Bauers Depeschen


Dienstag, 24. März 2015, 1436. Depesche


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FLANEURSALON-TERMINE

AUSFLUG: Der nächste Flaneursaon mit Stefan Hiss, Dacia Bridges und Roland Baisch findet am Donnerstag, 16. April, in Stetten im Remstal statt, in der Glockenkelter, dem Domizil der politisch-kulturellen Initiative Allmende. 19 Uhr. Reservierungen sind möglich: 071 51/36 88 06 und info@allmende-stetten.de. Oder einfach auf der Flaneursalon-Seite via "Kontakt" anmelden.

HEIMSPIEL: Am 6. MAI sind wir in neuer Besetzung in der Stuttgarter ROSENAU. Mit Michael Dikizeyeko & Steve Bimamisa (afrikanische Songs), Marie Louise (Indie-Folk), mit dem Freestyle-Rapper und Zeremonienmeister Toba Borke sowie dem Beatboxer Pheel. Reservierungen ab sofort online: ROSENAU



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Die aktuelle StN-KOLUMNE.



IN SACHEN BISMARCK

Im Eiscafé Fragola am Bismarckplatz geht es am Sonntagmorgen zu wie in einer alten Wärmestube. Internationales Stimmengewirr, die Gäste scheinen sich alle zu kennen. Wen wundert’s. Die Familie des italienischen Lokalchefs Angelo Carbone führt den Laden im Westen seit 20 Jahren, das Café gibt es schon wesentlich länger.

Das Fragola ist die Informationsbörse des Quartiers, ein ähnlicher Treffpunkt wie um die Ecke die Wäscherei Familie Stiefelmeyer mit der historischen Schaufenster-Dekoration. Ich treffe den Werbeprofi Rainer Benz. Im Kiez zu Hause, engagiert er sich im Forum Lebendiger Westen, einer Initiative von Bürgern und Stadtplanern.

Am Bismarckplatz, an der Autorennbahn Schwabstraße, hat man das Bismarckhaus hochgezogen, ein Symbol der fortschreitenden Gentrifizierung in der Stadt. Das Gebäude bietet Eigentumswohnungen für Reiche. Im Erdgeschoss, neben dem Fragola, ist ein Café geplant, Wiener Art. Mit Wohnraumbeschaffung, sagt Rainer Benz, haben solche Immobilien nichts zu tun. Nicht weit, an der Ecke Bismarck-/Seyfferstraße, haben Investoren aus einem Häuserblock viele alte Mieter verdrängt. Es entstehen luxuriöse Apartments für Kurzvermietungen. Das Motto „Stadtverschönerung“ bedeutet fast immer Mieterhöhung, oft den Verlust der Wohnung.

Die Birmarckstraße ist städtisches Sanierungsgebiet, der gleichnamige, einst malerisch schöne Bismarckplatz ein typisch stuttgarterische Gebilde: geteilt, verhunzt durch eine Verkehrsader. Auf der einen Seite die Anfang des 20. Jahrhunderts erbaute Elisabethenkirche, Zentrum einer der größten katholischen Gemeinden des Landes, davor das Gelände für den Wochenmarkt. Dienstags, donnerstags und samstags bieten von morgens um sieben bis zur Mittagszeit regionale und internationale Lebensmittelhändler ihre Waren an. Am unteren Ende auf dieser Seite war bis zum vergangenen Jahr die Metzgerei Häderle. Die Wirte des Lokals Lumen an der Ecke Schwab-/Ludwigstraße, früher die Eckkneipe Willis Ofengabel, heute vorzugsweise Stammhaus für Mütter mit Gesprächsbedarf, eröffnen in den ehemaligen Häderle-Räumen ein ­weitere Bar. Man sagt, für den Väter-Dialog.

