Bauers Depeschen


Donnerstag, 13. August 2015, 1507. Depesche


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NACHTRAG: FC Erzgebirge Aue - Stuttgarter Kickers 2:0



NÄCHSTER FLANEURSALON (mit Buch-Präsentation): 18. Oktober, Theaterhaus.

Mit Christine Prayon, Vincent Klink, Eva Leticia Padilla, Eric Gauhthier, Toba Borke & Pheel

Vorverkauf online: THEATERHAUS - Kartentelefon: 07 11/4020-720.



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LIED DES TAGES



"Deutschland ist im Sommer der Gipfel der Schönheit, aber niemand hat das höchste Ausmaß dieser sanften und friedvollen Schönheit begriffen, wirklich wahrgenommen und genossen, der nicht auf einem Floß den Neckar hinab gefahren ist!"

(Mark Twain, "Bummel durch Europa")



LIEBE GÄSTE,

leider hat eine neuerliche Rücken-Attacke die Kolumnen-Produktion gestoppt. Kann noch nicht lange genug sitzen ...

Stuttgarts OB Kuhn hat wieder mal, zufällig mitten im Landtagswahlkampf, einen "Masterplan" angekündigt: Diesmal will er, wer sonst, "die Stadt näher an den Neckar bringen". Dazu ein Text, den ich am 4. Juli dieses Jahres bei unserem Flaneursalon im Neckarhafen vorgelesen habe:



ALLES IM FLUSS

Heute erzähle ich Ihnen, wie alles anfing. Es war vor deutlich mehr als einem Jahrzehnt, als ich bei einem schweren Hochwasser in Stuttgart und Umgebung früh morgens zum Neckar fuhr. Der Fluss schäumte dreckig, zwei Arbeiter an der Schleuse stocherten mit Stangen in der braunen Brühe herum, sie mussten reichlich Unrat herausfischen. Von der Straßenbahn-Haltestelle Mercedesstraße in Cannstatt stieg ich die Treppen der König-Karls-Brücke hinunter. Ich wollte ans Ufer, um mehr sehen von dem Naturschauspiel, fand aber keinen Weg zum Wasser. Da merkte ich: Es gibt auf Stuttgarter Gelände kaum Zugänge zum Neckar, nirgendwo einen einladenden Weg oder gar eine Promenade. Später, bei näheren Erkundungen, stellte ich fest: Fast überall Zäune, Ketten, steile Betonufer.

Die Menschen, die in dieser Stadt etwas zu sagen haben, dachte ich mir, kennen und mögen ihren Fluss nicht. Über das gestörte Verhältnis der Stuttgarter zu ihrem Wasser hat der Schriftsteller Karl Julius Weber schon im 18. Jahrhundert geschrieben: „Stuttgart sollte eigentlich da liegen, wo das weit ältere Cannstatt liegt, am schönen Neckar; der verdammte Nesenbach verdirbt alles.“

Der Neckar ist Stuttgarts Außenseiter Nummer eins. Womöglich haben die Politiker Angst vor ihm, wie vor allem, was sich von allein, ohne ihre Befehle nach vorne bewegt. Damals, beim Hochwasser, war das nur so ein Gefühl, und es war Zeit, mich mit dem Fluss zu nähern. Als Spaziergänger und als Passagier auf einem Schiff. Einige von Ihnen erinnern sich: Dreimal haben wir die Wilhelma des Neckar-Käpt'n gemietet und mit unserer Flaneursalon-Besatzung zwischen Cannstatt und Remseck die zwei Decks des fahrenden Kahns bespielt. Und langsam lernte ich dazu.

367 Kilometer legt der Neckar von Schwenningen nach Mannheim zurück. Von Plochingen bis zum Rhein, auf den 203 Kilometern dieses seit 1968 schiffbaren Wegs, überwindet der Fluss sage und schreibe 161 Meter Höhenunterschied. Was was das für einen Fluss bedeutet, weiß der erfahrene Schiffer: 27 Mal muss ein Boot auf dieser Fahrt in die Schleusenkammer, in den Fahrstuhl der Schifffahrt. Die 161 Meter Höhenunterschied entsprechen exakt der Turmhöhe des Ulmer Münsters, und Ulm hat für uns noch nie etwas Gutes bedeutet.

