Bauers Depeschen


Sonntag, 12. April 2015, 1445. Depesche


Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20150412

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BETR.: FLANEURSALON IN DER ROSENAU

Liebe Homepage-Besucher,

heute will ich Ihnen unseren Flaneursalon am Mittwoch, 6. Mai, in der Rosenau ans Herz legen. Eine außergewöhnliche Besetzung geht auf die Bühne. Der Sänger Michael Dikizeyeko und sein Gitarrist Steve Bimamisa, einst mit ihren Familien aus dem Kongo nach Deutschland geflüchtet und heute in der Stuttgarter Region zu Hause, spielen afrikanische Songs. Beide engagieren sich für die Integration von Flüchtlingen, oft auch mit gutem Humor. Noch ziemlich neu im Flaneursalon-Team ist die Stuttgarter Sängerin/Songschreiberin Marie Louise, die uns mit ihrem Album "My Name" beeindruckt hat. Als Zeremonienmeister führt der Freestyle-Rapper Toba Borke durchs Programm, begleitet vom virtuosen Beatboxer Pheel. Ich denke, das ist eine spannende Mischung. Beginn 20 Uhr. Karten gibt es online: ROSENAU und telefonisch: 01805/70 07 33.  



BETR.: ZAM HELGA

Ursprünglich wollte der Musiker Zam Helga am vergangenen Samstag in der Rosenau sein neues Album "Monster" vorstellen. Nachdem am 30. März völlig unerwartet seine Frau Tine Raetzer im Alter von 46 Jahren gestorben ist, fand anstelle der CD-Präsentation ein Erinnerungsabend mit vielen befreunden Musikern und Bands statt. Aus diesem Anlass trug ich eine Rede vor, die ich auf Wunsch von Gästen, die mit dem Text etwas anfangen konnten, auf diese Seite stelle:



Der Klick zum

LIED DES TAGES

(Max & Laura Braun aus Stuttgart spielten mit ihrer Band bei besagtem Abend)



GUTEN ABEND, LIEBE GÄSTE, IN DER ROSENAU

willkommen zu diesem Abend für Tine, für Zam, für Ella, für alle hier in diesem Saal. Am Ostersonntag trafen sich Zam, Ella und ich mit Stift und Papier im Café Stella, um diesem Abend heute so etwas wie eine Melodie und einen Rhythmus vorzugeben, einen Anfang und eine Ende. Wir alle aber wissen, dass sich unsere heutige Begegnung nicht nach einem Ablaufplans entwickeln kann. Es werden die Menschen sein hier in der Rosenau, die daraus etwas machen, das wir vielleicht nie vergessen.

Als wir neulich im Stella zusammensaßen, erinnerte ich mich, wie ich in der Vergangenheit immer wieder in das Café ging, um nach der Frau mit den blonden Zöpfen zu schauen. Nach Tine, der Seele des Lokals, sie war meine letzte Rettung, wenn ich Zam mal wieder tagelang auf keinem Kanal erreicht hatte. Wenn ich sie dann bat, Herrn Helga meine besten Grüße auszurichten, er möge sich doch bitte mal melden, lächelte sie jedes Mal etwas spitzbübisch und sagte: Ah, gibt es bald wieder einen bunten Abend? Genau, sagte ich, einen bunten Abend.

Liebe Freunde, auch heute sind wir hier bei einem bunten Abend. Nicht bei einem, für den es zwingend grelle Kostüme, schlecht geschminkte Witze-Erzähler und ähnlich humorlose Figuren braucht.

Buntheit heute Abend bedeutet: Es kommen viele Dinge zusammen. Gefühle, Stimmungen, Bedürfnisse, Gedanken. Die Entscheidung für die Buntheit heißt ja, kontrastreiche, konträre, vermeintlich nicht harmonierende Dinge und Menschen zusammenzubringen. In diesem Fall ist Buntheit ein anderes Wort für Verständnis, für Gelassenheit, für Großzügigkeit, für Offenheit, für Gerechtigkeit, vor allem für Mut, für Courage. Ich denke, es ist nicht übertrieben, wenn ich all diese Tugenden Tine zuschreibe. Von eventuell schlechten Eigenschaften hab ich selber nichts mitbekommen, da müsste ich erst Zam und Ella fragen.

Tine ist am Freitag, dem 27. März, morgens um 10 Uhr 30 nach einem Herzinfarkt im Beisein von Zam und Ella gestorben. Sie wurde 46 Jahre alt. Ein solcher Abschied macht einen ratlos, und er macht einen zornig. Dieser verdammte Tod. Diese zerstörerische Zufälligkeit. Es gibt in Wahrheit keinen Trost. Es gibt nur Trauer. Diese Trauer sollten wir als eine intime Therapie respektieren. Und bevor wir daran denken, was Tine noch alles hätte machen können, hätten sich das Leben und der Tod anders entschieden, versuchen wir besser festzuhalten, was uns von Tine bleibt.

