Bauers Depeschen


Donnerstag, 26. März 2015, 1437. Depesche


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FLANEURSALON-TERMINE

AUSFLUG: Der nächste Flaneursaon mit Stefan Hiss, Dacia Bridges und Roland Baisch findet am Donnerstag, 16. April, in Stetten im Remstal statt, in der Glockenkelter, dem Domizil der politisch-kulturellen Initiative Allmende. 19 Uhr. Reservierungen sind möglich: 071 51/36 88 06 und info@allmende-stetten.de. Oder einfach auf der Flaneursalon-Seite via "Kontakt" anmelden.

HEIMSPIEL: Am 6. MAI sind wir in neuer Besetzung in der Stuttgarter ROSENAU. Mit Michael Dikizeyeko & Steve Bimamisa (afrikanische Songs), Marie Louise (Indie-Folk), mit dem Freestyle-Rapper und Zeremonienmeister Toba Borke sowie dem Beatboxer Pheel. Reservierungen ab sofort online: ROSENAU



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:  



ERMORDET, TOTGESCHWIEGEN - STUTTGARTER SPUREN

Vor 70 Jahren, am 9. April 1945, ermordeten die Nazis im KZ Dachau den schwäbischen Widerstandskämpfer Georg Elser. Mir ist nicht bekannt, dass die Landesregierung an diesem Tag ihre Wahlwerbungspolitik für eine ­Ehrung des Hitler-Attentäters unterbricht. Geschichtsbewusstsein, die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, steht nicht auf der Agenda ihrer Marketingberater aus der Gigaliner-Abteilung.

Das Herumgehen in der Stadt ist eine spannende Sache. Auf Schritt und Tritt begegnet man Stadtgeschichte. Einen Teil der folgenden Geschichte verdanke ich wieder mal Kommissar Zufall. Diesmal allerdings in Gestalt eines echten Bullen.

Der ehemalige Vize-Polizeipräsident Michael Kühner (67) ist im Westen der Stadt aufgewachsen, in der Lerchenstraße 52. Sein Vater, in der Gegend von Heilbronn geboren, war als Schiffsmechaniker zur See gefahren und danach in die Fremdenlegion eingetreten. Dort ließ er sich zum Fechtmeister ausbilden und heuerte später als Trainer in Stuttgarter Sportvereinen an.

Wir treffen uns in der Nähe des Kühner’schen Elternhauses, im ehrwürdigen Café Stöckle am Lerchenplätzle. Der ehemalige Kriminalbeamte hat das kürzlich eröffnete Polizeimuseum in der Hahnemannstraße mitbegründet, zuvor viele Jahre mit Recherchen über die Nazi-Diktatur verbracht. Aber erst 2007, beim Herumblättern in einem Buch, hat er erfahren, mit wem er einst unter einem Dach gewohnt hat. Wer der Onkel seines Schulkameraden Karl-Heinz war.

Das Back- und Sandsteingebäude ­Lerchenstraße 52 hat den Krieg nahezu unversehrt überstanden. Bis Ende der fünfziger Jahre wohnten in diesem Haus auch der Metzger Karl Hirth, seine Frau Maria, ihre Söhne Franz, geboren 1928, und Karl-Heinz, geboren 1948. Die Hirths waren in den dreißiger Jahren nach Stuttgart gezogen. Maria war eine von drei Schwestern des Hitler-Attentäters Johann Georg Elser, geboren 1904 in Hermaringen, aufgewachsen in Königsbronn bei Heidenheim.

Kein Wort, sagt Kühner, habe man im Haus je über Elser verloren. Weder die ­Eltern noch die Nachbarn: Keiner hat den Namen erwähnt, nie wurde auch nur angedeutet, dass Maria Hirth die Schwester des Widerstandskämpfers war. Alle taten so, als wüssten sie nichts. Dabei hatten die Leute in der Lerchenstraße alles mitbekommen.

