Bauers Depeschen


Samstag, 23. Mai 2015, 1464. Depesche


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ES IST SO WEIT:

Joe Bauers Flaneursalon

beim 3. Stuttgarter HAFEN-PICKNICK

Große Samstagsshow am wilden Neckarufer mit:



Ginger Redcliff - die Indie-Königin

The Tremolettes - die beste Band der Welt

Wiglaf Droste - der Poet und Entertainer

Ekkehard Rössle Duo – All that Jazz

rahmenlos & frei - der Chor der Vesperkirche

Joe Bauer - der Levitenleser



SAMSTAG, 4. JULI

Picknick-Gelände mit Grill, geöffnet ab 16 Uhr

Showbeginn: 18.45 Uhr Uhr

Neckarhafen, 70327 Stuttgart

Stahlbau Heil, Mittelkai 12 -16

Anfahrt über B 10, Ausfahrt Hedelfingen

Siehe: STAHLBAU HEIL

VORVERKAUF: MUSIC CIRCUS - Kartentelefon: 07 11 / 22 11 05

Unser Hafen-Gelände ist überdacht



LIED DES TAGES



Heute im StN-Sportteil (mit Fotos von Julia Rahn, die man hier nich sehen kann):



ZWISCHEN WEIHRAUCH UND BRATWURST

Wo sich das Schicksal des VfB Stuttgart entscheidet - Eine Annäherung an Paderborn

Von Joe Bauer



Es ist irritierend ruhig im Paderquell-Gebiet am Flussufer. Hoch über dem saftig-grünen Park ragt die Turmspitze des Doms in den wolkigen Himmel. Der Fremde, auch ohne Orientierungssinn wie unsereins, ist in dieser Stadt nie auf dem Holzweg oder gar verloren. Die Menschen sind zugänglich, auffallend freundlich, nie auch nur ein Ansatz von Ablehnung, wenn der Agent aus Stuttgart lästige Fragen stellt. Gleich nach meiner Ankunft ziehen die Truppen des Bürger-Schützenvereins an mir vorbei, gefeiert wird der Gründungstag anno 1831. In diesem, ich darf guten Gewissens sagen: malerischen Ort mit seiner tröstlichen Überschaubarkeit entscheidet sich an diesem Samstag das Schicksal des VfB.

An der historischen Rathausfassade hängen Fahnen: „Paderborn ist erstklassig“. Neben dem benachbarten Dom, in einem Gebäude des Paderborner Erzbistums, arbeitet der bischöfliche Pressesprecher. Keiner im weltweiten PR-Geschäft besitzt einen besser auf sein Produkt abgestimmten Namen als er. Der Mann heißt Ägidius Engel. Spätestens seit der in Paderborn geborene Kabarett-Star Rüdiger Hoffmann ganze Shows mit fünf Silben füllt („Ja, hallo erst mal . . . “), wird der ostwestfälischen Stadt zwar die Erfindung der Langsamkeit zugeschrieben. Dennoch fürchtet Ägidius Engel jetzt den härtesten Stress seiner Kirchenkarriere: An diesem Samstag wird Erzbischof Hans-Josef Becker drei Diakonen im Hohen Dom zu Paderborn das Sakrament der Priesterweihe spenden, und nur wenig später tritt der SC Paderborn 07 gegen den VfB an. Weil sämtliche Frauen und Männer aus Engels Team SC-Dauerkarten besitzen, beten sie seit Tagen, es trotz Priesterweihen rechtzeitig zum Spiel zu schaffen – in den Stadtteil Schloss Neuhaus, wo Pressefotografen neben dem Stadion gern mal weidende Kühe als Botschaft an die Welt ablichten: Achtung, Provinz! Bis heute kursiert, mit Blick auf eine doppelt so große Westfalen-Stadt und die katholische CDU-Hochburg, die spöttische Steigerungsformel: „Schwarz – Münster – Paderborn“.

