Bauers Depeschen


Dienstag, 14. April 2015, 1446. Depesche


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FLANEURSALON IN DER ROSENAU

Liebe Homepage-Gäste,

heute will ich Ihnen unseren Flaneursalon am Mittwoch, 6. Mai, in der Rosenau ans Herz legen. Eine außergewöhnliche Besetzung geht auf die Bühne. Der Sänger Michael Dikizeyeko und sein Gitarrist Steve Bimamisa, einst mit ihren Familien aus dem Kongo nach Deutschland geflüchtet und heute in der Stuttgarter Region zu Hause, spielen afrikanische Songs. Beide engagieren sich für die Integration von Flüchtlingen, oft mit gutem Humor. Noch ziemlich neu im Flaneursalon-Team ist die Stuttgarter Sängerin/Songschreiberin Marie Louise, die uns mit ihrem Album "My Name" beeindruckt hat. Als Zeremonienmeister führt der Freestyle-Rapper Toba Borke durchs Programm, begleitet vom virtuosen Beatboxer Pheel. Ich denke, das ist eine spannende Mischung. Beginn 20 Uhr. Karten gibt es online: ROSENAU und telefonisch: 01805/70 07 33.



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WIE DAHEIM

Es ist April und endlich Frühling. Auf dem Schlossplatz haben die Berufsschachspieler ihre Bretter aufgebaut, sie treten simultan gegen zwei Gegner an und gewinnen. Gute Profis achten darauf, dass ihrem Publikum die Siege nicht so mühelos erscheinen. In New York saßen früher Dutzende von Schachspielern an Klapptischen am Straßenrand und forderten Touristen heraus. Wenn hin und wieder ein Tourist siegte, hatte ihn der Straßenprofi in der Regel gewinnen lassen, um weitere Kandidaten für ein Spiel um gute Dollars zu ermutigen. Die Null-Toleranz-Politik in den Neunzigern, als New Yorks Bürgermeisters Guiliani die Stadt rigoros säuberte, vertrieb auch die Schachspieler.

Im Kunstmuseum am Schlossplatz ging die Ausstellung des universellen Künstlers Dieter Roth zu Ende. Roth gehörte zur New Yorker Fluxus-Bewegung, in den Achtzigern hat er auch in Stuttgart gearbeitet, von ihm stammt der Satz: „Alles, was ich mache, ist ein Irrsinn, der eines Tages in sich zusammenbricht.“

Damit hat er wohl auch die Arbeit der Politiker auf den Punkt gebracht. Die Stuttgarter Landtagsmeute haust ja im Kunstgebäude, seit ihr Stamm-Domizil umgebaut wird. Grund für die Renovierung ist die notorische Unterbelichtung im Haus, ein Defizit, das auch der beste Architekt nicht beheben kann.

Lange hat man Stuttgart „Stadt der Architekten“ genannt, weil überdurchschnittlich viele Menschen dieses Berufsstands unter uns lebten. Dass viele dieser Leute an ihrem Wohnort auch gearbeitet haben, ist unwahrscheinlich. Die meisten unserer neueren Stadtarchitekten müssen von Beruf Panzeroffiziere gewesen sein.

Der große, vor fünf Wochen gestorbene Stuttgarter Architekt und Visionär Frei Otto war ein Bruder im Geiste Dieter Roths. Er schaffe nichts Dauerhaftes, hat Frei Otto gesagt, seine Bauten seien für den Abriss bestimmt. Für die wahren, die protzigen Denkmale, sind bekanntlich die Politiker zuständig. Wem zu Lebzeiten nichts Brauchbares einfällt, der will wenigsten mit städtebaulichen Schandmalen unsterblich werden.

Ein Kollege und Projektpartner Frei Ottos hat mal gesagt: „Ein Bau muss dort stehen, wo er hingehört. Sonst ist er ein toter Bau zwischen anderen toten Dingen.“

Wer den Wahrheitsgehalt dieses Satzes prüfen will, gehe hinaus in die Glas- und Stein-Wüste namens Europaviertel und besuche die Stadtbibliothek. Deren imposante Architektur, getötet von Shopping-Hochbunker und Bankenklötzen, müssen inzwischen Security-Leute schützen. Die dynamische Kundschaft des benachbarten Müllaneo hat die Eingangshalle immer wieder für Fast-Food-Orgien missbraucht.