Auf der anderen Seite der Schwabstraße setzt sich der tranchierte Bismarckplatz fort. Sitzbänke auf einem Grünstreifen, daneben das Toilettenhaus. Am oberen ­Ende das kleine Kulturzentrum Westquartier („Freiraum am Bismarckplatz“) mit einer Bühne für gewitzte Veranstaltungen (beispielsweise über erotische Kunst) und Gästeräumen zum Mieten für Künstler.

Auf dieser Seite des Platzes, Haus Nummer 3, hat der studierte Posaunist und spätere Sozialpädagoge Helmut Schneider (69) als Kind seine Ferien bei den Großeltern verbracht, einer aus der Schweiz kommenden Familie namens Brutsch. Der Stuttgarter Jazz-Musiker, in den siebziger Jahren Mitglied der legendären, Deutsch singenden Polit-Rockband Hotzenplotz, erzählt mir seine Geschichte. In einer der schlimmen Bombennächte am Kriegsende hat der Sohn Robert Brutsch, damals Wehrmachts-Funker auf Heimaturlaub, mitbekommen, wie englische Funker im Nachbarhaus die britische Luftwaffe mit Informationen versorgten. Deshalb, glaubten die Großeltern, habe man den Bismarckplatz bei den Luftangriffen im Westen weitgehend verschont. Robert Brutsch kam bei einem deutschen Todeskommando um; die Nazis hatten herausgefunden, dass er desertieren wollte.

Seit 1884 tragen Platz und Straße Bismarcks Namen. Überhaupt gibt es viel Bismarck-Verehrung in Stuttgart: den Bismarckturm (am Killesberg), die Bismarckschule (in Feuerbach). Weniger bekannt ist die Geschichte des Bismarck-Attentäters Ferdinand Cohen-Blind, geboren 1844 in Mannheim. Sein Stiefvater war der Demokrat Karl Blind, nach der gescheiterten 48er-Revolution musste er mit seiner Familie ins Exil nach Paris und London flüchten. 1862 kommt Ferdinand Cohen-Blind nach Deutschland, ist erst Gasthörer an der Tübinger Universität, dann Student der Landwirtschaftlichen Akademie Hohenheim. Nach dem Studium fasst er den Plan, den preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck zu töten, er will den sich anbahnenden Krieg zwischen Preußen und Österreich verhindern. Am 7. Mai 1866 gibt er in Berlin, Unter den Linden, fünf Schüsse, auf Bismarck ab. Drei Kugeln streifen den fettleibigen Politiker, zwei prallten an seine Rippen ab. Zufällig vorbeimarschierende Garde-Soldaten verhaften den Attentäter. Im Polizeipräsidium schneidet sich Ferdinand Cohen-Blind, 22 Jahre jung, die Halsschlagader durch und stirbt wenig später. Bismarck erholt sich rasch.

Der in Stuttgart heute hoch verehrte Bismarck war einst in Württemberg alles andere als beliebt.. König Karl, seit 1864 auf dem Thron, hasste ihn. Der Preuße hatte Karls Ehefrau Olga mit Anspielung auf die schwulen Neigungen des Königs als „einzigen Mann am württembergischen Hof“ verspottet. Cohen-Blind, ohne Zeremonie auf dem Berliner Nikolai-Friedhof verscharrt, galt vielen Stuttgartern als Held. Das Parteiblatt der württembergischen Demokraten schrieb: „Es wird sich niemand getrauen, den jungen Mann für einen schlechten Deutschen zu erklären, der sein Leben daran gegeben hat, um das Vaterland von einem solchen Unhold zu befreien.“

In der kommenden Woche, am 1. April, wird Bismarcks 200. Geburtstag gefeiert. Mal schauen, ob sich irgendwer in Stuttgart an den Studenten aus Hohenheim erinnert. Unterdessen werden das Forum-Mitglied Rainer Benz und seine Mitstreiter weiter darüber nachdenken, „wie man den Bismarckplatz zu einem wirklichen Platz machen kann“.



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