Bauers Depeschen


Donnerstag, 05. März 2015, 1426. Depesche


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NUR NOCH EINE WOCHE:

FLANEURSALON IN DER FRIEDENAU

Am Mittwoch, 11. März, ist der Flaneursalon in der FRIEDENAU in Stuttgart-Ostheim. Es spielen Stefan Hiss, Dacia Bridges & Gabriel Holz, Roland Baisch. Beginn 20 Uhr. Reservierungen: 07 11 / 2 62 69 24. Die Friedenau, Rotenbergstraße 127, ist leicht mit der Straßenbahn zu erreichen: Linie 9, Haltestelle Raitelsberg, Fußweg 1 Minute.



Die aktuelle STN-KOLUMNE:



HOTEL SILBER

Kommt man aus der U-Bahn-Station Charlottenplatz, Richtung Süden, steht man vor dem Alten Waisenhaus mit dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und der Bar Amadeus. Davor eine dieser litfaßförmigen Toiletten mit Reklameplakaten und Stuttgarts Wappen-Ross an der Wand. Der Blick geht zur Breuninger-Baustelle mit der Werbetafel für das neue Dorotheen-Quartier, neuerdings auch „Doqu“ genannt: „Wohnen Arbeiten Einkaufen Genießen auf 60 000 Quadratmetern“.

Ein paar Schritte weiter, an der Dorotheenstraße zum Karlsplatz und zur Markthalle, entdeckt man ein anderes, unauffälliges Schild am Haus Nummer 10: Hotel Silber, bis 1919 Herberge, später Postdirektion, von 1928 an Polizeipräsidium, 1937 bis 1945 Sitz der Geheimen Staatspolizei von Württemberg und Hohenzollern, Gestapo-Zentrale der Nazis. Auszug aus dem Text: „In diesem Gebäude wurden während der Herrschaft der Nationalsozialisten ­Menschen aus dem In- und ­Ausland Opfer von Terror und Gewalt.“ Man liest von „vier Personen“, die von der Gestapo kurz vor Kriegsende gehängt wurden. Keine Fakten dagegen über das Schicksal der Verhörten, über die hunderttausendfachen Morde in der Verantwortung von Gestapo-Führern aus Württemberg. Am Endes des Schilds der Standard-Satz: „Wir gedenken der Opfer des Unrechts mit dem ­Bekenntnis zum ­demokratischen ­Rechtsstaat.“

Nach dem Krieg zogen erneut Polizeikräfte ins teilweise zerstörte Hotel Silber. Sinti, Homosexuelle, „Asoziale“ wurden von diesem Ort aus weiter verfolgt. Von 1949 an war der Bau Gefängnis, Sitz der Stuttgarter Kriminalpolizei, von 1988 an Teil des baden-württembergischen Innenministeriums. Nach dem KPD-Verbot 1956 hat die Polizei im Hotel Silber auch Kommunisten eingekerkert, die zuvor im selben Gefängnis bei den Nazis einsitzen mussten.

Trotz dieser Geschichte gab es bis vor kurzem Politiker und Historiker, die das Hotel Silber am liebsten zum Abriss freigegeben hätten. Mit dem heuchlerischen Argument, die Bausubstanz sei nicht mehr „authentisch“. So reden Technokraten, die die Vergangenheit verdrängen oder vertuschen wollen. Ignoranten, die sich nie mit der Psychologie, mit der Wirkung eines historischen Orts auf die Menschen beschäftigt haben. Die Nähe des Hotels Silber zum expandierenden Kaufhaus ist einigen ohnehin nicht angenehm: Der einstige Firmenchef Alfred Breuninger war von 1935 bis 1945 NSDAP-Ratsherr, ein Nutznießer des Regimes.

Wie in anderen deutschen Städten waren und sind es auch in Stuttgart maßgeblich Bürger, die sich für die Aufarbeitung der eigenen Geschichte einsetzen. Seit sieben Jahren kämpft die Initiative Hotel Silber für die Einrichtung eines Gedenk- und Lernorts in der Dorotheenstraße, seit 2012 ist die Initiative ein Verein, unterstützt von zahlreichen Organisationen. Hilfe kam auch vom Kölner NS-Dokumentationszentrum und dem Berliner Projekt „Topographie des Terrors“. Das früher CDU-geführte Stuttgarter Rathaus hatte sich lange gegen die Aufarbeitung der Nazi-Ära gewehrt. In den Achtzigern wurde das mit wenig Steuergeld finanzierte Projekt „Stuttgart im Dritten Reich“ im Tagblattturm frühzeitig gekappt. Erst jetzt, 72 Jahre nach der Nazi-Diktatur, kommt die Gedenkstätte Hotel Silber: 2017 sollen die Ausstellungs- und Aktionsräume eröffnet werden. Zuletzt hat sich der Oberbürgermeister Kuhn für die Sache engagiert, auch gegen die erkennbare Interessenlosigkeit der Kulturbürgermeisterin.

Am Dienstag, 10. März, treffen sich die Beteiligten des Projekt wieder am Runden Tisch: Vertreter von Stadt und Land, Sprecher der Initiative. Diesmal geht es darum, welche Rechte und Möglichkeiten die Bürger bei der inhaltlichen Gestaltung des Gedenk- und Lernorts erhalten. Die Federführung nimmt für sich der Leiter des Hauses der Geschichte an der Konrad-Adenauer-Straße in Anspruch, der konservative Historiker Thomas Schnabel; seine Ausstellungen, wie zuletzt über die RAF, beweisen seine staatstragende Sicht der Dinge. Mit ihm hat die Initiative seit jeher thematische Konflikte, etwa bei der Beurteilung der Polizei in ihrem harten Vorgehen gegen KPD-Leute und ihre gleichzeitige Tolerierung von Nazis vor Hitlers Machtantritt.

Die jüngsten Gespräche über das Hotel Silber verliefen für die Bürger positiv. Entschieden wurde, wie das Haus neben dem Breuninger-Neubau genutzt wird: Die Gedenk- und Lernstätte zieht in den linken Teil ein und kann jetzt auch den zweiten Stock, die ehemalige Gestapo-Chefetage, bespielen. Diese Räume wollte man ursprünglich kommerziell vermieten. Dem hatten im Gemeinderat neben der CDU auch die Grünen zugestimmt, mit dem dümmlichen Argument, es gehe „nicht um Quadratmeter“. Auch bei diesen Stadträten kein Gespür für die Ausstrahlung, die Glaubwürdigkeit eines historischen Ortes. Umstritten ist noch die Zukunft der Kellerräume: Die einst gefürchteten „Verwahrzellen“ der Gestapo sollen aus „technischen Gründen“ nicht zur Verfügung stehen.

Es dient der Wahrheit und vor allem auch der Auseinandersetzung mit der Gegenwart, das Hotel Silber im Auge zu behalten: Nazis, rechtsextreme Gewalt sind keineswegs nur ein Kapitel der Vergangenheit. Die Ermittlungsskandale nach den NSU-Morden und der alltägliche Rassismus vor unserer Haustür lehren uns etwas anderes.

Schaut man sich am Charlottenplatz um, fällt der Blick auf eine weitere Baustelle: das Wilhelmspalais, die frühere Stadtbücherei. Deren Neubau hat man als rathauspolitisches Signal zwischen die Investorenkästen des seelenlosen Europaviertels geklemmt. Aufschrift am Wilhelmspalais: „Wir bauen für die Stuttgarter Geschichte.“ Das muss sich erst noch zeigen: Das neue Stadtmuseum zieht ins Gebäude ein.



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