Bauers Depeschen


Dienstag, 05. Mai 2015, 1457. Depesche


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AN DIESEM MITTWOCH IN DER ROSENAU

Es gibt noch Karten: Schade, liebe Homepage-Besucher, der Saal wird wohl nicht voll.



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Die aktuelle StN-Kolumne:



STOSSGEBETE

Unterhalb der Staatsgalerie an der Wand lang, ich liebe diese Strecke an der Stadtautobahn. Wo sonst findet man eine Museumsmeile, vor deren Haustüren man so große Chancen hat, von einem vorbeirasenden Auto in die Hölle befördert zu werden. Irgendwo an der Mauer meiner Lieblingsstrecke las ich eine sehr schön angebrachte Inschrift: „Reicher Mann und armer Mann / standen da und sahn sich an. / Und der ­Arme sagte bleich: / Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

Diese Zeilen stammen von Bertolt Brecht, sie werden gern zitiert, wenn es um die Schere in unserer Gesellschaft geht. Ich fotografierte sie mit meinem Taschentelefon und trug sie eine Weile mit mir herum. ­Neulich verbreitete ich das Wandbild auf Facebook, wo die Leute mithilfe eines „Gefällt mir“-Klicks ihre Sympathien bezeugen können. Zu meiner Überraschung gab es große Zustimmung, so viel wie in meinem Fall nur selten. Brecht hat das Gedicht während des Zweiten Weltkriegs geschrieben, heute trifft es auch ohne Krieg im eigenen Land den Nerv.

Das Taschentelefon ist im Lauf der Zeit mein zweites Notizbuch geworden. Die Möglichkeit, überall sogenannte Fotos zu knipsen, erspart mühevolle Kritzeleien und senkt die Fehlerquote beim Zitieren. Auf dem Marktplatz fotografierte ich ein Transparent, das an der Rathauswand als weithin sichtbares Dokument der strikten Trennung von Staat und Kirche hängt: Es kündigt den Deutschen Evangelischen Kirchentag Stuttgart an. Erschrocken stellte ich fest, dass schon in vier Wochen der Christen­Zirkus beginnt, und das heuer ohne Neros Löwen. Der Streik der tapferen Lokomotivführer wird bis dahin wohl beendet sein, weshalb wir mit reichlich pünktlich ankommenden Kreuz-Zügen rechnen müssen.

1999 war schon mal Kirchentag in Stuttgart. Ich erinnere mich an Armeen herumziehender Rucksäcke, die einem bei der geringsten Unachtsamkeit in der Straßenbahn den Knockout verpassten. Hatte man mit etwas Glück den Zug unversehrt verlassen, geriet man in Geschwader singender Glockenröcke, die mir weit mehr Furcht einflößten als das zeltartige Frauengewand zur Verrichtung des verdeckten Geschlechtsakts in der berühmten Anfangssequenz der „Blechtrommel“.

Überhaupt wurde beim Kirchentag die Rudelbildung zum Hauptproblem in der Stadt. An jeder Supermarktkasse konnte es einem passieren, in dissonante Chor­Darbietungen aus heiterem Himmel zu geraten. Um lebend zu entkommen, blieb einem nichts anderes übrig, als mitzusingen, im Notfall playback. Die Christenmenschen waren in der Stadt so unausweichlich präsent wie sonst nur der Feinstaub, die Korruption und Christoph Sonntag.

Laut Rathaus-Transparent präsentiert uns der Kirchentag vom 3. bis zum 7. Juni zweitausend Veranstaltungen. Ich weiß nicht, ob ich die alle schaffen werde, auch wenn es die Dauerkarte schon für fromme achtundneunzig Euro gibt. Für dieses Geld komme ich keine siebenmal ins Bad Berg, wo ich mich Woche für Woche einer ganz und gar unheiligen Katharsis in der Männersauna unterziehe. Wenn zwischen unseren schwitzenden Sünderleibern Gott ins Spiel kommt, dann immer nur als Fluch auf den VfB und auf Stuttgart 21.

Die Evangelische Kirche hat bereits 2011 verkündet, die Kirchentagsstadt Stuttgart habe „im Streit um das Projekt Stuttgart 21 neue Formen offener und öffentlicher Debatte erlebt“. In diesem Kontext habe man die Einladung „besonders gern“ angenommen. Als neue Form „offener und öffentlicher Debatte“ haben einige Protestanten womöglich die brutale Wasserwerfer-Offensive gegen die Protestierenden am Schwarzen Donnerstag 2010 im Park gewertet. Beim Kirchentag gibt es am 6. Juni eine von kritischen Theologen mitorganisierte Demonstration gegen S 21 vor dem kaputten Bahnhof, dem Symbol unseres von Größenwahn und Profitgier gesteuerten Himmelfahrtkommandos.

Eine weitere bemerkenswerte Veranstaltung findet am 5. und 6. Juni in der Altstadt statt: das Straßenfest mitten im Rotlichtquartier. Das Leonhardsviertel, heißt es im PR-Text des Kirchentags, sei „die (heimliche) Seele der Stadt“. Was für eine späte Wertschätzung unserer heiligen Huren. Welch freudianischer Blick auf den Kern der schwäbisch-pietistischen Psyche. Der Herr erhört des Spießers Stoßgebete.

Angesichts der wahren Seele Stuttgarts und der vielen Flüchtlinge in Not würde Bert Brechts eingangs zitierter Vierzeiler vom reichen und vom armen Mann gut zu einem Christen-Festival passen. Geschäftstüchtig, wohl auch die geistig Armen vor Augen, hat man lieber einen Psalm-Auszug als Hinweis auf das erfolgreichste Dienstleistungs-Angebot der Kirchen gewählt: Die omnipräsente, in rötlichem Ton gestaltete Kirchentagslosung heißt „damit wir klug werden“. Sie verweist auf den Tod und das Danach. Der vollständige Bibelsatz lautet: „Lehre uns zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Bei uns gilt leider nicht der Nachhaltige als klug, sondern wer nachgibt als ­vermeintlich Klügere. Haltet durch, liebe Lokführer! Wenn es sein muss, bis zum jüngsten Tag. Gott schütze euch.

>> Joe Bauers Flaneursalon an diesem Mittwoch in der Rosenau. Mit den Musikern Michael Dikizeyeko & Steve Bimamisa, Marie Louise; Zura Dzagnizde, Toba Borke & Pheel. 20 Uhr. Karten: ROSENAU - Telefon: 01805/70 07 33 und Abendkasse.



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