Dieses Klischee stört die Menschen in der Stadt mit ihrem 1200 Jahre alten Bistum in der Nähe von Bielefeld nur bedingt. Was man vorschnell als Betulichkeit wertet, stellt sich bei näherem Hinsehen als Gelassenheit heraus, als sympathische Coolness, gewachsen zwischen katholischen Reliquien und dem weltgrößten Computer-Museum Heinz Nixdorf. Als ich den Schauspieler Max ­Roland vom Ensemble des neu gebauten Stadttheaters nach dem Lebensgefühl frage, sagt er: „In dieser Stadt der Stille gibt es eine spirituelle Energie.“ Wohl deshalb sind die Ostwestfalen nicht nur auf dem Fußballplatz für Wunder gut. Die Stadt prosperiert und ist potent. Für das Wachstum Paderborns sind nicht nur 20 000 Studierende an der Uni, viele Zugezogene und Eingemeindungen verantwortlich, sagt der Rathaus-Sprecher Jens Reinhardt. Vielmehr errechnete man einen in Deutschland heute seltenen Geburtenüberschuss: Es werden mehr Babys geboren, als alte Menschen sterben. Der Zeugungsfleiß könnte mit dem Nachtleben zu tun haben: Clubs und Discos sind rar.

Seit 1975 ist die Einwohnerzahl Paderborns von 100  000 auf 140  000 gestiegen. Paderborn ist offiziell nordrhein-westfälische Großstadt. Mit diesem Status, sagt Engel, gehe man vorsichtig um. Wichtigste Werte zwischen Tradition und High Tech seien nach wie vor „Zuverlässigkeit und Bodenständigkeit“. 300 IT-Firmen haben sich an der Pader niedergelassen. „Wirklich verändert aber“, sagt Engel, „hat die Stadt der Fußball.“ Seit der SC Paderborn vor dieser Saison als krassester Außenseiter der Geschichte in die erste Liga aufstieg, habe sich das Gemeinschaftsgefühl unter den Bürgern verstärkt. Engel muss es wissen: Angesichts ihrer dramatisch schrumpfenden Mitgliederzahlen suchen die katholischen Würdenträger wie nie zuvor den Dialog mit den Bürgern. Zeitgeistmotto: „Bunte Kirche“.

Das Gemeinschaftserlebnis Fußball öffnet Türen, und Paderborns Erzbischof hat das Aufstiegswunder des Clubs mit seinem läppischen Etat von 15 Millionen Euro (VfB: 90 Millionen) nicht nur der Christenwelt erklärt. Er war auch gerngesehener Gast in den Sportsendungen des Fernsehens. Das Ereignis erste Liga stellte sogar Paderborn größtes Event, das Volksfest Libori, in den Schatten. Benannt nach dem heiligen Liborius, dem Schutzpatron der Stadt, lockt die neuntägige Sommer-Kirmes mit ihrer „Mischung aus Weihrauch und Bratwurst“ (Engel) jährlich 1,5 Millionen Besucher, darunter Kirchengäste aus aller Welt, an. Überregionale Medienresonanz aber bringt nur der SCP. „Das stärkt das Selbstbewusstsein der Stadt“, sagt Engel. War es vor Jahren noch Pflicht, dem Schützenverein anzugehören, ist es heute ein Muss, sich mit dem SC Paderborn zu solidarisieren. Rathauspolitiker und Geschäftsleute erkannten rasch die Werbekraft ihrer Fußballer und starteten nicht nur zu Hause Kampagnen. Vor dem Spiel auf Schalke beglückten sie den Gegner mit dem Motto „Köpfchen statt Kohle“. Ihren Müllautos verpassten sie den Slogan „Wir halten unseren Kasten sauber“, auf den Ausgehmeilen dominiert der Slogan „Lass mal erstklassig bleiben“.

Viele Dinge in Paderborn sind nach dem Fluss benannt. Der Bowling-Club etwa, der Kletterpark, die Verkehrsader. Und überall, wo Pader draufsteht, ist der Pater nicht weit. Selbst die einschlägigste Fußballkneipe der Stadt heißt bibeltreu Ölberg. Obwohl der Wirt Ralf Selle den Laden erst seit kurzem führt, darf er sich „offizieller Fanclub des SC Paderborn“ nennen. Man hat ihm nicht vergessen, wie er in der viel beachteten ARD-Doku „Das Wunder von Paderborn“ hemmungslos Freudentränen weinte. Ralf Selle schwärmt von der Bodenhaftung der Spieler: „Die wissen, wo sie herkommen.“ Und nie zuvor, sagt er, habe er einen so sympathischen Trainer erlebt wie André Breitenreiter.

