Bauers Depeschen


Mittwoch, 11. Februar 2015, 1416. Depesche


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LIED DES TAGES



LIEBE GÄSTE,

nach Grippe, Urlaub und noch mal Grippe und noch mal Urlaub bin ich wieder an der Kolumnen-Arbeit. Heute ist eine zu lesen, eine weitere morgen.

Unseren nächste Flaneursalon gibt es am Mittwoch, 11. März, in der FRIEDENAU. Der Wirtshaussaal in der historischen Theater-Gaststätte an der Rotenbergstraße gehört zu meinen Lieblingsorten (eine Minute Fußweg von der Straßenbahnhaltestelle Raitelsberg, Linie 9). Man muss diesen Bühnenraum gesehen haben. Es wird dort übrigens auch Essen serviert. Wirt Schorsch der Grieche lässt schwäbisch kochen. Es spielen Stefan Hiss, Dacia Bridges & Gabriel Holz, Roland Baisch. Über ein volles Haus würden wir uns sehr freuen. Karten/Reservierungen gibt es bereits im Lokal: Telefon 07 11 / 2 62 69 24.

Sicher ist inzwischen, dass wir am Sonntag, 18. Oktober, unseren Herbst-Flaneursalon im Theaterhaus machen, u. a. mit Vincent Klink & Freunden - und erstmals mit der Kabarettistin Christine Prayon als Flaneursalon-Entertainerin (Christine Prayon ist u. a. Birte Schneider in der "Heute-Show" des ZDF).

Dann kann ich mitteilen, dass die Besetzung für "Die Nacht der Lieder" am 8./9. Dezember im Theaterhaus komplett ist. Die Ankündigung für die Benefiz-Show zu Gunsten der Aktion Weihnachten der StN findet man auf der THEATERHAUS-HOMEPAGE. Ich denke, wir haben wieder einen schönen, einen interessanten Mix aus Pop und Klassik, Jazz und Comedy. Eric Gauthier moderiert. Der Vorverkauf läuft schon ziemlich gut ...



Die aktuelle StN-Kolumne:



IN DEN BERGEN

Neulich bin ich in einer Woche zweimal zur Stadtgrenze vorgedrungen, es waren erregende, geografisch ausschweifende Ausflüge. Diese Trips haben nichts damit zu tun, dass ich mich in der jüngeren Vergangenheit als Schreibknecht eher selten zu Wort gemeldet habe. Das war die Bronchitis. Aber auch ohne mein Zutun verschmutzen tagtäglich reichlich Buchstaben die Welt, und ich kann jedem nur raten, gelegentlich den Blick zu heben und hinauszugehen an die Stadt­grenze, nach Uhlbach.

Seltsamerweise erinnere ich bis heute, wie ich während der Stuttgarter Leicht­athletik-WM 1993 im Schlepptau einer sprachbegabten Kollegin mit einer Gruppe Italiener nach Uhlbach kam, und diese Leute bei der Ankunft schwärmten, sie kämen sich vor wie in der Toskana. So weit habe ich damals noch nicht gedacht. Ich wusste nur, dass man von einem guten Platz aus im Neckarstadion, dem Schauplatz der WM, hinaufschauen konnte zur Grabkapelle auf dem Württemberg, hoch über Uhlbach, knapp unter den Wolken. Und davon hatte ich nur gehört, weil es der Sportreporter und Schriftsteller Hans Blickensdörfer in den poetischen Ausschweifungen seiner VfB-Berichte erwähnte. Zurzeit schauen heimische Fußballreporter im Stadion ja eher in die Hölle.

Wie klein die deutsche Großstadt Stuttgart doch ist. Die meistens Stadtgrenzen erreicht man von der Ortsmitte aus in weniger als einer halben Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln. So lange braucht man in richtigen Metropolen, um einen Boulevard oder den Marktplatz im Eilschritt zu überqueren. In Uhlbach, am Rande von Esslingen, ist man blitzschnell, wenn man mit der S-Bahn nach Obertürkheim fährt und am Bahnhof in den 62er-Bus nach Uhlbach steigt. Ich empfehle diesen Kurzausflug dringend. Auf keine andere Art blickt man so frontal ins wahre Gesicht Stuttgarts.

