cohen und seine Band vom benachbarten Hotel Le Méridien zum Schlossgarten und trauten ihren Augen nicht: „Jesus“, sagte ein Musiker zu seinem Konzertmanager, „was machen die vielen Militärs im Park. Ist schon wieder Krieg in Deutschland?“

Rechtzeitig vor dem Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober hatten deutsche Politiker deutsche Metallzäune ankarren lassen, um dem deutschen Fortschritt den Weg zu sichern. Aus Caputh hatte ich einen Satz von Albert Einstein im Gedächtnis: „Der Fortschritt lebt vom Austausch des Wissens.“ Heute ist Fortschritt ein anderes Wort für fortschreitende Zerstörung. Dreihundert Jahre alte Bäume hat man im Schlossgarten gefällt – und Rentner und Kinder gleich mit. Die Staatsmacht benahm sich widerlich, ihre Armee, ein unkontrollierter, schlecht trainierter Haufen, wirkte in ihrer materiellen Überlegenheit lächerlich. Sie demonstrierten Macht mit Übermacht, räumten mit Gewalt den Park. Es war eine neue Form von Blut- und Bodenpolitik.

Viele Menschen im Park weinten hemmungslos, nicht nur wegen des Pfefferspray-Ladungen der Polizisten, auch einige Grünen-Politiker sah ich weinen, ich könnte ihre Namen nennen. Ein halbes Jahr später war ihre Partei an der Macht, und keine dieser Tränen wurde je wieder bei einer Kundgebung gegen Stuttgart 21 gesehen.

Am Tag nach dem Krieg im Park ging Leonard Cohen in der Stuttgarter Schleyerhalle auf die Bühne. Der Sänger sagte zum Publikum: „Passen Sie gut auf sich und Ihre Bäume auf!“ Dann sang er seinen Songs „Anthem“: The birds they sang / at the break of day …

Diesen Abend werde ich nie vergessen.

Es wurde Oktober. Die Bäume verloren ihre Blätter, auf den Pflastersteinen am Karlsplatz lagen Kastanien. Früher hätte ich sie nicht beachtet.



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