Bauers Depeschen


Dienstag, 18. August 2015, 1508. Depesche


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NACHTRAG/Pokal: SSV Reutlingen - Stuttgarter Kickers 0:1



LIEBE GÄSTE,

bis zum nächsten FLANEURSALON (mit der Buch-Präsentation) sind es nicht mal mehr zwei Monate: Sonntag, 18. Oktober, Theaterhaus. Mit Christine Prayon, Vincent Klink, Eva Leticia Padilla, Eric Gauhthier, Toba Borke & Pheel. Und schon wieder muss ich an den Vorverkauf denken:

Online: THEATERHAUS - Kartentelefon: 07 11/4020-720.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



SCHICKSAL

Zuletzt spazierte ich nur deshalb durch die Stadt, weil ich nach diversen Einschlägen im Rücken nicht mehr richtig stehen, liegen und sitzen konnte. Wie ein Karussell-Esel stiefelte ich am Eckensee herum. Es war noch elend heiß, und wie den Esel zog es mich zur Tränke. Vor dem Opernhaus badeten ein paar junge Männer im Schicksalsbrunnen. Das war zu der Zeit, als es hieß, die Stuttgarter Bürger trauten sich nicht mehr in den Schlossgarten, weil geflüchtete Menschen aus Osteuropa im Park kampierten.

Ich unterhielt mich eine Weile mit den Jungs, allesamt astreines Deutsch sprechende Typen, die gern in Brunnen baden, wenn es heiß ist. Einer von ihnen hatte seinen Ohrring im Wasser verloren, und ich sagte: Mann, das kann dir passieren, im Schicksalsbrunnen. Ja, sagte er, wahrscheinlich ist mein Ohrring durchs Abflusssieb gerutscht.

Wäre es nicht so verdammt heiß gewesen, hätte ich den Schicksalsbrunnen gar nicht beachtet. Ich finde es eh etwas übertrieben, dass man diese Jugendstil-Skulptur des Bildhauers Karl Donndorf der Opernsängerin Anna Sutter gewidmet hat. Gut, sie war eine große, liebeshungrige Sopranistin, aber sie hätte besser ein kühles Bad genommen, als sich auf eine Affäre mit dem Hofkapellmeister Aloys Obrist einzulassen. Musiker haben fast immer eine Macke. Kaum hatte Frau Sutter ihre Beziehung mit ihm beendet, erschoss er sie im Juni 1910 mit einer Pistole in ihrer Wohnung in der Schubartstraße im Osten. Danach brachte er sich selbst um. Zehntausend Trauergäste kamen zur Beerdigung der Diva auf dem Pragfriedhof. Eine solche Liebesleich’ hatte das Stuttgarter Opernpublikum eher selten erlebt.

1914 hat man der Sängerin zum Gedenken den Brunnen vor der Oper aufgestellt und ihn 1963 versetzt, da er sonst völlig verloren an der Konrad-Adenauer-Straße herumgestanden hätte. In Karl Donndorfs Skulptur sitzt in der Mitte die Schicksalsgöttin, daneben gibt es zwei Liebespaare. Dem Liebhaber des Paares links von der Göttin fehlt der rechte Fuß. Ein Unbekannter hat ihn irgendwann abgehackt. Mit der Affäre Sutter hatte dieses Attentat wohl nichts mehr zu tun.

Gleich neben dem Schicksalsbrunnen steht das Schiller-Denkmal, entworfen von Karl Donndorfs Vater Adolf, aufgestellt 1913. In der linken Hand trägt der Dichter eine Leier, in der Darstellung des Künstlers steigt er vom Olymp herunter. Gut, dass er inzwischen unten ist, denn seit vergangenem Jahr fehlt ihm der rechte Unterarm. Keiner weiß, wer den Schiller verstümmelt hat. Sicher ist nur, dass er den Arm nicht auf seiner Flucht aus Stuttgart verloren hat.

Bis heute habe ich nichts davon gehört, dass sich die Stuttgarter Bürger nicht mehr in den Schlossgarten trauen, seit sich dort Leute herumtreiben, die gern Gliedmaßen abhacken. Daraus schließe ich, dass sich vor dem Park vor allem Leute fürchten, die von der Stadt sowieso nur ein paar Parkhäuser kennen. So wie vorzugsweise Menschen Angst vor der Straßenbahn haben, die nie mit der Straßenbahn fahren. Großstädtisches Leben zeichnet sich ja überall auf der Welt durch eine gewisse Gelassenheit aus. Manchmal hilft bei der Betrachtung des städtischen Lebens auch eine gesunde Portion Gleichgültigkeit, sofern man dieses Wort richtig begreift. Dann kann es passieren, dass man im Park nicht mehr auf die Haut- und Haarfarbe der Menschen, sondern auf die Inschrift des Brunnens achtet: „Aus des Schicksals dunkler Quelle / Rinnt das wechselvolle Los / Heute stehst du fest und groß / Morgen wankst du auf der Welle.“ . . . und schon fehlt dir eine Elle!

Raus aus dem Park, weg von den Verstümmelten, hin zu den Neubauten. Am Zaun des Dorotheen-Quartiers, dem Einkaufsprojekt in der Nachbarschaft der ehemaligen Gestapo-Zentrale „Hotel Silber“, lese ich den Werbetext: Bei Breuninger entstehe „ein Ort, an dem sich Menschen und Marken begegnen“. Diese Botschaft nehme ich mit Gelassenheit, zumal mir die Begegnung von ­„Menschen und Marken“ gute Dialoge ­verspricht. „Ey, Armani“, werde ich sagen, „heute Morgen riecht es wieder streng nach Puma im Quartier.“ Und Armani, cineastisch gebildet, wird antworten: „Ey, Mann, heute stinkt mal nicht der Puma. Der Teufel trägt Prada.“

Erhellend auch die Mitteilung des Werbetexters, „in direkter Nachbarschaft“ des Neuen Schlosses würden „nun drei Gebäude ein völlig neues Viertel formen und die Stadt im Kern wieder verbinden“. Im Kern unserer von der Stadtautobahn tranchierten Stadt allerdings sehe ich nur eine Reklameverbindung: Als der Einkaufskomplex Das Gerber an der Tübinger Straße hochgezogen wurde, las man am Bauzaun: „Ein Ort, der die Stadt verbindet, der uns noch näher zusammenbringt.“ Wir sollen lernen: Menschen finden heute nur noch im Einkaufszentrum zusammen. Unser Schicksal heißt Rundumkonsum. Hoch die Kassen!

Es gibt weitere Parallelen im Geschäft mit „Menschen und Marken“. Zunächst hieß Das Gerber „Quartier S“. Dann kamen die Marketingstrategen auf die Idee, es könnte besser ankommen, wenn sie die Leute in der Gegend „einbinden“ – wie Verwundete. Also wählte man mit einem geografischen Taschenspielertrick als neuen Namen „Das Gerber“ – so heißt das benachbarte Traditionsviertel. Der Breuninger-Bau wiederum war ursprünglich als „Da Vinci“ geplant. Inzwischen heißt er mit Blick auf die historische Umgebung „Dorotheen Quartier“ (für die Coolen auch: „Doqu“).

Was soll’s. Ich gehe wieder in den Schlossgarten, nehme ein Bad im Schicksalsbrunnen und singe ein Lied für die Geflüchteten, die Verstümmelten und die Gemeuchelten. Und für Anna die Ballade vom Liebestod.



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