Bauers Depeschen


Donnerstag, 12. Februar 2015, 1417. Depesche


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LIED DES TAGES



LIEBE GÄSTE,

heute erzähle ich einleitend nicht viel: Der nächste Flaneursalon ist am Mittwoch, 11. März, in der schönen Friedenau in Ostheim, und ich bin mir sicher, dass viele von Ihnen diesen historischen Wirtshaussaal noch nie gesehen haben. Und womöglich auch noch nie den Flaneursalon! Reservierungen: 07 11 / 2 62 69 24.

Und noch was: Christine Prayon, Vincent Klink, Ginger Redcliff, Toba Borke & Pheel sind die Flaneursalon-Gäste am 18. Oktober im Theaterhaus.

Zuvor sind wir am 6. Mai in der Rosenau.



Die aktuelle StN-Kolumne:



IM HERZEN DES BETONS

Die Zeiten, in denen Studenten „Schade, dass Beton nicht brennt“ an die Wände staatlicher Institutionen sprühten, sind Geschichte. Im Lesesaal der Württembergischen Landesbibliothek (WLB) ist für viele Gäste der Himmel aus Beton und das Haus ein Stück Heimat. Ich lebe hier, sagt die Soziologin Friederike (30). Seit drei Jahren schreibt sie in der Bibliothek an ihrer Doktorarbeit zur deutschen Arbeitssituation. Die vielen Menschen, die vormittags unter den grauen Decken des in den sechziger Jahren entworfenen Gebäudes ihre Laptops aufklappen und dann stundenlang arbeiten, sind fleißiger denn je. 1500 Besucher, die meisten von ihnen Studierende, kommen täglich in das Haus zwischen Wilhelmspalais und Staatsgalerie. 1970, im Jahr der Eröffnung, waren es nur 200, in der Mehrzahl ergraute Lehrer und Professoren, Theaterleute und Autoren. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat der Ort sich verändert, das Publikum sich entscheidend verjüngt. Die meisten sind unter dreißig, und anders als früher ist der Laden spätestens jeden Nachmittag überfüllt.

Zurzeit feiert man die Gründung der Landesbibliothek vor 250 Jahren; Herzog Carl Eugen ließ 1765 seine öffentliche Büchersammlung zunächst in Ludwigsburg einrichten. 1776 zog sie ins Herrenhaus am Stuttgarter Marktplatz um. Ein Jahrhundert später, nach einem weiteren Umzug, begann man 1878 mit dem Neubau an der Neckarstraße, der heutigen Konrad-Adenauer-Straße; diese hässliche Stadtautobahn zwischen den Staatstheater im Schlossgarten und den Museen zerstörte das kulturelle Herz der Stadt. Zu dieser Art Stadtplanung passt, dass man die neue Stadtbibliothek in einem Akt demonstrativer Machtpolitik zwischen Einkaufs- und Bankenklötzen im Europaviertel hinter dem Hauptbahnhof eingekeilt hat.

In der Landesbibliothek geht Eleni Giannakidou (48) morgens um sechs an die Arbeit. Seit neunzehn Jahren ist sie Chefin der Cafeteria, einer originellen Entspannungsinsel mit Wasserbecken samt Plastikenten. Alle kennen Eleni, und Eleni kennt alle, die bei ihr ein- und ausgehen. Die Kunden kommen auch aus dem Gerichtsviertel, aus dem Landtag, aus der Staatsgalerie. Aus der ganzen Nachbarschaft. Jeden Morgen, bevor es losgeht um acht, backt die Griechin mit ihrer portugiesischen Mitarbeiterin Alda Ramos vier Kuchen, dann bereitet sie das Tagesgericht vor. Als wir uns unterhalten, gibt es griechischen Nudelauflauf. Sehr beliebt, sagt Eleni, die Seele des Hauses.

Noch in diesem Jahr soll mit dem für 52 Millionen Euro geplanten Erweiterungsbau der WLB begonnen werden, und Eleni weiß nicht, wie es dann für sie weitergeht. Ob sie auch künftig eine Cafeteria leiten wird. Der Baubeginn ist ohnehin unsicher, geklärt werden muss erst das Grundwassermanagement für das in der Nähe geplante Bürger- und Medienzentrum des Landtags.

Für die Ausstellung zum WLB-Jubiläum ist ein achtzehn Euro teurer Katalog erschienen. Scheinheilig verkündet darin der Regierungschef Kretschmann: „Pünktlich zum 250-jährigen Bestehen ist der Baubeginn der Erweiterungsbaus natürlich ein besonderes Geburtstagsgeschenk . . .“ In Wahrheit hatte schon die frühere CDU-FDP-Regierung vor, den Neubau zum Geburtstag der Bibliothek zu eröffnen. Immer wieder wurde das Projekt vertagt. An den Baubeginn glaube er erst, wenn er einen Bagger sehe, sagte vor kurzem der WLB-Direktor Hannsjörg Kowark und erinnerte daran, dass sein Haus seit vierzig Jahren so gut wie nicht verbessert wurde.

Trotz allem ist die Bibliothek ein Mikrokosmos mit Nestwärme, ein Bienenkorb voller Arbeitstiere. Jeder ist ganz bei sich, und keiner allein. Der Publikumswandel vollzog sich, als das neue Bachelor- und Mastersystem die Studierenden im neuen Jahrtausend in einen zuvor unbekannten Lern- und Arbeitsstress trieb.

Die „Labi“, wie sie Mitarbeiter nennen, dient vor allem der psychologischen Selbstüberlistung. Philipp Wolfer (28) studiert in Hohenheim Financial Management, seit Anfang des Jahres schreibt er täglich acht bis neun Stunden in der Bibliothek an seinen Klausuren zum Thema Controlling. Die Arbeit in einem Saal mit vielen Menschen spornt mich an, sagt er, alle um mich herum tun etwas, also strenge auch ich mich an. Er liebt die Stille des Hauses, die vom Rhythmus des Tastaturen-Klackens beseelte Akustik. Keiner spricht laut, keiner telefoniert. Zu Hause, sagt Philipp, lenken mich tausend Dinge ab; daheim wandert er durchs Internet, treibt sich auf Facebook-Seiten herum, schaltet den Fernseher ein.

Von ähnlichen Erfahrungen berichtet ein Veteran des Labi-Laptop-Ensembles, der Stuttgarter Schriftsteller Wolfgang­ ­Schorlau (63). Ich liebe diesen Ort, sagt er: das evangelische, das sachliche Klima. Er hat andere Einrichtungen getestet, etwa in Chicago; dort ist es vornehm, fast pompös. In der Stuttgarter Bibliothek flüchtet sich der Autor nicht wie in den eigenen vier Wänden in die berühmt-berüchtigten Übersprungshandlungen. Die Manöver, dem Schreiben zu entkommen, indem man Geschirr spült, CDs sortiert, Fingernägel schneidet. Schorlau hat in der Bibliothek Kriminalromane verfasst, die Bestseller „Die Blaue Liste“ und „Das München-Komplott“. Er fühlt sich gut in dem Haus mit seinen fast sechs Millionen Büchern, nutzt das Angebot, findet Lexika-Einträge, die im Netz nicht auftauchen. Ich freue mich auf den Erweiterungsbau, sagt der Schriftsteller. Und das sagt er nicht, weil staatliche Bauten für Millionen Steuergeld immer guten Stoff für seine Krimis liefern.



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