Einmal bin ich mit dem vorübergehend für Passagiere umgebauten, 103 Meter langen Frachter Hanna Krieger von Plochingen nach Marbach geschippert. Schlappe sechseinanhalb Stunden, schon waren wir am Ziel und fuhren mit der S-Bahn zurück.

Früher, vor seiner Kanalisierung, war der Neckar gefürchtet, erst bei den Flößern, später bei den Schiffern. Das keltische Wort Neckar bedeutet „Der Unzähmbare“. Bevor man ihn mit seinen 600 Metern Gefälle in eine Staustufen-Treppe verwandelte, galt er als unberechenbar, als reißend-gefährlich, voller Strudel. Ende des vorigen Jahrhunderts begann man ihn zur Wasserstraße umzubauen, und bald war er nur noch eine Industrie-Kloake.

Schnell war vergessen, dass kurz zuvor noch das Baden im Neckar sehr beliebt gewesen war. Cannstatt nannte sich damals „Weltbad“, die Nazis tauften es später in „Bad Cannstatt“ um, und neben dem Mineralwasser-Vergnügen gab es Neckar-Strände, Neckar-Auen und sogar eine Neckar-Fischerei. „Wir sind eben aus Stuttgart in die frische Neckarluft von Cannstatt herübergesiedelt“, teilt der Dichter Ferdinand Freiligrath seinem Kollegen Julius Wolff im Sommer 1874 mit. Leider nützt es ihm nicht mehr viel. Keine zwei Jahre später stirbt er im Wirtshaus Alter Hasen in Cannstatt an Herzversagen; an der Gaststätte hängt heute eine Gedenktafel.

Als ich klein war, habe ich mir immer einen Fluss gewünscht. Das hatte mit Huckleberry Finn zu tun und mit der Tragik meines Lebens: Ich wurde an der Rems geboren, nur ein paar Kilometer vom Ursprung entfernt. „Rems“ bedeutet „Die Ruhende“, und dieser Name hält, was er verspricht. Hin und wieder allerdings befiehlt der liebe Gott der Rems, die Waiblinger bis zum Hals zu überschwemmen. Als Strafe dafür, dass sie auf der Stuttgarter Theodor-Heuss-Straße wieder ihre idiotischen Autorennen veranstaltet haben.

Seit 1958 hat Stuttgart einen Hafen, fast 3000 Leute arbeiten hier Tag für Tag. Der Hafen ist ein anstrengendes Stadtquartier. Wenn Kräne die Frachter mit Schrott beladen, kracht es wie im Krieg. Doch bis heute halten viele Stuttgarter den Hinweis auf ihre Hafenstadt für einen Scherz.

Der Neckar schluckt bekanntlich die Rems, und fährt man erst einmal auf seinem Wasser, ist er ein guter Freund. Im Sommer 2014 stieg ich zum ersten Mal in einen Kajak, und davon muss ich Ihnen erzählen:

Etwas wacklig, leicht misstrauisch gehe ich an Bord, drücke mit angezogenen Knien den Hintern in den Sitz, strecke die Beine aus, wie in einer Seifenkiste, bin dann halbwegs seeklar, weil meine private Bootsverleiherin so freundlich war, das Ding festzuhalten.

Wir starten unter der Cannstatter Rosensteinbrücke, neben dem Theaterschiff. Im Bauch dieses Kahns spielt man schreckliche Komödien. Was für eine Farce: ein Schiff, das nicht fährt.

Im Kajak bewege ich mich erstmals mit eigener Kraft auf dem Neckar.

Klarer Himmel, ein heißer Augusttag. Der Fluss schimmert vom nächtlichen Regen metallic-bräunlich, das saftige Grün der Büsche und Bäume am Ufer mischt sich in das Farbenspiel. Vermutlich habe ich das Paddeln nicht erfunden, immerhin aber komme ich vorwärts und habe genügend Luft herumzuschauen. Vom Neckar aus sieht die Welt anders aus als auf den Wegen fern der Ufer. Wir paddeln flussabwärts Richtung Hofen, unter den Weinbergen entlang. Respektvoller Blick nach oben, im sicheren Gefühl: Mit diesem Kerl unterm Arsch kannst du was machen.