Über die zentrale Moskauer Straße des Europaviertels gelangt man zur Wolframstraße, wo an der Ecke zur Heilbronner Straße auf dem Baufeld 7 der neue Wohnturm „Cloud No. 7“ steht. „Wolke sieben“ ist ein guter Name für ein Hochhaus in dieser Stadt. Es ist überfällig, dass Stuttgart seine städtebaulichen Vollkommenheit auf Erden auch himmelwärts ausdehnt. Der Wolke-sieben-Bauherr, von Beruf Chef der Schwäbischen Wohnungs AG, sagte neulich, der 61 Meter hohe Luxus-Bau schaffe das „Lebensgefühl von New York in heimischer Umgebung“. Das ist wahr. Kaum stehst Du als chinesischer Apartment-Käufer vor der heimischen Tür an der Heilbronner Straße, musst du dich entscheiden: Gehst du heute lieber hoch zum Central Park oder doch lieber runter zum südlichen Battery Park?

Vielleicht machst du am Morgen aus Fitness-Gründen einen Abstecher zur Jogging- und Fahrrad-Route am Ufer des Hudson River. Von der Ecke Heilbonner Straße/Wolframstraße ist es auch nicht weit zur Grand Central Station. Die neuen Schienenstränge bis zur Donau („Faszination Bahnprojekt Stuttgart – Ulm“) sind zwar noch nicht ganz fertig. Schon die Bauarbeiten aber bereiten allen Passagieren ein geiles Wellness-Gefühl, seit man auf dem Weg von der Bahnhofshalle zu seinem Bahngleis gut die Hälfte der Strecke von Stuttgart nach Ulm zu Fuß zurücklegen muss. Dafür hat man extra neue Proviant-Buden aufgestellt.

Für das New Yorker Lebensgefühl in heimischer Umgebung hat es nur noch dieses Wahrzeichens aus der Immobilienbranche gebraucht: 18 Wolke-sieben-Stockwerke! Damit bist du in einem New Yorker Wolkenkratzer definitiv knapp über dem Keller. Die restlichen paar hundert Meter Höhe bis zum Loft des Chef-Mafioso denkst du dir beim Blick auf den geschlossenen Fernsehturm hinzu. Zur urbanen Aufwertung unserer heimischen Hipster im NY-Style sei gesagt: Brooklyn oder Botnang, Staten Island oder Stetten/Filder – das ist beim Blick durch die Hornbrille völlig wurscht, solange du in Stoffturnschuhen in einem Café am Marienplatz vor der Zacke hockst und auf New Yorks Meatpacking District samt seiner alten Hochbahn scheißt.

New York mit seiner virtuosen Schachbrett-Architektur ist überall in unserer Stadt, vor allem jetzt, da sich nach den Keilereien von Straßenbanden aus Stuttgarts umliegenden Dörfern eine Lobby im Kessel für die Null-ToleranzPolitik stark macht: Demnächst sollen Waffen in Stuttgart verboten werden, vor allem solche, die ohnehin schon verboten sind.

Sollte sich ein Sittenwächter allerdings an meinem Taschenmesser vergreifen, wird es Trouble geben wie in Hell’s Kitchen, bevor es sich New Yorker Immobilienhaie unter den Nagel rissen. Mein Messer ist 5,6 Zentimer lang, neun Millimeter breit und zehn tief. Erworben habe ich es im Laden der einst königlichen Messerhofschmiede der Gebrüder Müller an der Stiftskirche, wo überm Turm der wahre Himmel ist. Mein Messer beherbergt sieben gute Klingen, und Ihnen, werte Waffenbrüder, verrate ich, was mein Schweizer Taschenstilette mit New Yorks genialer Stadtplanung gemein hat: „Architektur“, habe ich gelernt, „Architektur ist die Kunst, Raum zu organisieren.“

Architektur in Stuttgart allerdings ist das Kunststück, Raum, Topografie und Landschaften zu zerstören. Dafür braucht man nicht mal einen Waffenschein.



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