Bauers Depeschen


Dienstag, 15. September 2015, 1521. Depesche


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FLANEURSALON mit Buch-Premiere ("In Stiefeln durch Stuttgart") am Sonntag, 18. Oktober, im Theaterhaus. Mit Christine Prayon, Vincent Klinks Brass On Strings Orchestra, Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Eva Leticia Pedilla Band, Toba Borke & Pheel.

KARTEN: THEATERHAUS - Telefon: 07 11/4020-720.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



ALTSTADT, HALLSCHLAG, FÖHRICH

Als Spaziergänger freue ich mich besonders, wenn die Leserinnen und Leser meine Beobachtungen mit eigenen Geschichten und Erinnerungen ergänzen. Einige dieser Anekdoten, die ich per Mail erhalten habe, sind zu gut, um sie für mich zu behalten. Deshalb sind sie heute hier zu lesen.

Am vergangenen Samstag habe ich mich mit der überraschenden Schließung des Jazz-Clubs Kiste und seiner Bedeutung für das Leonhardsviertel befasst. Die gute Nachricht: Nachdem der Wirt in seiner Finanznot das Handtuch geworfen hat, ist der Kiste-Verein dabei, den Laden wieder flottzumachen. Gut möglich, dass schon am kommenden Freitag wieder ein Konzert stattfindet.

Zur Kiste hat Herr G. – er grüßt und als „ein Stuttgarter Taxifahrer“ – diese schöne Geschichte aufgeschrieben:

„Es war ein Wochentagabend, als ich wie gewohnt eine Stammkundin zu einem Klavierkonzert fuhr. Wie üblich fuhr ich die Dame zur Liederhalle und holte sie gegen 22.30 Uhr wieder ab. Auf dem Nachhauseweg erzählte sie mir von ihrem Klavierabend und erwähnte, dass sie von ihrem Enkelkind erfahren habe, dass im Jazz-Club Kiste eine erfolgreiche Pianistin namens Gee Huy Lee spiele. Kurz bevor wir ihren Wohnort erreichten, bat mich die Dame, sie doch bitte zu diesem Jazz-Club zu bringen und sie zu begleiten, da sie sich ohne Rollator nur schwer fortbewegen kann.

Ich sagte der Dame, dass es eine teurere Fahrt werden würde als sonst, wenn ich sie noch zur Kiste fahre. Das jedoch interessierte die etwas ältere Dame nicht wirklich, da es ihr Herzenswunsch war, diese Pianistin einmal live zu hören. Daraufhin drehte ich um, und wir fuhren zum Jazz-Club.

Gleich beim Betreten der Kiste standen einige Besucher auf und boten der Dame ihren Platz an. Die Leute waren erfreut, dass auch noch eine Dame dieses Alters den Club besucht. Nach etwa 30 Minuten bat sie mich, sie zurück nach Hause zu fahren. Und heute noch erzählt sie mir, wie schön dieser Abend für sie war, wie viel Freude ihr dieser kleine Ausflug bereitet hat. Deshalb bitte ich, dass die Kiste auch in Zukunft viele Menschen glücklich machen kann und geöffnet bleibt.“

So viel zur Kiste. Nicht lange her, da berichtete ich aus dem Stadtteil Hallschlag, wo immer mehr Häuser mit günstigen Mieten abgerissen und durch teure Wohnungen ersetzt werden. Hermann Berger, Fräser und Betriebsrat bei Mahle, ist in den siebziger Jahren im Hallschlag aufgewachsen. Er schreibt:

„O Hallschlag, meine Kindheit, die Altenburgschule, mit sehr engagierten Lehrern, die kein Kind aufgaben. Klar musste man sich als Neuankömmling wie ich aus dem oberschwäbischen Dürmentingen erst mal auf dem Schulhof in der Rangordnung seinen Platz suchen. Aber danach hatte man Freunde fürs Leben, egal welcher Herkunft oder Couleur. Man hat sein Eis bei der Konditorei Epple geholt, ab und an gab es vom Chef persönlich einen ‚Bolla‘ mehr. Die beste ‚rote‘ Wurst gab es bei einem ,Blauen‘, bei der Metzgerei -Wetzel, deren Inhaber Otto ein großer Fan der Stuttgarter Kickers war. So kam es, dass bei den Kickers-Heimspielen die Würste von der Metzgerei Wetzel ¬geliefert wurden.

