Bauers Depeschen


Donnerstag, 26. Februar 2015, 1423. Depesche


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FLANEURSALON IN DER FRIEDENAU

Am Mittwoch, 11. März, ist der Flaneursalon in der FRIEDENAU in Stuttgart-Ostheim. Es spielen Stefan Hiss, Dacia Bridges & Gabriel Holz, Roland Baisch. Beginn 20 Uhr. Reservierungen: 07 11 / 2 62 69 24. Die Friedenau, Rotenbergstraße 127, ist leicht mit der Straßenbahn erreichbar: Linie 9, Haltestelle Raitelsberg, Fußweg 1 Minute.



Die aktuelle StN-Kolumne:



VERSÖHNUNGSKIRCHE

Der Erwin-Schoettle-Platz in Heslach ist einer der wenigen Orte der Stadt, der den Namen „Platz“ verdient. Die Menschen mögen ihn. Selbst an diesem kalten Tag im Februar, an dem ich eine Heslacher Ecke an der Eierstraße ansteuere, spielen einige Männer Boccia auf dem urbanen, sich einladend öffnenden Pausenraum zwischen Altem Feuerwehrhaus und Matthäuskirche.

Der Namensgeber Erwin Schoettle (1899 bis 1976) war ein schwäbischer SPD-Politiker und während der Nazi-Diktatur im Londoner Exil im sozialistischen Widerstand aktiv. Nach dem Krieg wurde er Bundestagsabgeordneter, bekleidete bis 1972 wichtige Ämter. Von diesen Dingen sollte unsereins wissen: Schoettle war 1946 als Mitherausgeber der Stuttgarter Nachrichten aus dem Exil zurückgekehrt; er verantworte auch die Sozialistischen Monatshefte. Das waren Zeiten.

Es ist die Historie, die mich nach Heslach führt. Mein Ziel ist die Sakristei, eine bald hundert Jahre alte Eckkneipe gegenüber der Evangelischen Matthäuskirche. Die Piratenflagge des FC St. Pauli mit der Aufschrift ­„Gegen Rechts“ weht über dem Eingang, daneben die VfB-Fahne, eine Vitrine an der Fassade kündigt an, welche Spiele im Lokal übertragen werden.

Die Sakristei ist Stuttgarts traditionsreichste Fußballkneipe. Ein Wirtshaus für alle, wo die Halbe Bier zweineunzig und das Schnitzel mit Pommes einen Zehner kostet. Spieler- und Trainerfotos, Wimpel, Pokale an den Wänden. Der Fußball in dieser ­liebenswerte Bude lebt nicht nur von ­Souvenirs und Reliquien. Die Sakristei besuchen Stars auch mal leibhaftig.

Der langjährige frühere Wirt Heinrich Jung (65) ist da, als ich komme. Vor acht Jahren hat er das Lokal seiner Stieftochter Alexandra „Alex“ Milchraum übergeben. Weiß der Henker, in diesem Laden mit seinen sechs, sieben Dutzend Plätzen passt alles: Alex (27) ist die Cousine des Fußballprofis Patrick Milchraum (31); er spielte einst für die Kickers, für 1860 München und bei Dinamo Tiflis, bevor er 2013 zurück zu den Blauen kam.

Die Sakristei ist so etwas wie die Stuttgarter Versöhnungskirche der Fußballrivalen. Das ist gut für eine Stadt, die bis heute kein professionelles Fanprojekt bezahlt. In der Kneipe sitzen VfB- und Kickers-Fans friedlich beieinander. Eine Treppe führt hinunter zum „St.-Pauli­Keller“, wo die Aufrechten am Bildschirm zurzeit miterleben, wie ihre Reeperbahn-Helden in die dritte Liga absteigen.

Alle möglichen Spiele werden übertragen, ohne Zoff sogar welche der Bayern. In Heslachs sozialer Sammelstation ist die Liebe zum Spiel wichtiger als die Treue zum Verein. Irgendwie war im Lauf der Jahrzehnte schon jeder mal zu Gast, vom „Hitler-Tagebücher“-Fälscher Konrad Kujau bis zum amtierenden Kickers-Trainer Horst Steffen. An der Eierstraße hat sich eine Eckkneipenkultur erhalten, wie man sie nicht mehr oft findet. Wenn im Sommer der Garten geöffnet ist, steigt an diesem Ort fast täglich ein Straßenfestival.

Neulich erhielt ich Post von Sakristei-Gast Ute Moeller (42). Vor zwanzig Jahren ist sie aus dem deutschen Osten in Stuttgarts Süden gekommen. Sie arbeitet als Versicherungsangestellte, in der Freizeit unterstützt sie „aus lokalpatriotischen Gründen“ sowohl den VfB als auch die Kickers. Inhalt ihrer Post: Am Stammtisch kam kürzlich das Gespräch auf einen großen Sohn Heslachs, den Kickers-Spieler Eugen Kipp. Am 5. April 1908 stürmte er in Basel beim ersten offiziellen Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Schweiz, ein Jahr später erzielte er beim 1:0 gegen die Eidgenossen das historische Tor zum ersten Sieg des deutschen Teams. Bis 1913 schoss er in 18 Länderspielen zehn Treffer, in zwei Partien war er Kapitän, 1912 gehörte er zur Olympia-Elf bei den ­Sommerspielen in Stockholm.

Eugen Kipp, 1895 geboren, stand zunächst für die Sportfreunden Stuttgart (bis 1905 FC Karlsvorstadt) auf dem Platz, von 1912 bis 1914 trug er das Trikot der Kickers. Mit ihnen reiste er 1914, damals ein Sensation, für drei Gastspiele zum FC Barcelona (eins gewannen die Blauen 2:1). Dann musste er in den Ersten Weltkrieg, wurde an der Front im belgischen Ypern schwer verwundet, die Ärzte amputierten sein rechtes Bein. Davon hat er sich nie mehr erholt. 1931 starb er mit 46 Jahren.

Auch sein Sohn, ebenfalls auf den Namen Eugen getauft, wurde ein exzellenter Fußballer. Nach seinem Studium und vier Jahren beim FC Bern spielte Eugen „Bubi“ Kipp von 1936 bis 1947 für die Kickers, zog dreimal mit ihnen in die Endrunde um die deutsche Meisterschaft ein, gehörte zum Team um Kickers-Legenden wie Albert Sing und Edmund Conen.

All diese Geschichten erzählt man sich in der Sakristei, und viel darüber weiß der Heslacher Hobby-Heimatforscher Rolf Wilhelm (59). Seit fast vierzig Jahren geht er im Süden als Polizist auf Streife. Als der Stammtisch neulich wieder das Thema Kipp behandelte, tauchte die Frage auf: Warum gibt es nirgendwo einen Hinweis auf Heslachs berühmten Sohn Eugen Kipp senior? Warum kein ihm gewidmetes Plätzchen, keine Staffel, kein Gedenkschild? „Das sind wir Heslacher ihm eigentlich schuldig“, sagt der Polizist Wilhelm.

Es ist purer Zufall, dass ich ausgerechnet heute das Heslacher Fußballkapitel behandle. An diesem Donnerstag, am 26. Februar 2015, kann man in der Sakristei die Krüge heben und die Kickers-Hymne singen: auf Eugen Kipps 130. Geburtstag. 



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