Am 6. November 1939 besucht Georg Elser seine drei Jahre jüngere Schwester. Er übernachtet in der Wohnung, nachdem er mit seinem Schwager in einer Kneipe ein Bier getrunken hat. Maria gibt ihm 30 Reichsmark für eine Fahrkarte, als er andeutet­, er wolle „über den Zaun“ in die Schweiz. Warum, sagt er nicht. Als er am 7. November geht, hinterlässt er in der Lerchenstraße einen Koffer mit Spezialmeißeln, Bohrern, Zeichnungen. Elser ist Kunstschreiner, ein begabter Tüftler.

Am 8. November 1939 um 21.20 Uhr detoniert im Münchner Bürgerbräukeller eine Bombe, gezündet von einem Uhrwerk. Georg Elser hat diese „Höllenmaschine“ gebastelt und in Nachtschichten in einer Säule eingebaut. Er will Hitler töten. Aufgrund des schlechten Wetters verlässt der „Führer“ 13 Minuten früher als geplant den Saal. Sein Flugzeug wartet. Die Bombe geht zu spät hoch, sie tötet acht Menschen. Elser hat man bereits vor der Explosion an der Schweizer Grenze verhaftet. Er gesteht. In den Verhören der Nazis sagt er, nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen habe er weiteres Blutvergießen verhindern wollen.

Wenige Tage später werden Maria Hirth und ihr Mann von der Gestapo festgenommen. Ihre Wohnung wird durchsucht, der Koffer gefunden. Sie werden nach Berlin gebracht, der Gestapo-Chef Heinrich Müller verhört sie. Der elfjährige Franz wird nach der Schule von der Gestapo abgeholt, muss stundenlang beim Pförtner der Stuttgarter Gestapo-Zentrale im früheren Hotel Silber warten, bevor man ihn im Kinderheim­ in der Türlenstraße abliefert.

Eine weitere Schwester Elsers, Anna, lebt damals mit ihrem Mann Fritz Hangs in Zuffenhausen. Am 13. November werden sie festgenommen und ins Gefängnis in der Büchsenstraße gesperrt. Anna Hangs wird erst nach einer Woche verhört und mit ihrem Mann nach Berlin transportiert. Auch weitere Familienmitglieder auf der Ostalb, darunter Elsers Bruder Leonhard und die Schwester Friedrike Kraft, werden in Stuttgart inhaftiert. Es gilt als sicher, dass die Nazis sie vor dem Weitertransport nach Berlin im Hotel Silber verhörten. Ende November­ 1939 werden sie freigelassen, eine Mittäterschaft gab es nicht.

1989, fünfzig Jahre nach Georgs Elsers Attentat, fuhr ich nach Königsbronn, begleitet von meinem Vater, 1914 in Königsbronn geboren. Ohne ihn hätte keiner im Dorf mit mir über Elser geredet. Wir stießen auf eine Mauer des Schweigens. Erst wenn sie meinen Vater erkannt hatten, kam es zu Gesprächen mit Zeitzeugen, auch mit Leonhard Elser. „Den Stauffenberg ehren sie jedes Jahr“, sagte er, „den Georg nie.“ Der Widerstandskämpfer Elser, ein einsamer Held aus dem Proletariat, blieb in Deutschland jahrzehntelang fast unbekannt. Erst ermordet, dann totgeschwiegen. Man wollte nicht wissen, dass ein einfacher Mann in der Lage war, sich gegen die Nazis aufzulehnen.

Nach dem 50. Jahrestag des Attentats änderte sich langsam etwas. Ein Film des Regisseurs und Schauspielers Klaus Maria Brandauer, „Elser – einer aus Deutschland“, zeigte Wirkung. Es dauerte aber noch einmal zehn Jahre, bis die Stadt Stuttgart Georg Elser eine Staffel widmete, in der Nähe der Villa Reitzenstein und der ­Richard-Wagner-Straße, die vor den Nazis Heinrich-Heine-Straße geheißen hatte.

Mit dem ehemaligen Polizisten Michael Kühner gehe ich in den Hinterhof der Lerchenstraße 52. Er weiß noch, wo unten im Haus ein Schuster gearbeitet hat, durch welches Fenster die Kohlenrutsche in den Keller führte. Elser war Kommunist, sagt Kühner, mit Kommunisten wollten die Leute auch nach dem Krieg nichts zu tun haben.



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