Der Otto war es auch, der mir immer wieder Karten für die Kickers zusteckte: ‚Bua, du musch noach Dägerloch zo de Kickers ganga, net zu dene Bachl mit dem rota Bruschdreng!‘

So erreichte er, dass mitten im roten, vom VfB geprägten Hallschlag ein paar wackere Fußball-Freunde das blaue K mit Stolz auf ihrer Brust trugen. Sie bejubelten auf der Waldau ihre Helden Gerstenlauer, Holoch, Haug, Renner.

Überhaupt war der Hallschlag in den Siebzigern nicht mehr der soziale Brennpunkt wie wohl nach dem Krieg. Nur der Ruf hängt ihm noch nach, bis heute. Inzwischen hatte der Daimler für seine Mitarbeiter zwei Wohnblocks hochgezogen, und in deren Nachbarschaft wurden gegenüber der Zuckerfabrik neue Sozialwohnungen gebaut. Das Tonstudio Zuckerfabrik mauserte sich in dieser Zeit zum Eldorado der Musikszene, vor allem im Jazz.

Nein, außer ein paar Halbstarken gab es keine nennenswerte Kriminalität im Hallschlag. Vielleicht ein paar Beziehungsdelikte, aber die gibt es ja überall. Die Menschen waren herzlich und warm und nahmen jeden in ihrer Mitte auf, egal aus welcher Ecke dieser Erde er auch kam. Das sollte uns heute noch ein Beispiel sein.“

So weit der Hallschlag. Zuvor hatte ich über die Feuerbacher Siedlung Föhrich berichtet. Unser Leser Michael Kast kennt sich aus in der Geschichte dieses Quartiers. Auszüge aus seinen Schilderungen:

„Man darf die politische Vergangenheit dieser Siedlung nicht vergessen. In den bewegten Zeiten vor den Nazis hingen die roten Fahnen zuhauf aus den Fenstern. Schließlich wohnten dort vor allem Arbeiter von Bosch, darunter viele Kommunisten. Der Ruf einer kampfstarken Bevölkerung (‚Wild-West‘) hielt sich bis in die Nachkriegszeit, so dass wir Jugendlichen aus anderen Stadtteilen stets vermieden, uns in den Föhrich zu verirren. Und wer sich eine Freundin aus dem Föhrich zugelegt hatte, dem wurde deutlich gemacht, dass ein ‚Föhrichmensch‘ (,Mensch‘ abwertend für Frau) nicht in die Familie passe.

Viele Jugendliche, die nach dem Krieg im Föhrich groß wurden, wandten sich dem Sport zu. Es ging um die gemeinsame Sache und um den sozialen Aufstieg. Da die SpVgg Feuerbach damals durch die Weitsicht von Wilhelm Braun als Zusammenschluss aller örtlichen Sportvereine entstanden war und einige Abteilungen zur württembergischen und deutschen Spitzenklasse gehörten, wurden viele Jugendliche herausragende Sportler. Im Fußball waren es u. a. Edmund Herr, der bei den Kickers landete, und vor allem ¬Gerhard ‚Gegges‘ Wanner, der den VfB in die Bundesliga schoss. Die Radsportler um die Brüder Lederer kamen stets mit Titeln von Meisterschaften zurück. Von den Ringern ragte Roland Bock heraus. Er wurde Europameister im Schwergewicht und später ein berühmter und illustrer Profi-Catcher. Aus dem Föhrich kam auch der Basketballer Otto Reintjes, der zum Nationalspieler aufstieg, später 25 Jahre Manager des Serienmeisters Bayer Leverkusen und noch fünf Jahre Commissioner der Basketball-Bundesliga war.

Eine weitere Kuriosität: Der in der Kolumne erwähnte Föhrich-Kiosk (bei uns nur ‚Ständle‘ genannt) war der Ursprung des Dramatischen Vereins Feuerbach, der mit seinen Theateraufführungen für ausverkaufte Abende in der Festhalle sorgte. Seine Betreiber, die Eheleute Sieger, vereinten Vorstand, Stückeschreiber, Regie und Hauptdarsteller auf sich, und wenn es am Kiosk etwas ruhiger zuging, entstanden dort ganze Stücke.“ Föhrich, Endstation.

Nach Altstadt, Hallschlag und Feuerbach zieht der Spaziergänger weiter – mit ganz herzlichem Dank an seine Gastautoren!



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