Bauers Depeschen


Sonntag, 21. Juni 2015, 1480. Depesche


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4. JULI

Für den Flaneursalon, am Samstag, 4. Juli, am Neckarufer ist noch nicht mal die Hälfte der Karten weg. Das wird noch eine harte Flussfahrt ...

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Unser Hafen-Gelände ist überdacht.



20. JUNI

Vor vier Jahren, am 20. Juni 2011, besetzten Stuttgart-21-Gegner nach ihrer Montagsdemo das Grundwassermanagement-Gelände im Schlossgarten am Hauptbahnhof. Danach gab es gegen die Aktivisten unzählige Ermittlungen und Verfahren, die zum Teil bis heute nicht abgeschlossen sind. Einige der Widerständler saßen 25 Tage in Untersuchungshaft. Am vergangenen Samstag gab es eine Solidaritätsveranstaltung für die Angeklagten des 20. Juni im Selbstverwalteten Stadtteilzentrum Gasparitsch in Ostheim.

An diesem Sonntag zeigt dier ARD einen Stuttgart-"Tatort" zum Thema S 21. Ich schaue schon lange keine "Tatort"-Folgen mehr, sie sind mir zu langweilig. Wenn man S 21 ausgerechnet in einem SWR-Krimi aufgreift, hat das einen Grund: Danach wird man den Kritikern der kriminellen Machenschaften rund um das milliardenschwere Immobiliengeschäft sagen: Ihr habt wohl zu viel "Tatort" gesehen. - Am 20. Juni 2011 habe ich bei der Montagsdemo vor der GWM-Besetzung die Schlussrede gehalten und danach heftige Vorwürfe bekommen. Das Ereignis habe ich ein Jahr später in einem Beitrag für mein Buch "Im Kessel brummt der Bürger King" erwähnt:



DER ZAUN

Nicht ohne Grund kommt der Spaziergänger oft daher, als hätte man aus seinem Pferd gerade Salami gemacht. Der Spaziergänger ist der kleine Bruder des Cowboys. Feinde des Spaziergängers sind nicht der Autofahrer oder der Radfahrer. An diese Kampfmaschinen hat er sich gewöhnt. Der Spaziergänger hat etwas gegen Zäune. Wer Herumstreunen als einen Akt der Freiheit begreift, sieht den Zaun als Symbol des Bösen.

Die Verachtung gilt in erster Linie dem Stacheldraht, einer amerikanischen Farmer-Erfindung des späten 19. Jahrhunderts. Warum der Cowboy Stacheldrähte hasst, hat uns King Vidors Western "Man Without a Star" von 1955 gelehrt. Kirk Douglas spielt einen Mann, der erlebt, wie sie den Traum von endloser Weite und Freiheit zerstören. Nach der Jahrtausendwende sollte zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko ein mehr als tausend Kilometer langer Zaun gebaut werden.

Vor allem die Deutschen haben Zäune als Vehikel der Niedertracht kennengelernt. Am 13. August 1961, sechzehn Jahre nach dem Nazi-Terror mit seinen KZ-Zäunen, begann die DDR-Regierung mit dem Bau der Berliner Mauer. Als fast ein halbes Jahrhundert später Journalisten ohne Ortskenntnisse die „Stuttgarter Republik“ ausriefen, stand in deren Hauptstadt ein Zaun. Kein Stachelzaun, ein Bauzaun aus Maschendraht. Die Deutsche Bahn und ihre Helfershelfer aus der Politik hatten ihn zur Kastration des Hauptbahnhofs errichten lassen. Er schützte die Barbaren bei der Zerstörung des denkmalgeschützten Paul-Bonatz-Baus. Im August 2010 fiel der Nordflügel. Später wurde auch der Südflügel abgehackt.

Kaum war im Sommer 2010 der Bauzahn am Bahnhof aufgebaut worden, verkörperte er mehr, als den Drahtziehern der Profitmaximierung lieb sein konnte. Die Gegner des Größenwahnprojekts Stuttgart 21eilten nicht etwa herbei, um das hässliche Stadtmöbel einzureißen. Sie nutzen es bei gesiebter Luft als Aushängeschild ihrer neu erwachten Fantasie.

Es war klar, im Monat August, der Geburtsstunde der deutschen Mauer, würden auch die Berliner Bilder in den schwäbischen Köpfen spuken. „Halt, Zonengrenze!“, stand auf einem Schild am Bauzaun, „Sie verlassen den demokratischen Sektor der Stadt Stuttgart.“ Binnen kurzer Zeit war der Zaun mit Zeugnissen erstaunlicher Kreativität behängt, ihre Botschaften oft politischer als einst die Lackmeiereien der Berliner Mauer-Sprayer („Schade, dass Beton nicht brennt“).