Erinnerungen führen nicht nur in die Vergangenheit. Erinnerungen dienen immer auch der Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, die Brücken baut in die Gegenwart und in die Zukunft.

Neulich habe ich in einem Aufsatz von Marcel Reich-Ranicki gelesen, was den Menschen umtreibt: „Es ist die Angst vor dem Tod (…) und also vor dem Leben.“ Die Verarbeitung des Todes eines Menschen ist demnach auch eine Hinwendung, ein Bekenntnis zum Leben. Und womöglich der wahre Sinn der Trauer.

Tine Raetzer wurde am 24. September im rebellischen Jahr 1968 in Dresden geboren. Nach einem Ausreiseantrag kam sie mit ihren Eltern als Zwölfjährige aus der DDR nach Stuttgart, rechtzeitig zu Beginn der Achtziger, diesem seltsamen Jahrzehnt, als im Westen alles Pop zu werden schien, die bildende Kunst, die Küche, die Klamotten, die Drogen und vor allem das große Spiel mit dem unsichtbaren Geld.

Sieht man von der Kohle ab, war in Stuttgart vom neuen Lebensstil, von den Ausschweifungen und ihren Abgründen, nicht viel zu spüren. Immerhin aber gab es gab ein paar Nischen. Beispielsweise die auf Cocktails umgestylte ehemalige Punk-Kneipe Exil beim Marienplatz, oder das Café Stella an unserer schönen Stadtautobahn.

Tine absolvierte eine Ausbildung zur Mode-Designerin, später arbeitete sie im Exil und im Stella. Da waren die Neunziger und die New-Wave-Ära schon im Gang. Tine bewegte sich immer im Herzen der Musik. Ihre Mutter Jenny arbeitete bei der Stuttgarter Intercord. Diese erfolgreiche Plattenfirma vertrieb u. a. Depeche Mode in Deutschland. Es gab die Tage, da die Depeche-Mode-Verehrerin Tine den Fantastischen Vier und ähnlichen klammen Anfängern das Leben rettete, indem sie ihnen Gratis-Drinks über den Tresen schob.

Und da gab es seit 1991 unter dem Exil einen Probekeller für ein Trio namens Helga Pictures mit einem Sänger und Gitarristen, der sich Zam Helga nannte. Tine und Zam kamen 1991 im Exil zusammen, nachdem sie sich in ihn bei der Präsentation eines Helga-Pictures-Videos beim Stuttgarter Filmwinter verguckt hatte. Eigentlich war Tine dorthin gegangen, um die Fanta 4 als Pausenfüller des Festivals zu sehen.

1991, als der Kapitalismus auch den Osten Europas vereinnahmt hatte, wurde das aufregendste Jahr der Helga Pictures. Gemanagt von dem Stuttgarter Musiker Andy Goldner, ging die Band mit Mann und Maus für acht Wochen nach Los Angeles, um ihr Album zu produzieren.

Zuvor hatten Zam und Tine sehr entschlossen geheiratet – zum großen Ärger des Band-Managers. Andy Goldner hatte vor, Zam unbedingt dem Klein-Mädchen-Markt zu erhalten.

Los Angeles war eine wilde Nummer für alle, die Platte wurde gut und die Band erfolgreich. Zu ihren größten Fans gehörte der Schauspieler Ben Becker. Ihn warnte Tine eines Tages beim Üben seines Textes im Tour-Bus, er solle seine Filmrolle gefälligst nicht ins wahre Leben übertragen. Ben Becker gab gerade in „Landschaft mit Dornen“ einen Neo-Nazi.

1993 spielten die Helga Pictures live im legendären „Rockpalast“ der ARD. Aber bald danach war Schluss. Zam hatte genug vom Rummel, und Tine war schwanger. Ein neues Kapitel begann, es war das Kapitel „Rock 'n' Roll im Familienpack“. Mutter, Vater, Baby – alle nicht nur bildhaft in einem Boot, jetzt auch ganz real im selben Tour-Bus. Zam spielte in neuen erfolgreichen Bands, Friends of Zulu, Rauhfaser. Und Tine war jetzt nicht länger nur für das schräge Design und die psychische Balance der Musiker zuständig, sie hieß jetzt Tira Lala und spielte Gitarre und Bass. Das Tour-Leben, das Miteinander in der Musik schweißte die Familie zusammen. Nur logisch, dass Klein-Ella zu singen begann, bevor sie sprechen konnte.

