Bauers Depeschen


Samstag, 13. Juni 2015, 1475. Depesche


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Die aktuelle StN-Kolumne "Joe Bauer in der Stadt":



AUF DEM PAUSENHOF

Die Zeiten sind unruhig, die Aussichten mies. Es war überfällig, mich um meine Zukunft zu kümmern. Bei Turbulenzen geht der Mensch am besten nach Süden. Von der Altstadt, meinem zentralen Heimathafen, weiter ins Heusteigviertel. Die Luft stand still an diesem Junitag, ich war vom Marktplatz in die Leonhardsvorstadt gekommen.

Auch der Paternoster im Rathaus bewegte sich nicht. Bekanntlich hat die Regierung der mächtigsten Frau der Welt ein Sicherheitsrisiko bei Paternostern ermittelt, und im Fall Stuttgart hat das durchaus seine Gründe. Der Umlaufumzug, wie wir Fahrstuhl-Fachleute sagen, gilt in Kuhns Rathaus als letzter Ort politischer Transparenz: Man kann sehen, wer mit Gewalt zum Sprung nach oben ansetzt, und man schaut zu, wer politisch zerstört so weit unten ankommt, dass es bis zur letzten Tieferlegung nicht mehr weit sein kann.

Auch ohne Paternoster ist das Rathaus ein lustiger Ort für Ein- und Aussteiger. Weil der Stadtrat Hannes Rockenbauch vom parteifreien Bündnis SöS auf der Liste der Linken für den Landtag kandidiert, wirft ihm die Abgeordnete Muhterem Aras vor, er sei als Parteienkritiker „nicht konsequent und den Wählern gegenüber nicht ehrlich“. Frau Aras muss es wissen: Als Grüne gehört sie zu einem Verein von Ministern, Bürgermeistern und anderer ehrlicher Ehrenmänner, die konsequent alles machen, wenn sie dafür ihren Dienstwagen behalten dürfen. Das muss man verstehen, wenn der Paternoster nicht mehr fährt.

Wie gesagt, es herrschen unruhige Zeiten. Im Fahrstuhl des Lebens geht es auch für den Ehrlichen schneller zum Schafott, als er denkt. Der Zustand meines Unterbewusstseins spielte sicher eine Rolle, als ich nach meiner Heusteigviertel-Tour an der Markuskirche und dem benachbarten Friedhof landete. Am Gotteshaus hängt noch die Fahne des vergangenen Kirchentags. Ich ging nicht durchs Tor.

Es war das Gefühl meiner Endlichkeit, das mich gegenüber in die Markus-Buchhandlung führte, Filderstraße, Lehenviertel. Frau Doris Siegle, 71, führt den 65 Jahre alten Laden seit 1981. Das ist eine Menge Holz, denkt man an die vielen Bücher, die durch ihre Hände gingen. Frau Siegle hat eine kräftige, angenehme Stimme und wie unsereins ein Verhältnis zum Papier. Trotz der ständigen Herumspielerei auf Laptop, Tablet und Smartphone verschafft mir Papier bis heute einen besseren Zugang zum Inhalt eines Textes als der Bildschirm, so wie mir die Vinyl-Platte ein intensiveres Gefühl für die Musik gibt als der Computer. Viele Leute nennen diese -Haltung altmodisch, vor allem jene, die nie zu einer zeitgenössischen oder gar zukunftweisenden Kunst vorgedrungen sind. Helene Fischers Computer-Brei ist ja auch was.

Als alternder Papiertiger meiner Endlichkeit bewusst, kaufte ich mir bei Frau Siegle den „Stuttgarter Friedhofsführer“. Friedhöfe sind nicht nur Ruhestätten für die Toten. Friedhöfe sind Pausenhöfe für die Lebenden. Bei mentalen Turbulenzen in der aufgeheizten Stadt gibt es kaum bessere Spaziergänger-Oasen als Friedhöfe. Zum angenehmen Klima gesellt sich eine heilsame Stille für unsere von der Dauerbeschallung verletzten Gehörgänge. Und Friedhöfe erzählen gute Geschichten.

Aus Frau Siegles kleinem Bücherreich rüber zum Fangelsbachfriedhof, Eingang Cottastraße. Auf diesem Totenacker liegt der Industrielle und Wohltäter Gustav Siegle (1840 bis 1905). Das nach ihm benannte Haus im Leonhardsviertel ist heute zu großen Teilen ein kulturelles Totenhaus, in dem die Stuttgarter Philharmoniker üben. Die Bürger müssen draußen bleiben wie die Hunde auf den Friedhöfen. Zum Glück macht in Nebenräumen des Sieglehauses der Jazzclub Bix Musik fürs Publikum. Und zum Glück herrscht nicht weit davon, im Rondell vor der Unterführung zwischen Leonhardsviertel und Schwabenzentrum, endlich wieder Leben: Das asiatische Restaurant Breitengrad 17 bietet gutes Essen, nebenan bringt der Club White Noise neuen Sound in die Stadt. Die Leute dieses Ladens wollen gegenüber auch bald das frühere Litfaß (zuletzt Mayer’s Lounge) bespielen. Prima. Das bläst den Geruch des Todes und der Pisse aus dem Betonloch.

Auf dem Fangelsbachfriedhof ruhen nicht nur Kulturgrößen wie der Philosoph Immanuel Hermann von Fichte oder die Theater- und Filmschauspielerin Maria Koppenhöfer („Der Berg ruft“). An diesem wunderbaren Erholungsort hat auch das Zweirad-Genie Anton Kreidler (1863 bis 1942) seinen letzten Boxenstopp eingelegt. Als ich pubertierte, war jeder Sechzehnjährige mit einer „Kreidler Florett“ nicht nur tempomäßig weit vorne. Die Kreidler kürte selbst unscheinbare Pfeifen zu Dorfkönigen und Frauenhelden. Als junger Mensch konnte ich mir keine leisten. War wohl besser so. Womöglich läge ich längst auf einem weniger noblen Gebeinsacker als dem Fangelsbachfriedhof. Aber das spielt heute keine Rolle mehr. Der alte Papiertiger mit dem Friedhofsführer unterm Arm nimmt die Dinge, wie sie kommen.



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