Bauers Depeschen


Dienstag, 07. Juli 2015, 1489. Depesche


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NÄCHSTER FLANEURSALON: Sonntag, 18. Oktober, im Theaterhaus. Mit der Buch-Premiere: "In Stiefeln durch Stuttgart - Von Komakäufern und Rebellen"



LIED DES TAGES



Die StN-Kolumne "Joe Bauer in der Stadt":



FARBEN

Das wüstenheiße Wochenende steckt mir noch in den Knochen, auch in dem hohlen Gebilde über dem Hals, das man Schädel nennt. Den Samstag habe ich am Neckarufer im Stuttgarter Hafen mit meinem Flaneursalon verbracht und lustige Sachen gesehen: Einen Surfer mit Paddel, der sich wie früher ein Tramper auf der Autobahn ein Fahrzeug herbeiwinkte, in diesem Fall ein kleines Motorboot, das ihn an den Haken nahm und mit ihm davonjagte. Nicht weit davon sprangen zwei Frauen der Besatzung des Frachtschiffs Minerva in den Neckar. Sie litten nicht an der Depression, hatten nur Bock auf ein kühles Bad. Unser Neckar ist ein guter, ein gutmütiger Kerl.

Anderntags lernte ich, dass Volksabstimmungen immer nur dann zu dulden sind, wenn sie im Sinne der Herrschenden ausfallen. Wie im Fall Stuttgart 21. Das Ergebnis anders gelaufener Wahlen, etwa in Griechenland, sind dagegen der Dummheit des Volkes zuzuschreiben. Ganz falsch wäre es in dieser Diskussion, auf Wirtschaftsfachleute zu hören, die nicht in deutschen ­Fernseh-Talkshows herumlabern und zusätzlich von einem Ökonomie-Nobelpreis korrumpiert wurden. Wie Paul Krugman und Joseph E. Stiglitz, zwei dieser typisch amerikanischen Kommunisten, die Tsipras für einen guten Mann halten.

Vollkommen daneben ist einer, wenn er von CDU, SPD usw. abweichende Betrachtungen liest, wie unsereins im Zürcher „Tages-Anzeiger“ den Essay „Die gefährlichste Idee Europas“ über die Geschichte der Austeritätspolitik. Jede Information außerhalb der staatstragenden Propaganda führt in besagtem Hohlgebilde vom Hals aufwärts zu einem Hirn, das die intellektuelle Dominanz unserer Kommentatoren nicht unbedingt als Stimme der Vernunft wertet. Sondern, wohl in Verkennung der verdrehten Tatsachen, als Zusammenspiel von Provinzialität, Arroganz und Hetze.

In den Jahrzehnten, da ich in der Stadt herumgehe, hat sie fortwährend an internationaler Farbe gewonnen. Das Blau und Weiß der Griechen war schon immer gut auf der Waldau vertreten, beim Fußball und in der Gastronomie. Stuttgarts erstes griechisches Lokal war übrigens das Pireus, 1955 von Nico Kallergis und seiner deutschen Frau Marianne an der westlichen Ecke Hasenbergstraße/Rotebühlstraße (heute Troll) eröffnet. Schon früh wurde das Restaurant ein außergewöhnlicher internationaler Ort, vor allem von 1961 an, nachdem der couragierte Staatstheater-Intendant Walter Erich Schäfer den Südafrikaner John Cranko zum Stuttgarter Ballettchef ernannt hatte – gegen viele Widerstände, Cranko war schwul. Seine Tänzerinnen und Tänzer wurden Stammgäste im Pireus, kamen auch noch lange nach dem tragischen Tod ihres legendären Direktors, Choreografen und Griechenland-Liebhabers. Cranko starb am 26. Juni 1973 mit 46 Jahren auf dem Rückflug nach einer USA-Tournee, sein Grab findet man auf dem Friedhof beim Schloss Solitude. Die Ballett-Bar Pireus, auch Treffpunkt von Fußballprofis, Journalisten und Lebenskünstlern, schloss 1989. Nicos Sohn und Wirt-Nachfolger Jürgen Kallergis starb 2010 mit 64 Jahren.

Es war eine gute Idee des Theaterhauses, sein neues Tanzfestival „Colours“ zu nennen. Das Wort Farben symbolisiert die Buntheit des städtischen Zusammenlebens und den Respekt vor den Menschen in ihrer Vielseitigkeit. Colours sagt uns viel mehr als das inflationäre, ständig gedankenlos ­gebrauchte Wort „Toleranz“ (Duldung), über das Goethe einst schrieb: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Der Direktor der ersten Tanzbiennale ist der Kanadier Eric Gauthier (Jahrgang 1977). Er steht heute in der Öffentlichkeit für eine neue, eine junge, eine sehr angesagte Farbe im Theaterhaus, während Werner Schretzmeier (Jahrgang 1944) die Erschaffung und Kontinuität dieser Kulturinstitution verkörpert.

Das Schönste für eine Bühne ist es, wenn sie in ihre Stadt hineinstrahlt. Wer am Königsbau am Schlossplatz vorbeigeht, kann diese Wirkung erkennen und sogar spüren: Die Säulen des Gebäudes sind in den Farben des Festivals gestaltet. An der Wand des Königsbaus mit seinen bunten Säulen, die in der Sonne zu tanzen scheinen, kann man auf einer Verbotstafel vor der Treppe zum Kleinen Schlossplatz Rathausdeutsch lesen: „Es ist nicht erlaubt: Beschriften, Bemalen, Beschmieren oder Bekleben von Gebäudeteilen . . .“

Manche Dinge ändern sich. Viele leider nicht. Und weil es in diesen Tagen so heiß ist, greife ich eine alte Tradition auf. Immer im Hochsommer, wenn die Menschen vor der Hitze fliehen, muss ich sie ohne jedes Mitleid auf den Boden der Tatsachen ­zurückbringen: Weihnachten steht vor der Tür. Schon bevor Eric Gauthier seine Kompanie Gauthier Dance im Theaterhaus aufbaute, hatte er regelmäßig als Sänger und Musiker bei der „Nacht der Lieder“, der Benefiz-Show unserer Zeitung zu Gunsten der Aktion Weihnachten, mitgewirkt. Längst ist er der Moderator der Gala, und damit sind wir beim Thema: Für die 15. „Nacht der Lieder“ mit ihrem farbigen, internationalen ­Programm am 8. und 9. Dezember im Theaterhaus gibt es noch Karten. Aber nicht mehr so viele, wie Sie bei dieser Hitze womöglich glauben. Greifen Sie zu, bevor Frau Merkels Sparpolitik ganz Europa in die Depression führt. Und Ihnen nur noch der Sprung in den Neckar bleibt.

Karten: THEATERHAUS und Telefon 0711/ 4 02 07 20

So, und jetzt verabschiede ich mich für drei Wochen in den Urlaub.



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