Bauers Depeschen


Donnerstag, 24. September 2015, 1526. Depesche


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DER FLANEURSALON am 18. Oktober im Theaterhaus ist ausverkauft.



TERMIN

Am Mittwoch, 30. September, bin ich bei der Demo zum 5. Jahrestag des Schwarzen Donnerstag einer der Redner. Hauptbahnhof. Demo-Beginn 18 Uhr. Kundgebung 19 Uhr.



MITTWOCHSNIEDERLAGE: Stuttgarter Kickers - Dynamo Dresden 1:2

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DIE LETZTEN VÖGEL

Ich bin eines von vier Mitgliedern eines Männervereins, der kein Verein ist. Nicht gemeinnützig, völlig überflüssig, wir stellen uns nur einer Aufgabe: Jede Woche gehen wir zum Mittagessen in ein Etablissement, das wir schon lange nicht mehr oder überhaupt noch nie besucht haben. Zuletzt landeten wir im Wienerwald beim Leo-Vetter-Bad in Ostheim, Landhausstraße 203.

Wir haben unterschiedlich viele Jahre auf dem Buckel, was nicht leicht zu erkennen ist, weil wir oft ähnlich läppische Kapuzenjacken tragen und nicht immer so rasiert sind, dass unsere Gesichter Genaueres verraten. Einer von uns ist Gastwirt, einer hat einen Zeitungskiosk, einer arbeitet in einem Verlag, unsereins als Schriftwart.

Jeder von uns war zigmal im Wienerwald, vor Jahren mit den letzten Vögel der Nacht: an der Bolzstraße bei den Kinos, bevor die Disco „Das Unbekannte Tier“ ins Hühnerreich einzog. Keiner von uns kann jedoch mit Sicherheit sagen, je im Ostheimer ­Wienerwald gewesen zu sein. Heute ist er der einzige Wienerwald in ganz Stuttgart. Exakt ein halbes Jahrhundert und fünf Monate alt. Vom ersten Tag an wurde er von der griechischen Familie Kokinakias geführt. Lange von Efstratios, seit 2008 von seinem Sohn Vasilios (46) und dessen Frau Christine. Die Eltern leben heute in Griechenland, kommen aber regelmäßig nach Ostheim, wie viele Stammgäste, die schon lange nicht mehr in Stuttgart leben.

Das Lokal besuchen alte und junge Leute. Die alten aus Anhänglichkeit. Die jungen, weil es hip ist, mal das zu essen, was außer Opa keiner mehr kennt. Oder weil es besser schmeckt als Burger und Chicken Nuggets. Der Wienerwald ist berühmt für seine Vögel am Spieß. Die Nummer mit dem Grill-Hähnchen, dem Hendl, war mal ein Welterfolg. Firmengründer Friedrich Jahn, ein österreichischer Kellner, der 1955 die Systemgastronomie nach Deutschland gebracht­ hatte, regierte ein Imperium mit 700 deutschen Lokalen. 1980 waren es weltweit mehr als 1500. Der Duz-Freund von Franz Josef Strauß eroberte die USA, zockte mit Krediten, mischte im Touristik­, Hotel- und Immobiliengeschäft mit – und stürzte ab.

Nach vielen Geschichten aus dem Wienerwald mit illustren Figuren wie dem Ex-Model Renate Thyssen als Investorin gibt es heute die Wienerwald Franchising GmbH mit etwa 30 Lokalen. Seit 2007 besitzt die Familie des 1998 verstorbenen Firmengründers wieder die Markenrechte, in diesem Jahr feiert man das 60-jährige Bestehen. Die grüne Henne mit kleinem Kopf und langen Beinen dient wie einst als Logo und ziert auch die Ostheimer Fassade.Wir bestellen Hühnersuppe, Chili-Hendl mit Beilagen: Salat oder Gemüse, Brat- oder Country-Kartoffeln. Einwandfrei. Der Klassiker ist nach wie vor ein halbes Hähnchen mit Pommes Salat für zehnfünfzig. Im Straßenverkauf, der historischen Version des heutigen „To go“-Konzepts, gibt es das Arrangement deutlich billiger, das Hendl mit Brötchen für dreifünfundneunzig.

Das alles erinnert an die Zeit, als in Deutschland erstmals Familien sonntags gemeinsam ins Wirtshaus gingen, weil sie sich ein Essen für zwei Mark neunzig leisten konnten ("Heute bleibt die Küche kalt. Wir gehen in den Wienerwald"). Und Huhn war irgendwie mondän: weißes Fleisch! Die Wienerwald-Henne galt als Symbol des Wirtschaftswunders, wie VW, als es noch keine Emissionsgesetze gab. Einen Wienerwald nannte man Schnellrestaurant, bevor der Begriff Fast Food auch zur geistigen Maßeinheit für den Umgang mit der deutschen Sprache wurde.

Herr Kokinakias senior, heute 80 Jahre alt, ließ sich einst von Friedrich Jahn persönlich zum Wienerwald-Einstieg überreden, im ehemaligen Ostheimer Hof. Er hatte im Stuttgarter Königshof gearbeitet und dann in München die Hotelfachschule absolviert. Wienerwald-Boss Jahn kam immer wieder nach Ostheim und spendierte eine Runde. Bis heute ist etwas vom Glamour des Federvieh-Fürsten geblieben. VfB-Fußballer, Schauspieler und andere Promis schauen vorbei – das Hendl-Haus ist eine Art Kultstätte. Eine Kindheitserinnerung. Zwar wurde 2007 das Mobiliar ausgetauscht und das Lokal mit seinen 70 Plätzen renoviert. Aber auch im neuen Retro-Design kommt man sich vor wie in einem Kino, wo es zwischen Holz und Resopal nicht nach Popcorn, sondern nach Broiler riecht. Einiges hat sich geändert. Christine erzählt, dass sie Fleisch und Gemüse bei regionalen Erzeugern kauft, nach eigenen Rezepten zubereitet und auch schwäbisch kocht.

Der Wienerwald-Wirt Vasilios ist gelernter Maschinenbauingenieur, er arbeitete so lange in seinem Beruf, bis der Computer-Stress seinem Blutdruck bedrohlich zusetzte. Und da war der Vater, der sein Lokal „als sein Baby“ sah, sagt der Junior, und so war es Zeit, die Wienerwald­Geschichte fortzuschreiben. Als meine Kameraden vom unnützen Männerverein schon wieder ihrer Arbeit nachgehen, setze ich mich mit dem Ehepaar Kokinakias zusammen. Christine sagt, es sei nicht leicht heute, den gewaltigen Papierkram in der Gastronomie zu bewältigen. Und vor der Tür ist die Landhausstraße für den Autoverkehr gesperrt. Bei gutem Wetter kann man draußen sitzen und der Straßenbahn hinterherschauen. Aber nirgendwo gibt es einen Parkplatz, und viele Kunden fürchten, ihr Hendl zum Mitnehmen mit einem Strafzettel zu bezahlen. Oft wäre man froh über etwas weniger Bürokratie im harten Kneipengeschäft.

Ach ja, es gibt es doch noch einen weiteren Wienerwald in der Gegend: in Fellbach, Stuttgarter Straße, an der Grenze zu Cannstatt. Chef des Lokals ist Panagiotis Kokinakias, der Bruder von Vasilios.



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