Liebe Freunde, ich muss Ihnen kurz erklären, warum ich hier sitze und das alles erzähle. Es hat mit dieser Platte zu tun (ich zeige Ihnen das Cover), seit 1991 stand sie lange unbenutzt in meinem Regal. Aus irgendeinem Zufall hörte ich sie mir im Herbst vor zehn Jahren wieder an – und dachte: Was macht eigentlich Zam Helga? Dieser Kerl hat so viel Talent, der verstrahlt so unglaublich viel musikalische Energie, der kann sich doch nicht einfach verweigern. Ich kannte ihn damals eher flüchtig, hatte aber seit Jahren Veranstaltungen organisiert und überlegte, wie ich Zam für einen Auftritt rumkriegen könnte. Vorsichtig klopfte ich an, ob er sich vorstellen könne, bei einem Songwriter-Abend in der Rosenau aufzutreten. Wie erwartet antwortete er mit einem klaren Nein. Also schlich ich zu der Frau mit den blonden Zöpfen und klagte ihr mein Leid. Sie zwinkerte mir zu, und ich wusste, dass ich gewonnen hatte. Rasch holte ich mir die Zusagen des damals noch unbekannten Eric Gauthier und einem weiteren großartigen Nobody namens Hubert Stytz. Das Ganze nannten wir Solitary Men – drei Generationen Singer/Songwriter gingen auf die Bühne. Und Zam machte nicht nur mit, weil ich ihm zwischendurch damit gedroht hatte, sein Haus anzuzünden. Wir erlebten schließlich hier in diesem Saal einen schönen bunten Abend und ich den Beginn einer lustigen Freundschaft.

Einige Zeit später trat Zam zu meiner großen Freude auch in meiner Leseshow Flaneursalon auf, bald auch zusammen mit Ella, und daran hat sich bis heute nichts geändert, und es wird auch so bleiben.

Ursprünglich, liebe Gäste, sollte ich heute nur ein wenig von Zam und seinem neuen Album erzählen. Im Kopf hatte ich zunächst eine fachmännische Abhandlung darüber, warum Zam zum Vortragen von fünf Songs an einem Abend grundsätzlich 13 Gitarren braucht, Gitarren, die immer Tine schleppen musste. Überhaupt war es nicht vorstellbar, Zam könnte jemals vor Tine den Bühnenraum betreten. Deshalb hielt ich immer Ausschau nach den blonden Zöpfen.

Nach und nach hatte ich auch mehrere Pläne entwickelt, Zams Fußtrommel zu sabotieren. Nicht weil ich etwas gegen Trommeln habe, sondern weil ich auch nach jahrelangem Studium der Raumaufteilung nicht dahinter gekommen war, warum Zam selbst auf einem bierdeckelgroßen Spielplatz wie in der Uhu-Bar seine Fußtrommel aufbauen musste. Einmal überlegte ich, ob ich sie vor dem Auftritt mit meinem Schweizer Messer so anritze, dass sie beim ersten Bums auseinanderfällt. Ich tat es nicht, und wir wurden ein gutes Fußtrommel-Team.

Ich erzähle Ihnen diese Dinge, weil ich im Lauf der Zeit Zams Humor kennengelernt habe. Eine Art von Humor, die trotz aller Verschiedenheiten ein ernsthaftes, unbeschwertes Miteinander ermöglicht. Ein Humor, der mit feinem Gespür Situationen und Gedanken zuspitzt und sie so erst verständlich macht. Das ist eine erhellende Sicht auf die Welt, die sich in der Musik widerspiegelt. Die etwas über die Verkettung von Wahrheit und Schmerz und den künstlerischen Umgang damit erzählt.

Freuen wir uns heute alle, liebe Freunde, dass Tine Produktion und Veröffentlichung von Zams neuem Album miterlebt hat. Dass es beiden gelungen ist, dieses „Monster“-Baby nach jahrelanger Arbeit gemeinsam zur Welt zu bringen. „Monster“ ist Zams neues Album, ein Werk voller poetischer Lebenspower, und dieses Album ist auch Tines Vermächtnis.

Die Musik an sich steht seit jeher für Liebe, Leben und Tod. Damit meine ich nicht Songs und Opern, die vom Verlust, vom Verlassenwerden, vom Abschied handeln. In seinem Buch „Klang ist Leben – Die Macht der Musik“ lehrt uns Daniel Barenboim, wie ein Klang aus der Stille kommt, wie begrenzt die Lebensspanne jedes einzelnen Tones ist. Der große Dirigent Barenboim schreibt: „Ein Ausdruck, den wir oft verwenden, trifft es genau: Der Klang erstirbt. Und hier haben wir vielleicht einen Hinweis darauf, dass Musik etwas über unser Dasein aussagt: Vergehen durch Umwandlung in Stille, damit ist das zeitlich begrenzte Dasein des Klangs genau beschrieben.“

Verehrte Gäste, heute Abend werden wir noch oft erleben, wie Klänge aus der Stille kommen und vergehen. Die Musik aber wird weiterleben, so wie Tine in unseren Köpfen, in unseren Herzen, wie auch immer. Wir werden diese so präsente, wir werden unsere energiegeladene kleine Monster-Frau nicht vergessen. Tine hat die Buntheit des Lebens und der Menschen geliebt. Und in diesem Geist wollen wir den heutige Abend begehen. – Vielen Dank.



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