Uhlbach ist weithin bekannt als Weindorf, und in der jüngeren Geschichte haben die Wengerter alles getan, ihre Erzeugnisse zu veredeln. Ich erlaube mir nicht, mich in die neue Rebenkultur einzumischen. Das überlasse ich Leuten, die ihre Nase minutenlang in das kreisende Weinglas zwischen ihren Pianistenfingern stecken. Dafür kann ich berichten, dass ich im Collegium Wirtemberg, dem Zusammenschluss der örtlichen Weinbauern, aufgeschlossene, angenehme Zeitgenossen getroffen habe.

Ich bin in Uhlbach herumgegangen, in nach Trollinger, Riesling und Sylvaner benannten Straßen, hab im Ochsen die berühmten Brätknöpfle mit Kraut gegessen und mit der Wirtin die Stuttgarter Weltlage besprochen. Im Weinmuseum mitten im Dorf, mit seinen historischen Fachwerk­häusern und der 500 Jahre alten Andreaskirche, habe ich eine Gruppe amerikanischer Ausflügler getroffen. Das alles sind touristische Erfahrungen. Folklore. In mein Notizbuch habe ich schließlich gekritzelt, was Uhlbach spirituell, also horizontmäßig einzigartig macht. An dem topografischen Gebilde dieses Weindorfs erkennen wir so gut wie sonst nirgends die Geschichte und den Charakter Stuttgarts. Uhlbach öffnet sich mir wie ein von Dichter- und Malerhand erschaffenes Miniatur­Modell der Stadt. Eingebettet in Natur, umgeben von Hügeln und Weinbergen, im Kessel von den rauesten Winden verschont, der Himmel nah, über dem Württemberg im benachbarten Rotenberg. Diese Landschaft zeichnet ein Bild davon, wie Ganz-Stuttgart geschaffen ist und wie dumm, unwissend und unsensibel die Immobilienhaie diese Topografie zerstören.

Der Flecken Rotenberg mit der berühmten königlichen Grabkapelle hoch über Uhlbach ist ein politisches Anhängsel von Untertürkheim. Uhlbach gehört zu Obertürkheim. Bei gutem Wetter kann man auch von Uhlbach aus die 1962 ohne Rücksicht auf die Natur erbaute Villa des großen Musikers Karl Münchinger sehen, in den Weinbergen am Rande Rotenbergs. Der Dirigent (1915 bis 1990) hat nach dem Krieg das später weltbedeutende Stuttgarter Kammerorchester gegründet und geleitet. Weiß der Teufel, warum – aber unter den Weinbergen geht zurzeit das Gerücht um, die Villa-Immobilie sei im Visier eines Swingerclubs. Um Irrtümern vorzubeugen: Branchenübliche Swingerclubs haben nichts mit der Musik von Glenn Miller oder Paulchen Kuhn zu tun. Sie sind Triebhäuser für unrhythmisch gelenkten Orchester-Sex. Wie gesagt, ein Gerücht zur Fasnetszeit.

Dann ging es hinauf zur Waldschenke Sieben Linden, auf die Weinberggipfel, Adresse Finsterklinge. Es lag noch Schnee, man fühlt sich beinahe wie in einem Wintersportgebiet. Im Garten des Ausflugslokals mit seinem Holz-Ambiente war der Tannenbaum Anfang Februar noch weihnachtlich geschmückt. Im Innern hing die Fasnetsdekoration. In der Gaststube war es gemütlich warm, die Fleischküchle mit Kartoffelsalat schmeckten ausgezeichnet, und ich schließe daraus, dass die Wirtsleute, beseelt vom schwäbischen Wein-Geist, bis heute von den Milliarden-Investitionen der EU-Banditen verschont geblieben sind. Die Pächterfamilie der Sieben Linden heißt Katranis, und so ging ich mit der Gewissheit ins Tal zurück: Wenigstens in Uhlbach funktioniert die griechische Wirtschaft einwandfrei.



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