Neben Brecht und Gandhi, Jesus und Maria hatte in Stuttgart naturgemäß der Kalauer seinen großen Auftritt. Auf der Saustelle, Teil der Bahnanenrepublik, herrschten die Gesetze der TaliBahn, und beim Blick auf den geplanten Tiefbahnhof lautete die erste Lebensregel: „Oben bleiben – Unter die Erde kommen wir noch früh genug.“

Der ideenreich behängte Zaun wurde eine Touristentattraktion, besonders gefiel er als Galerie des Lügenpacks, angeführt vom Regierungschef Mappus, dem fülligen Paten der Mappia. Wie überheblich und einfältig die Machtbacke von Mühlacker operierte, brachte eine Kabarett-Sendung im ZDF ans Licht. Der Ministerpräsident hatte die SPD im Landtagswahlkampf 2011 mit einem Zirkus-Lama in der Fußgängerzone verglichen: Mitleid erregend und im Weg stehend, wie ein Zaun. Diesen Gag hatte ihm nicht wie sonst sein Vormund aus der Investmentbanker-Branche diktiert. Diesmal hatte er seinen Spruch bei dem Komiker Erwin Pelzig gestohlen. In seiner Show führte Pelzig vor, wie stümperhaft Mappus die Lama-Nummer am Rednerpult spielte.

Politischer Stil war längst begraben, als der Bauzaun stand. Ende 2011 stellte das Stuttgarter Haus für Geschichte den zerlegten Bauzaun im Museum aus. Dahinter steckte das Kalkül, der Protest lasse sich nicht nur als Zeitgeist- und Event-Stoff ausschlachten, sondern auch für beendet erklären. Da zuvor die manipulierte Volksabstimmung stattgefunden hatte, sollten die Unbedarften glauben, der Protest sei in der Abstellkammer der Geschichte gelandet. Verräterischer Titel der Schau: „Dagegen leben?“. Diese Frage entsprach der politischen Meinungsmache, bei den Protestbürgern handle es sich um die üblichen „Fortschrittsverweigerer“.

Mein eigenes Zaun-Erlebnis hatte ich am 20. Juni 2011. An diesem Tag war ich als Schlussredner bei der Montagsdemonstration am Hauptbahnhof eingeteilt. Einleitend erinnerte ich daran, dass am 20. Juni 1933 Clara Zetkin gestorben sei, eine große Demokratin, die viele Jahre in Stuttgart gelebt habe, erst in Sillenbuch, dann in der Blumenstraße. Früh schon habe diese Frau begriffen, wo die Politik der SPD einmal hinführen werde: zu Sozenspießern wie Drexler, Schmiedel, Schmid . . .

Kurz vor dem Tag meiner Rede war der 14. Juli 2011 als Datum für die Veröffentlichung der sogenannten Stresstest-Ergebnisse für S 21 ausgerufen worden. Der 14. Juli als Erntedankfest des Schlichtungsheuchlers Geißler, einem oft gewürdigten Zaun-Gast der Lügenpack-Galerie, und so wählte ich als Schlusspointe meiner Rede wieder einen historischen Schlenker. Wenn ich richtig informiert sei, sagte ich, hätten die Bürger von Paris an einem 14. Juli beim Sturm auf die Bastille eine Tat vollbracht, die ganz Frankreich bis heute mit einem Feiertag zu würdigen wisse.

Ich war bereits auf dem Weg nach Hause, als die Nachricht kam, Unbekannte hätten den Bauzaun gestürmt und Rohre für das „Grundwassermanagement“ der Baustelle beschädigt. Ferner habe es ein Gerangel mit einem bewaffneten Zivilpolizisten gegeben. Der Beamte sei „schwer verletzt“ worden. Zwar saß er, wie man wenig später auf Videos sehen konnte, nach dem Kampf telefonierend im Auto und verließ nach Aussagen seiner Kollegen am nächsten Morgen bei guter Gesundheit das Krankenhaus. Dennoch wurde lange die Mär verbreitet, man habe ihn „halb totgeschlagen“. Die wie stets auf dem rechten Auge objektive Staatsanwaltschaft ermittelte wegen „versuchter Tötung“. Prompt wurde ich wegen meiner Bastille-Bemerkung im Internet als „Mitverantwortlicher“ und „Brandstifter“ beschuldigt. So etwas ist üblich in einer Stadt, von der es heißt, sie sei geteilt.

Da aber am Tatort Zangen zu sehen waren, gehe ich bis heute davon aus, dass sich die Rohrsoldaten ihr Werkzeug schon vor dem Schlusssatz meiner Rede besorgt hatten. Der nächste Obi nämlich liegt etliche Kilometer entfernt. So war es an diesem 20. Juni wohl ein anderer Agent als ich, der beweisen wollte: Auf dem Weg zur Freiheit ist mein Freund, der Zaun, kein Hindernis.

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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