Es stört ihn nicht mal, dass Coach und Profis vorzugsweise bei der Konkurrenz einkehren, in der Cocktail-Bar Hemingway’s. Dieses Lokal bedient standesgemäß auch die Gäste bei Heimspielen im VIP-Zelt ­„Hermann-Löns-Lounge“. Nach dem kriegsbegeisterten Heimatdichter und Schützen Löns hatte man schon das frühere Stadion mit seiner Hochspannungsleitung über dem Spielfeld getauft, ehe 2008 die Benteler-Arena für 15 000 Besucher eröffnet wurde. Die Benteler AG, ein Unternehmen für Automobilzubehör und Maschinenbau, ist einer der größten Arbeitgeber Paderborns. Neben der Arena steht das Möbelhaus des SC-Präsidenten Wilfried Finke, es wirkt mächtiger als das Stadion.

Überall herrscht fast beängstigende Harmonie, wenn es um den SC 07 geht. In der Kneipe Deutsches Haus bin ich mit dem Busfahrer Andreas Willike, 47, und dem Mechaniker Lothar Finke, 43, verabredet, beide Mitglieder des Vorstadt-Fanclubs Borchener 07 Paderholics. Eigentlich hätten sie die Hoffnung auf den Klassenverbleib schon aufgegeben, sagt Andreas. Als ich etwas verdutzt schaue, kommt die Erklärung: „Auf Schalke war noch nie Verlass.“ Schalke müsste bekanntlich in Hamburg punkten, um Paderborn im Fall eines Siegs gegen den VfB zu retten. In Paderborn, sagt Lothar, herrsche „familiäre Atmosphäre“: kein Ärger, keine Krawalle, kaum Ultras. Sie erinnern sich an das Auswärtsspiel beim VfB im vergangenen Dezember (0:0), an schöne Stunden auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt, und irgendwie wäre ein VfB-Sieg nicht der Weltuntergang. „Ohne Abstieg“, sagte Andreas, „kannst du keinen Aufstieg feiern. Versteht du das?“ Ja, keine Frage.

Anderntags geht es hinaus aus der Ruhe der Innenstadt in die überwältigende Stille der Natur, in den Haxtergrund, wo sich in der Ferne viele Windräder drehen. Im 150 Jahre alten Landgasthaus Weyher wartet der Paderborner Schriftsteller und Kabarettist Erwin Grosche mit seinem Terrier Milik, benannt nach einem polnischen Fußballprofi. Grosche ist ein eigenwilliger, poetisch-schräger Künstler: Einer, der ständig verblüfft. Wer Paderborn kennenlernen will, sagt er, muss bei den Wehyers einkehren, wo es Apfelkuchen mit Schlagsahne nach einem 150 Jahre alten Rezept gibt. Über seine Heimat schreibt er: „Manch einer, der woanders gemobbt und nicht geduldet wird, läuft hier zu großer Form auf. Der ganze SC Paderborn 07 fand sich so zusammen und reifte zu einem Spitzenteam.“

Grosche sagt, er könnte nirgendwo anders leben. „Paderborn ist eine Stadt, wo man immer Zeit hat für sich selbst. Man hilft sich gegenseitig, jeder scheint jeden zu kennen.“ Dann erklärt er mir „das ostwestfälische Mysterium“: warum die drei legendären Hasen mit ihren nur drei sichtbaren Löffeln in Paderborns Domfenster die Magie des Minimalen verkörpern. Weshalb der typisch Ostwestfalen-Dialog alles über das Land sagt: „Na, alles klar?“ – „Ja, klar.“

Am Abend, als die Fotografin Julia und ich aus einem Lokal auf die Laden- und Kneipenmeile Kamp hinausgehen, stolpern wir beinahe über zwei Männer, die sich gerade eine Zigarette angezündet haben. Einer von ihnen ist Paderborns Trainer André Breitenreiter. Ungern spreche ich ihn an. Er sagt: „Paderborn ist eine gemütliche Stadt, schauen Sie sich um, aber verstehen Sie bitte, dass ich gerade privat unterwegs bin.“ Ja, klar, sage ich, und wir verschwinden.



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