Das Gerede, der Neckar sei zu weit außerhalb der Stadt, ist dummes Zeug. Vom Zentrum brauchst du eine Viertelstunde mit der Bahn nach Cannstatt, mit der S-Bahn keine 5 Minuten.

Alle Versprechen der Rathauspolitiker aber, die Menschen näher an den Fluss zu bringen, waren bisher nichts als hohle Wahlkampfparolen. Die Wahrheit liest man in Jan Bürgers Buch „Der Neckar – Eine literarische Reise“: „Je stärker Stuttgart als Stadt in Richtung Neckar expandierte, desto mehr verlor der Fluss seine prägende Kraft für die Landschaft.“

Bei der direkten Begegnung mit dem Fluss entstehen dennoch erregende Bilder, man begreift den Fluss als Lebensader einer einzigartigen Landschaft. Etwa siebzig Minuten sind wir unterwegs, dann weitet sich der Neckar vor dem Bootshaus des Stuttgart-Cannstatter Ruderclubs zu einem stattlichen Gewässer, einem ruhigen, friedvollen Fluss unter den Hügeln.

Unterwegs ist uns der Frachter Inka aus Neckargemünd entgegenkommen, von der Liberty des Neckar-Käpt’n – das Schiff heißt tatsächlich Liberty – haben uns Ausflügler zugewinkt, und die mutigen Ruderer in ihren pfeilschnellen Booten sind uns lachend ausgewichen, kurz bevor sie uns versenkt hätten. Solche Treffen erzeugen lustige Wellen, ich greife fester zum Paddel und erlebe, wie mich der Fluss mit einem Rap begrüßt: Gut, dass niemand weiß / dass ich Neckar heiß.

Vor dem Bootshaus des Ruderclubs gelingt es mir mit freundlicher Hilfe vom Land, dem Kajak zu entsteigen: den Allerwertesten volle Kraft voraus und irgendwie ins Grüne. Die Hosen nass vom Paddeln, der Mann erhitzt vom Wellenspiel des Flusses, vom Lichttheater der Natur. Es gibt also, habe ich unterwegs erfahren, einen schnellen Weg, dem Mief des Kessels zu entkommen. Es ist der Sommer am Neckar. Du bist draußen, weg von der Wichtigtuerstadt. ---

Doch nur halbherzig ändern die Stuttgarter ihren Neckar-Kurs. Nehmen wie den sogenannten Stadtstrand von Cannstatt. Der Oberbürgermeister Schuster, diese lebende Filz-Pantoffel, ließ vor Jahren einige Tonnen Sand, ein paar Fressbuden und geschmacklose DJs ankarren. Das ist Rathauskultur nach dem Motto: „Zwanzig Zwerge zeigen Handstand / zehn im Wandschrank / zehn am Sandstrand.“

Zu recht nennt man dieses Gelände nicht weit von der König-Karls-Brücke heute Schusterstrand. Egal. Nicht wichtig. Der OB-Nachfolger Kuhn kommt ja auch nur daher wie grünes Strandgut aus dem Geldfluss der Investoren.

Trotz der allgemeinen, trotz der parteipolitischen Umweltverschmutzung hat das Neckarwasser heute wieder bessere Qualität als behauptet. Ich kenne einen Schauspieler, der ließ jahrelang Wasserproben machen und schwamm im Neckar vor seiner Haustür zwischen Cannstatt und Hofen.

Leider werden in Stuttgart viel zu wenig Ufer mit Blick auf die Natur und die Menschen angelegt. Vorrang haben immer die Immobilien-Geschäfte, wie im sogenannten Neckarpark. Was fehlt, ist die andere, die schöne Art von Wirtschaft: Auf Stuttgarter Gebiet gibt es nur wenige Uferlokale. Meine Damen und Herren, es ist Zeit, am Neckar eine gute Bar für uns Kinder vom Fluss zu eröffnen. Und dann taufen wir sie Huckleberry Finn.



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