Bauers Depeschen


Dienstag, 09. Juni 2015, 1473. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

meine Appelle und Bitten auf dieser Seite, den Vorverkauf für den Flaneursalon am 4. Juli im Neckarhafen ein wenig anzukurbeln, sind vergangene Woche leider mal wieder so gut wie ungehört verhallt. Seltsam bei den vielen Leuten, die hier täglich klicken.

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Unser Hafen-Gelände ist überdacht.



Die aktuelle StN-Kolumne "Joe Bauer in der Stadt"



ALS WINNETOU IN POLIZEIUNIFORM FLÜCHTETE

Es war schwül am Sonntag, der Kirchentag ging zu Ende, und die Heuchler suchten noch mal Gottes Ohr. So wie der Abgeordnete Kaufmann, der als schwarzer Streiter für die Schwulen-Rechte gern den modernen Stadt-Politiker gibt, ansonsten aber die übliche Parteienleier herunterbetet: Es sei falsch, wenn wie auf der Demo gegen S 21 der Kirchentag „für politische Themen instrumentalisiert“ werde. Als ob es eine „unpolitische“ Kirche gäbe, als ob die Merkels und Steinmeiers fürs Vaterunser nach Stuttgart gekommen wären.

Parteisoldaten und Gottes Kinder waren noch zugange in der Stadt, da war der Häuptling der Apachen schon tot. Ich stiefelte an diesem denkwürdigen Tag unentschlossen in der Stadt herum, bis ich am Stöckach hängen blieb. Der einstige Kiosk am Platz hat sich vor einiger Zeit in eine mit Brause-Reklame tapezierte Imbissbude verwandelt. Daneben bietet Widmayer günstige Gerichte an: „Die Metzger seit 1895“ steht auf dem Schild. Seinen 120. Geburtstag feiert der Laden in der Nachbarschaft eines traditionsreichen Geschäfts mit einem im heutigen „Haarlekin“- und „Hairforce“-Delirium unschätzbaren Namen: Friseursalon Härle.

Wie gesagt, der Häuptling der Apachen war tot, überall konnte man die Meldungen darüber lesen, wenn auch selten die wichtigste: Winnetou, wie wir ihn vom Kino und Fernsehen kennen, hat das Scheinwerferlicht der Welt in Stuttgart erblickt.

Am Stöckach geht es die Hackstraße bergauf, und wie so oft blieb ich ehrfürchtig vor der Bauruine mit den Balken stehen. Versuche der Stadt, das seit Ende der neunziger Jahre leer stehende Haus zu erwerben, waren schon 2005 gescheitert, Baupläne wurden später nicht genehmigt. Immer wieder war zu lesen, das verwahrloste Gebäude mit den vielen Plakaten an der Fassade sei ein „Schandfleck“.

Für mich verkörpert die Ruine ein Stück Stadtgeschichte. Schandflecken sind die vermeintlich „modernen“ Glas- und Betonklötze der Architektur­Verräter. Das Gebäude in der Hackstraße wird zurzeit ausgebeint und demnächst abgerissen. Ein neues Wohnhaus ist geplant, und der Tod des 86 Jahre alten Winnetou-Darstellers Pierre Brice erinnerte mich noch einmal an die Vergangenheit der Abbruchstätte.

Bis 1966 residierten in dem Haus die Schauburg-Lichtspiele. Der Kino-Unternehmer Walter Behringer war 1953 mit seiner 1946 im Schlachthof eröffneten Schauburg in die Hackstraße umgezogen. Der Stadthistoriker Ulrich Gohl ist sich nicht sicher, ob die Schauburg je einen Karl-May-Film gezeigt hat. Er selbst hat als Junge Winnetou und Old Shatterhand nur im Ostend­Kino (Ostendstraße 68) gesehen. Die Lichtspiele am Stöckach galten ein wenig als Schmuddel-Kino. Alte Ostler erinnern sich aber auch an die legendären „Fuzzy“-Western in der Schauburg. Ohne sie hätte es Ehrentitel wie „Reklamefuzzi“ oder „Pressefuzzi“ nie gegeben. Udo Lindenberg hat in einem Lied den Cowboy-Kauz gewürdigt: „Das einzig Starke an dir ist deine Moto Guzzi / aber sonst bist du ja so ein Fuzzy . . .“ Nach dem Ende der Schauburg zog das Tanzlokal Gutshof in das Gebäude ein. In dem Schuppen voller Heimatkitsch wurden viele Damenherzen gebrochen. Schuld war nicht nur der Bossa Nova.

Ohne meinen Stöckach-Spaziergang wäre mir wohl kaum eines der größten deutschen Kino-Kapitel wieder eingefallen: Der allererste Karl-May-Film, „Der Schatz im Silbersee“, wurde am 12. Dezember 1962 in Stuttgart uraufgeführt, im Universum in der Unteren Königstraße, wo heute der Kaufhof steht. Der Saal bot tausend Gästen Platz. Das Universum war bereits 1930 eröffnet worden, mit Schnürboden-Bühne, Orchesterraum und Orgel. Im Krieg wurde es teilweise zerstört, danach erst von Willy Colm mit einem kleinen, 1952 von den Eugen-Mertz-Betrieben mit einem großen Saal weitergeführt. Neben Filmen präsentierte das Universum auch Jazz: 1952 gab hier Louis Armstrong sein Stuttgart-Debüt, vier Jahre später trat Miles Davis auf – mit dem Rücken zum Publikum, ein Skandal.

1962 dann die Uraufführung von „Der Schatz im Silbersee“. Lex Barker als Old Shatterhand, Pierre Brice als Winnetou, Ralf Wolter als Sam Hawkins. In weiteren Rollen: Götz George, Karin Dor, Marianne Hoppe. Regie: Harald Reinl. Die grandiose Filmmusik hat Martin Böttcher komponiert.

Zu den Stargästen der Universum-Premiere gehört Pierre Brice, und 1962 hat das Popstar-Fieber auch Stuttgart erreicht: Als der Taxifahrer Monsieur Winnetou, zuvor noch ziemlich unbekannt, zum Universum chauffiert, verpassen junge, von der schönen Filmrothaut erregte Damen seinem Auto etliche Beulen. Später erzählt Pierre Brice: „Ich konnte nicht vom Kino weggehen. Ein Polizist hat mir seine Uniform gegeben.“

Damit ist der große Stuttgarter Anteil an der Geschichte der Karl-May-Filme noch nicht beendet. 1911 traf sich im noblen Hotel Marquardt am früheren Bahnhof in der heutigen Bolzstraße der viel gelesene, aber nach jahrelangen Verleumdungen und Prozessen ziemlich abgehalfterte Schriftsteller Karl May mit dem jungen Juristen Dr. Euchar Albrecht Schmid. Karl May war schon oft zuvor in Stuttgart gewesen, die Druckerei Felix Krais in der Rotebühlstraße hatte dreiunddreißig seiner im Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld erschienenen Bände produziert. Beim Marquardt-Meeting gelang es ihm, den Juristen zur Gründung des Karl-May-Verlags in Radebeul zu überreden. Hätte sich Herr Schmid – ein Jahr vor dem Tod des Schriftstellers – nicht auf dieses Risiko eingelassen, wäre Karl Mays Werk womöglich verramscht und nie verfilmt worden. Unvorstellbar. Bis heute bin ich froh um jeden roten Bruder.





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